Steinhoff-Chef Markus Jooste: Der Zauberer vom Kap
Der Steinhoff-Manager kontrolliert ein riesiges Geflecht an Tochtergesellschaften.
Foto: David Harrison für HandelsblattStellenbosch, Düsseldorf. Der Weg in die Schaltzentrale des Möbelriesen ist verschlungen. Er führt von Kapstadt durch Weinberge und an kalkgetünchten Häuschen mit geschwungenen Giebeln vorbei in eine rasch gewachsene, unübersichtliche Bürostadt. Stellenbosch, einst Heimat der ersten niederländischen Siedler in Südafrika, ist heute Verwaltungssitz vieler Unternehmen burischen Ursprungs. Milliardäre wie etwa Anton Rupert (Dunhill, Cartier, Glashütte, Mediclinc) oder Jannie Mouton (Pioneer Foods, Capitec Bank) haben hier ihre Zentralen gebaut.
Endlich, im Block D des De Wagenweg Office Parks ein elegantes weißes Verwaltungsgebäude mit dunkel verglaster Front. „Steinhoff“ prangt über der Eingangstreppe. Den Hausherr bekam die Öffentlichkeit bislang selten zu sehen: Markus Jooste, Lenker und Chefdenker des Konsumgüterkonzerns. Als Miteigentümer gehört auch er zu den Reichsten Südafrikas.
Im abgedunkelten Konferenzraum empfängt der 56-Jährige an diesem heißen Tag seinen Besuch. Salopp gekleidet, im schwarzen Hemd mit geöffnetem Kragen, bittet er an einen riesigen spiegelglatten Tisch. Sein Blick bleibt prüfend, so als sei er sich nicht sicher, ob er Freund oder Feind geladen hat. „Ich fühle mich nicht so schnell bedroht“, scherzt er, als der Reporter sein Mikrofon auf den Tisch legt. Aber leider habe er Magazin-Artikel auch nie wirklich akkurat gefunden.
Kritische Berichte mehrten sich in letzter Zeit, das „Manager Magazin“ suggerierte gar, sein ganzer Konzern sei „auf Treibsand gebaut“. Er und Großinvestor Christo Wiese bewegten sich „am Rande der Legalität“. Vorwürfe, die das Unternehmen vehement bestreitet. Aber der Kurs der im MDax notierten Aktie sackte auch nach einigen weniger positiven Analystenbewertungen immer weiter ab.
Jetzt also ein Interview. Und da spricht Jooste gleich so viel über seinen Konzern, dass sein Gegenüber kaum noch Gelegenheit bekommt, ihn zu unterbrechen. Fast als müsste er etwas verkaufen. „Steinhoff ist das Geschäft von Unternehmern“, hebt er an. „Die Gründer und die Familie Wiese halten gemeinsam mit den Managern 34 Prozent der Firma.“ Das Geschäft sei kein Schaulauf von Quartalsbericht zu Quartalsbericht. Wer so etwas suche, solle nicht in Steinhoff investieren. „Wir pflanzen jeden Tag neue Bäume, und in 30 Jahren ernten wir. Uns kommt es auf die lange Sicht an, nicht auf die Gewinne im nächsten Vierteljahr.“
Gepflanzt im übertragenen Sinne hat er reichlich. Jooste ist der Mann, der den niedersächsischen Möbelhersteller Steinhoff aus Westerstede bei Oldenburg binnen 15 Jahren zu einem weltweiten Konsumkonglomerat gemacht hat, mit derzeit 12.000 Läden, 130.000 Beschäftigten und etwa 20 Milliarden Euro Umsatz in 32 Ländern. Ein riesiges Geflecht von Tochter- und Untergesellschaften ist unter der Regie des an der Universität Stellenbosch ausgebildeten Rechnungslegers entstanden. Immer neue Handelsketten hat die Steinhoff-Gruppe unter Vorstand Jooste in atemberaubendem Tempo dazugekauft.
Die südafrikanische Pepkor gehörte ebenso zu den Steinhoff-Akquisitionen wie die österreichischen Möbelketten Kika und Leiner sowie eine Joint-Venture-Beteiligung an der Möbelkette Poco. Eine der größten Übernahmen war 2011 Frankreichs Möbelriese Conforama. Sie trug 2016 mehr als ein Viertel zum Konzernumsatz bei und machte Steinhoff praktisch über Nacht zum zweitgrößten Möbelanbieter Europas nach Ikea.
Das 1964 von Bruno Steinhoff als kleiner Möbelhandel gegründete Unternehmen ist heute an einer selbst für Insider nur noch schwer überschaubaren Anzahl von Firmen beteiligt, die praktisch die ganze Wertschöpfungskette von den Wäldern bis zum Laden abdecken.
„Wir schauen auf Unternehmen, die in ihrem Land Nummer eins, zwei oder drei sind. Und dann schauen wir noch auf ihre Profitabilität. Und dabei spielt auch die Größe eine Rolle: Je mehr Volumen durch das Produktions- und Distributionsnetzwerk unseres Unternehmens geht, umso mehr Gewinn bleibt übrig“, erläutert Jooste die Strategie. Dabei achte die Konzernleitung darauf, gerade nur so viel Schulden aufzunehmen, dass die Bonitätsnote der Bonds nicht gefährdet sei. „Wir sind Investoren und managen hier die Bilanzen, nicht das Tagesgeschäft“, sagt der Zahlenmensch. Dieses würde ja von den Managern vor Ort geführt.
Überschatteter Börsengang
Vorläufige Krönung seiner Karriere wäre eigentlich der Börsengang der Steinhoff-Gruppe im Dezember 2015 in Frankfurt gewesen. Doch damals überschattete eine Razzia der Staatsanwaltschaft Oldenburg den Tag. Verdacht auf manipulierte Umsätze. Ermittelt wird auch jetzt noch gegen vier Personen, darunter auch Jooste. Der entschuldigte sich an dem Tag wegen der Behandlung eines wiederkehrend auftretenden schmerzhaften Nackenleidens und eines damit einhergehenden Flugverbots. Firmengründer und Aufsichtsratsmitglied Bruno Steinhoff läutete die Börsenglocke. „Es ist nie angenehm, wenn es solche Untersuchungen gibt“, sagt Jooste, der alle Vorwürfe bestreitet, „aber in einem so großen Konzern kommen sie einfach immer wieder mal vor.“
Zwar ging es seither mit neuen Akquisitionen weiter. Die britische Billigladenkette Poundland kam hinzu und vor allem der US-amerikanische Matratzenhersteller Mattress Firm Holding, der allein 2,4 Milliarden US-Dollar gekostet hat. Aber es mehren sich die kritischen Stimmen.
Vor einem Jahr lobten Fondsmanager Steinhoff noch als Paradebeispiel für ein erfolgreiches Unternehmen, das durch geschickte Integration der Tochtergesellschaften Synergien bestmöglich nutzt. Jetzt aber scheint es, als habe es der Zahlenspezialist Jooste mit dem Management seiner Bilanzen zu weit getrieben, als habe er zu viel gezaubert. „Steinhoff ist einfach nicht transparent“, sagt etwa Analyst Andreas Riemann von der Commerzbank, „mehr und mehr Investoren wollen so einem Konzern einfach nicht mehr ihr Geld anvertrauen.“
Die Börse reagiert entsprechend. Während alle im MDax gelisteten Werte in den vergangenen zwölf Monaten im Schnitt rund 30 Prozent zulegten, ist der Börsenwert von Steinhoff seit August 2016 von 23 Milliarden Euro auf inzwischen 15 Milliarden Euro geschrumpft.
Jooste findet, die europäischen Analysten hätten das Geschäftsmodell einfach noch nicht verstanden. Schon vor zwanzig Jahren, sagt er, sei dies nicht anders gewesen. Damals, 1998, ging Steinhoff von Deutschland aus an die Johannesburger Börse in Südafrika. Sein Management habe laut Jooste „zehn bis zwölf Jahre gebraucht, um den in Afrika ansässigen Investoren unser Geschäftsmodell zu erklären“. Es sei unfair, wenn nicht naiv, von europäischen Investoren nun anderes zu erwarten. „Diese Dinge brauchen Zeit.“
Auch ein Streit mit dem ehemaligen Geschäftspartner Andreas Seifert, Mitinhaber des Möbelgiganten XXXLutz, drückt auf den Aktienkurs. Seifert klagt vor mehreren Gerichten auf Teile des Conforama-Konzerns und die Hälfte der Poco-Märkte aus früheren Joint-Venture-Abkommen. Beide Konzerne hat die Steinhoff-Gruppe bislang voll in ihren Bilanzen stehen. Im schlimmsten Fall müsste Steinhoff größere Teile auf der Aktivseite löschen. Jooste aber hat Rechtsexperten mit der Prüfung des Streits beauftragt. Er fühlt sich bei der Bilanzierung auf der sicheren Seite.
Die nächste Hiobsbotschaft: Die Schweizer „Handelszeitung“ berichtet über finanzielle Verschiebungen zwischen mit dem Konzern direkt oder indirekt verbundenen Unternehmen. Es soll auch hier um dreistellige Millionenbeträge gegangen sein, ähnlich wie bei den Ermittlungen der Oldenburger Staatsanwaltschaft. Auch hier bestreitet die Steinhoff-Gruppe alle Vorwürfe.
„Alles verlief absolut korrekt“, beteuert Jooste, „das haben die von uns beauftragten außenstehenden Juristen und Wirtschaftsprüfer nach ausführlichen Untersuchungen bestätigt.“
Analysten kritisieren aber auch den gewaltigen Zukauf der Matratzenkette in den USA. Auf Anhieb hat er dem Steinhoff-Konzern einen Anteil von 25 Prozent am amerikanischen Markt verschafft. Vom bisherigen Zulieferer hat Steinhoff sich dort getrennt. Ein großer Teil der Produktpalette musste ersetzt werden. 1600 Läden habe man dort darüber hinaus umbenannt. 48 Millionen einmalige Kosten und 100 Millionen Marketingaufwand meldete der Konzern. „Selbst wir haben nicht erwartet, dass das erste Jahr derart hart würde“, gesteht Jooste ein. Von weiteren Zukäufen hat die Steinhoff-Gruppe seither erst einmal abgesehen.
Briefkastensitz in Amsterdam
Nein, versichert Commerzbank-Analyst Riemann, die Steinhoff-Gruppe sei nicht auf Treibsand gebaut. Anleger müssten keine Katastrophe fürchten. Er selbst hat die Aktie auf „Halten“ gesetzt. Ein Großteil der Analysten empfiehlt sie sogar beim derzeitigen Preis zum Kauf. Aber die Verwirrung bleibt.
Mehrere Firmendiagramme hat das Handelsblatt zu Gesicht bekommen. Dort wimmelt es von Investmentfirmen, Tochter- und Muttergesellschaften. Die Holding des Konzerns, Steinhoff International B.V., ist aus Steuergründen an einer Gracht in Amsterdam gelegen. Rund hundert weitere Firmen seien dort gemeldet, sagt die örtliche Handelskammer.
In der 9600 Kilometer entfernten eigentlichen Firmenzentrale ist nach eineinhalb Stunden die Zeit für das Handelsblatt um, das Mikrofon ist aus, Markus Jooste führt ohne Umwege zur Tür. Er wirkt jetzt entspannt. Wenn ihm der Ruf seines Konzerns wichtig ist, wird er die Presse wohl noch öfter zu sich bitten müssen.