Steinhoff-Aktie: Der tiefe Fall eines Börsenstars
Die Konzernmutter der Möbelhauskette versinkt in einem Bilanz-Skandal.
Foto: HandelsblattDüsseldorf. Vom Dax-Aspiranten zum Pennystock: Mehr als sechs Euro kostete im Sommer vergangenen Jahres eine Steinhoff-Aktie. Der deutsch-südafrikanische Konzern war 24 Milliarden Euro wert. Damit stand der Möbelhändler, zumindest was den Börsenwert angeht, auf dem Sprung in den Dax. Hier sind gleich zehn Unternehmen weniger wert, der Medienkonzern Pro Sieben Sat 1 bringt es aktuell auf 6,3 Milliarden Euro – wohlgemerkt nach der rasanten Kursrally in den vergangenen Wochen infolge des Konzernumbaus und des Rücktritts von Konzernchef Thomas Ebeling.
Steinhoff, mit Wurzeln im nordwestdeutschen Westerstede an der Grenze zu Ostfriesland, profitierte lange Zeit von seinem aggressiven Wachstum. In den ersten neun Monaten des Ende September endenden Geschäftsjahres legte der Umsatz um fast 50 Prozent auf 15 Milliarden Euro zu. Verantwortlich sind viele Übernahmen, wie zuletzt die des amerikanischen Matratzenhändlers Mattress, der britischen Einzelhandelskette Poundland und der australischen Möbelgruppe Fantastic. Die französische Einrichtungskette Conforama trug 2,7 Milliarden Euro zum Umsatz bei. In den vergangenen fünf Jahren hat Steinhoff seinen Umsatz von 4,5 auf 13,5 Milliarden Euro verdreifacht.
Doch es war keineswegs nur Masse, weswegen Anleger die Steinhoff-Aktie kauften. Das schnelle Wachstum schien auf solidem Fundament zu stehen. Seit 2011 stieg der operative Gewinn vor Steuern und Zinsen von 530 Millionen Euro auf 1,5 Milliarden Euro. Die Umsatzrendite von elf Prozent konnte sich mehr als sehen lassen. Die meisten Handelskonzerne sind weniger profitabel, erst recht im Niedrigpreissegment, wo Steinhoff zu Hause ist.
Das Handelsblatt wollte es vor gut sechs Wochen genau wissen und verglich Masse (Umsatz) und Klasse (Gewinn), die Rendite auf das eingesetzte Kapital (Eigenkapitalrendite) und die Bewertung der Aktien (Kurs-Gewinn-Verhältnis) bei allen Unternehmen im HDax. Das sind mehr als 100 Konzerne, die in den vier deutschen Premium-Börsenindizes Dax, MDax, TecDax und SDax notieren und sich damit den besonders strengen Berichts- und Transparenzrichtlinien unterwerfen. Aus diesem Vergleich entstand ein Ranking.
Das damalige Ergebnis: Gemessen an diesen wichtigen Kennzahlen bilanzierte kein anderer Konzern so starke Zahlen wie Steinhoff. Zugleich war die Aktie aus Sicht der Anleger immer noch günstig bewertet. Wer die Aktie kaufte, bezahlte sie mit dem zwölffachen Jahresgewinn pro Anteilsschein. Das ist nicht viel – und im Vergleich zu fast allen anderen Aktien sogar preisgünstig.
Aber: Der Verdacht auf Ungereimtheiten verhinderte, dass das Handelsblatt das Unternehmen und die Aktie porträtierte. Denn schon damals gab es mehr als nur vage Gerüchte. Die Staatsanwaltschaft Oldenburg ermittelte gegen Steinhoff. Dabei ging es um Unregelmäßigkeiten bei der Konsolidierung von Gemeinschaftsunternehmen und um den Verdacht, dass überhöhte Umsatzerlöse in die Bilanzen konzernzugehöriger Gesellschaften geflossen sind. Das Management wies alle Vorwürfe unredlicher Geschäftspraktiken prompt zurück.
Doch anders als im Zivilleben galt an den Finanzmärkten schon damals die Unschuldsvermutung nicht mehr. Die Aktie zählte fast täglich zu den größten Verlierern im ansonsten boomenden MDax. Zwischen Juni und November verlor sie ein Drittel an Wert. Da halfen auch alle Dementis und Beschwichtigungen des Konzerns nichts. Auch nicht, dass Steinhoff im Herbst seine Südafrika-Aktivitäten an die Börse brachte, was eine Milliarde Euro in die Kassen spülte und als Befreiungsschlag angesichts der Gerüchte um Bilanzfälschung wirken sollte.
Nach dem Eingeständnis des Vorstands vom Dienstag, dass in Bezug auf Bilanzunregelmäßigkeiten neue Informationen ans Licht gekommen seien, die weitere Nachforschungen erforderlich machten, brach die Aktie um 60 Prozent ein. Aktuell ist Steinhoff nur noch vier Milliarden Euro wert. Mit zeitweise weniger als einem Euro stürzte der Anteilsschein auf Pennystock-Niveau ab. Analysten zogen die Reißleine und empfahlen die Aktie zum Verkauf. Einmal mehr folgten sie dem Trend – so, wie sie vorher das Wachstum mit Kaufempfehlungen honorierten.
Der Fall Steinhoff zeigt Anlegern einmal mehr, dass kein Engagement an der Börse risikolos ist. Davor schützt auch der MDax nicht, in dem Steinhoff notiert und in dem strenge Publizitätspflichten gelten.
Anleger können daraus nur einen Schluss ziehen: niemals das Geld nur einem Unternehmen anvertrauen. Dieser Ratschlag ist zwar so alt wie die Börse selbst – hat aber dennoch nichts von seiner Aktualität eingebüßt. Steinhoff wird nicht das letzte Unternehmen bleiben, das die Vorlage seiner Bilanz verschiebt, weil es Unregelmäßigkeiten gibt.