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Volvo und GeelyErst Autos, jetzt auch Lastwagen

Der chinesische Autobauer Geely übernimmt den Anteil von Cevian am Lkw-Hersteller Volvo. Die Schweden bekommen damit einen neuen mächtigen Eigner, der auch schon die gleichnamige Pkw-Marke besitzt.Stefan Menzel, Stephan Scheuer, Helmut Steuer 27.12.2017 - 17:46 Uhr Artikel anhören

Seit 1999 getrennte Unternehmen.

Foto: Volvo

Düsseldorf/Stockholm. Seit bald 20 Jahren gehen sie getrennte Wege, doch ausgerechnet Chinesen könnten die beiden schwedischen Firmen wieder zusammenbringen. Der Autobauer Geely, der Eigentümer des Pkw-Herstellers Volvo aus Göteborg, steigt nun auch beim gleichnamigen Lastwagen-Bauer ein. Die Holding aus der Volksrepublik übernimmt die Beteiligung des Finanzinvestors Cevian Capital am börsennotierten Unternehmen Volvo AB im Marktwert von fast 2,8 Milliarden Euro und steigt dadurch mit 8,2 Prozent zum zweitgrößten Einzelaktionär des Lkw- und Omnibus-Herstellers auf, wie Cevian und Geely am Mittwoch bestätigten. Einem Bericht der schwedischen Zeitung „Dagens Nyheter“ zufolge haben die Chinesen 3,25 Milliarden Euro für das Anteilspaket bezahlt. Geely und Cevian wollten sich zum Kaufpreis nicht äußern.

Der Ausstieg von Cevian war schon länger erwartet worden. Durchschnittlich hält der vom Schweden Christer Gardell mitgegründete Fonds seine Beteiligungen nur rund fünf Jahre. Bei Volvo Trucks war Cevian schon vor elf Jahren eingestiegen, der Rückzug war also überfällig. Für eine Überraschung sorgte vielmehr der Name des Käufers: Mit dem chinesischen Autokonzern Geely steigt ausgerechnet das Unternehmen ein, dem schon der Pkw-Hersteller Volvo Cars gehört. Durch den Einstieg beim Lkw-Produzenten Volvo Trucks, so wird spekuliert, könnten die seit 1999 getrennten Unternehmen wieder zusammengeführt werden.

Doch zumindest kurzfristig erscheint das wenig wahrscheinlich. Denn dazu müsste auch noch ein anderer Volvo-Anteilseigner seine Aktien verkaufen. Nach dem Erwerb des Cevian-Anteils hält Geely künftig 8,2 Prozent des Aktienkapitals und 15,6 Prozent der Stimmrechte. Die schwedische Beteiligungsgesellschaft Industrivärden bleibt mit 21,8 Prozent der Stimmrechte mächtigster Volvo-Aktionär; im Gegensatz dazu hält die Beteiligungsgesellschaft nur 6,7 Prozent des Kapitals.

Bei Industrivärden wollte man den Geely-Einstieg bei Volvo Trucks nicht kommentieren. Die Investmentgesellschaft hatte zuletzt ihre Anlagestrategie verändert: Eine hohe Rendite ist heute wichtiger als eine langfristige industrielle Beteiligung.

Insofern wird in Schweden bereits darüber spekuliert, dass Industrivärden seinen Volvo-Anteil möglicherweise ebenfalls an Geely veräußern könnte. Ein Geely-Sprecher jedoch sagte, dass es derzeit keine Pläne gäbe, den Anteil weiter zu erhöhen.
Ein Sprecher von Volvo Trucks gab sich reserviert: „Wir werden die neuen Anteilseigner genauso behandeln wie unsere anderen Aktionäre“, erklärte er. Volvo AB ist als Großaktionär der Lkw-Sparte von Dongfeng sowie mit einer eigenen Baumaschinen-Produktion bereits in China vertreten.

Mit Geely bekommt der Lkw-Hersteller Volvo Trucks einen neuen mächtigen Eigner, der bereits auf viel Erfahrung mit einem schwedischen Unternehmen zurückblicken kann. 2010 hatte Geely die Pkw-Marke Volvo von Ford übernommen. Den Amerikanern, die Volvo Cars 1999 gekauft hatten, war es nie gelungen, die schwedische Marke aus den roten Zahlen zu führen.

Auch nach der Übernahme durch Geely lief es bei Volvo Cars zunächst nicht rund. Gerüchten zufolge gab es anfangs große Meinungsverschiedenheiten über den Kurs des Autoherstellers. Auch die kulturellen Gegensätze sollen die Zusammenarbeit behindert haben. Galt die chinesische Übernahme des schwedischen Traditionsunternehmens zunächst als missglückt, hat sich der Einstieg der Chinesen in späteren Jahren als Erfolgsgeschichte erwiesen. Volvo Cars schreibt wieder schwarze Zahlen, und die neuen Modelle erfreuen sich in Europa und vor allem in China immer größerer Beliebtheit. Unter dem chinesischen Besitzer entwickelte Volvo auch eine neue Elektrostrategie: Von 2019 an sollen alle neuen Volvo-Modelle mit einem Elektromotor ausgestattet sein — entweder als Hybrid oder als reines Elektrofahrzeug.

Im Lkw-Bereich dagegen kennt sich Geely nicht aus. Allerdings unterstreichen Analysten wie Hampus Engellau von Handelsbanken, dass die Chinesen mit der Übernahme von Volvo Cars bewiesen hätten, dass sie schnell dazulernen könnten. Inzwischen hätten sie genug Erfahrungen damit gesammelt, einen westlichen Konzern zu lenken.

Geely steigt bei einem inzwischen wieder erfolgreichen Lkw-Hersteller ein. Cevian hatte während seiner Zeit als Großaktionär das Management ausgetauscht und das Unternehmen wieder profitabel gemacht. Derzeit ist Volvo nach Daimler der zweitgrößte Lkw-Produzent der Welt. Zu Volvo gehören außerdem die Marken Renault, Mack und Nissan.
„Geely ist für Volvo ein Gewinn“, sagte Cevian-Mitgründer Christer Gardell in Stockholm. Die Schweden bekämen mehr Unterstützung auf dem chinesischen Markt, außerdem könnte Geely bei der Elektrifizierung helfen. Allerdings ist es für den chinesischen Konzern auch eine neue Situation. Denn während die Manager beim Pkw-Produzenten Volvo Cars als alleinige Besitzer schalten und walten können, wie sie wollen, müssen sie beim Lkw-Hersteller gleichen Namens mit dem zweiten Großaktionär Industrivärden kooperieren.

Cevian hat zwei Milliarden verdient

Für Cevian hat sich das Investment gelohnt. Der Fonds hat nach eigenen Angaben zwei Milliarden Euro damit verdient. Für die Finanzbranche gilt das als einer der größten Erlöse, die jemals durch einen Anteilsverkauf erreicht worden sind.
Sollte Industrivärden ebenfalls seinen Volvo-Anteil abstoßen, könnte Geely die Pkw- und die Lkw-Sparten nach dem Vorbild von Volkswagen und Daimler unter einem Konzerndach zusammenfassen. Ein gemeinsamer Einkauf und eine koordinierte Forschung könnten die Kosten drücken.

Der Griff nach der Lkw-Sparte von Volvo ist der logische nächste Schritt für die Chinesen. Geely-Chef Li Shufu hatte im vergangenen Jahr den Kauf der Automarke Volvo als die beste Entscheidung in der Geschichte seines Unternehmens bezeichnet. Mit kräftigen Investitionen und einem Fokus auf den Wachstumsmarkt China führte Li Volvo zu neuer Größe. Heute genießt die Marke auf dem weltweit größten Automarkt einen sehr guten Ruf, auch weil sie für eine eigenständige schwedische Ingenieurs- und Managementkunst steht, und nicht für den verlängerten Arm eines chinesischen Autoherstellers.

Geely will nun den Erfolg mit der Lkw-Sparte wiederholen. „Mit unserer Erfahrung bei Volvo Cars erkennen und schätzen wir den Wert der skandinavischen Geschichte und Kultur“, sagte Li Shufu nach der Vertragsunterzeichnung mit Cevian. Geely-Vizepräsident und Finanzchef Li Donghui wurde noch etwas konkreter bei den Zukunftsplänen für Volvo Trucks. „Die Geely-Holding wird ihr globales Wissen, die Expertise auf dem chinesischen Markt, die Forschung und Entwicklung im Bereich der E-Mobilität, dem automatisierten Fahren und der digitalen Vernetzung mit einbringen“, sagte er.

Auch für die Lkw-Branche in China wird eine zunehmend dominante Rolle von Fahrzeugen mit Elektroantrieb erwartet. Die Logistikbranche in der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt ist zersplittert. In einer Hochrechnung aus dem Jahr 2012 wurden insgesamt neun Millionen Lkw-Firmen gezählt, sechs Millionen davon besaßen zu dieser Zeit nur ein Fahrzeug. Viele der chinesischen Lastwagen sind verwaltet, ein großer Umbruch in der Branche steht bevor.

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Geely hat Ambitionen, von China aus zu einem weltweiten Fahrzeughersteller aufzusteigen. Mit dem Einstieg bei Volvo Trucks in Schweden besetzen die Chinesen erstmals auch das Feld mit schweren Lastwagen. Nach ihren positiven Erfahrungen mit den Volvo-Pkws setzen sie nun auf eine verstärkte Expansion im Bereich der Premium-Personenwagen. Mit Lynk & Co schickt der Geely-Konzern eine zweite Premiummarke ins Rennen, die sich weltweit behaupten soll. Geely nutzt dabei auch das Know-how von Volvo. Der Verkauf der neuen Lynk-Fahrzeuge soll zunächst in China beginnen und danach auf die anderen wichtigen Automobilmärkte ausgeweitet werden.

Geely steht für eine grundsätzliche Veränderung der chinesischen Automobilhersteller: Sie haben zur westlichen Konkurrenz aufgeschlossen und produzieren heute wettbewerbsfähige Produkte. Die chinesischen Hersteller dürften einen ähnlichen Weg nehmen wie japanische und koreanische Produzenten.

Parallel dazu steigt auch die Finanzkraft von Unternehmen wie Geely, die sich einen Einstieg wie bei Volvo leisten können. Vor wenigen Wochen hielt sich an den Börsen hartnäckig das Gerücht, das Geely einen Einstieg bei Daimler plane.

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