Steinhoff-Chefaufseher Christo Wiese: Der Jongleur im Hintergrund
Sein Vermögen wird auf 5,7 Milliarden Euro geschätzt.
Foto: BloombergKapstadt, Düsseldorf, Bangkok. Wer dieser Tage in Deutschland eine Matratze oder einen Wandschrank kauft, wird kaum wissen, dass ein Teil seines Geldes womöglich in die Taschen eines Milliardärs aus Südafrika fließt: Christo Wiese ist nach Berechnungen der Johannesburger „Sunday Times“ mit geschätzten 80 Milliarden Rand und umgerechnet 5,7 Milliarden Euro gegenwärtig der reichste Mann Südafrikas. Doch damit könnte es seit Mittwoch vorbei sein.
Einen Teil seines Reichtums verdankt der 76-jährige Bure aus der Kleinstadt Upington am Rand der Kalahari-Halbwüste dem Möbelhändler Steinhoff, der seit Dezember 2015 im MDax notiert ist. Gut 20 Prozent der Aktien gehören Wiese. Dem Steinhoff-Konzern geht es derzeit jedoch gar nicht gut. Die Steinhoff-Aktie ist am Mittwoch drastisch eingebrochen. Der langjährige Vorstandschef Markus Jooste hatte seinen Rücktritt angeboten, und Joostes langjähriger Mentor und Aufsichtsratschef Wiese nahm das Angebot an. Nun führt Wiese vorerst die Geschäfte von Steinhoff.
Er soll den Neuanfang des weltweit zweitgrößten Möbelkonzerns nach Ikea moderieren. Dabei könnte ihm das intransparente System nicht unbekannt sein, das Steinhoff erst in Schwierigkeiten brachte. Die 1964 von Bruno Steinhoff als Möbelhandel gegründete Firma baut auf einem weitverzweigten Netz an Beteiligungen auf, darunter Poco in Deutschland und Conforama in Frankreich.
Wiese, der seinen Wohnsitz in einer Villa in Kapstadts bestem Viertel Clifton hat, ist mit 18 Prozent Mehrheitsaktionär der führenden südafrikanischen Supermarktkette Shoprite. Dort hält er mit einer speziellen Konstruktion mit 50,9 Prozent sogar die Stimmenmehrheit. Mit einem Börsenwert von sieben Milliarden Euro ist Shoprite zwar kleiner als Steinhoff, aber dennoch Pionier. Von Südafrika aus betreibt Shoprite systematisch die Expansion in Afrika. Zum Konzern gehören neben den Supermärkten auch Apotheken, Finanzdienstleister, die Imbisskette „Hungry Lion“ und eben auch Möbelhändler. Mit Niederlassungen in 15 Ländern ist Shop‧rite heute der größte Einzelhändler in Afrika.
Seit langem war es Wieses Absicht gewesen, Shop‧rite und Steinhoff trotz unterschiedlicher Geschäftsfelder zu fusionieren. Das Vorhaben stieß aber nicht nur bei den meisten Analysten und Fondsmanagern, sondern sogar bei der gerade erst in Ruhestand getretenen Shoprite-Legende, dem langjährigen Vorstandschef Whitey Basson, auf wenig Gegenliebe.
Hier tagte am Dienstag der Aufsichtsrat.
Foto: David Harrison für HandelsblattMit dem Rückzug Bassons zum Jahresende schien der Weg für die Fusion mit Steinhoff nun frei. Als dann aber zu Beginn dieser Woche mit dem mächtigen südafrikanischen Pensionsfonds PIC ein alter Unterstützer des Vorhabens seinen Widerstand gegen die Pläne anmeldete, gab sich Wiese schließlich geschlagen und beendete auch offiziell die zwei Monate zuvor gestarteten Gespräche. Für den umtriebigen Wiese war dies zwar ein herber Rückschlag, aber noch lange kein verlorener Krieg.
Nun muss Wiese bei Steinhoff bis auf Weiteres noch einmal selbst ran. Langjährige Weggefährten beschreiben Wiese als „klugen Mann und großartige Führungspersönlichkeit“, als einen, der immer ein Händchen für die richtigen Manager hatte. „Er wird sehr enttäuscht von Jooste sein“, sagt ein Intimus. Schließlich habe Jooste einmal als Wirtschaftsprüfer bei einer von Wieses Unternehmen angefangen. Wiese war lange Joostes Mentor und vertraute Jooste so sehr, dass er einen Großteil seines Vermögens in die Steinhoff-Gruppe einbrachte.
Internationale Aufmerksamkeit erregte Wiese erstmals mit einem Vorfall im Jahr 2009. Am Flughafen wurde er mit verdächtigem Gepäck aufgegriffen: Er trug auf dem Weg nach Luxemburg 1,1 Millionen US-Dollar in bar mit sich. Die britischen Behörden konfiszierten die Summe, es wurde über einen möglichen Geldwäscheskandal spekuliert. Er verteidigte sich mit dem Selbstbewusstsein eines Superreichen: „Das sind für mich nur Peanuts“, sagte er. Er ließ es sich aber nicht nehmen, das Geld mit Zinsen von den Behörden zu erstreiten.
Mit der für einen Buren nicht ungewöhnlichen Direktheit meldet er sich auch politisch immer öfter zu Wort. In einem Oxfam-Report wird Christo Wiese als einer von drei Geschäftsleuten in Südafrika genannt, dessen Reichtum angeblich so hoch sei wie der Besitz der unteren 50 Prozent in Südafrika. Die Aussage ist umstritten. Doch Wiese konterte darauf, dass, selbst wenn die Reichtumsverteilung so wäre, dies nicht die radikale Politik rechtfertige, die der ANC zuletzt gegen weiße Unternehmer eingeschlagen habe. Nach dem Steinhoff- Desaster müssen die Rechnungen über Wieses Reichtum ohnehin neu aufgestellt werden.