KI-Briefing: Mutig, nicht souverän – die KI-Fabrik der Telekom im Check
Wenn Sie nur wenig Zeit haben, liebe Leserinnen und Leser,
dann geht es Ihnen wie Larissa Holzki. Kurz vor dem Handelsblatt-KI-Summit kommende Woche hat sie noch viel vorzubereiten. Daher hat sie mich gebeten, heute über die wichtigsten KI-News der Woche zu schreiben. Künftig werden Sie von mir hier häufiger lesen.
Nvidia-CEO Jensen Huang ist nach Berlin geflogen, um mit Telekom-Vorstandschef Timotheus Höttges den Start eines Rechenzentrums für Künstliche Intelligenz bekannt zu geben. In München sollen 10.000 Hochleistungschips von Nvidia verbaut werden. Die Anlage soll bereits 2026 an den Start gehen.
Warum das wichtig ist: Weil es endlich ein konkretes Projekt ist, um Deutschland im Wettrennen um Infrastruktur für Künstliche Intelligenz voranzubringen. Seit Monaten beteuern Vertreter aus Industrie und Politik, dass sich die Bundesrepublik nicht abhängen lassen darf. Jetzt gibt es auch ein konkretes Vorhaben.
Jensen Huang war nicht verlegen, seine Rolle bei dem Projekt zu betonen. „Ich hatte diese großartige Idee als Erstes und bin damit auf die Telekom zugegangen“, sagte er bei der Auftaktveranstaltung, die mein Kollege Christof Kerkmann besucht hat.
Klar, Huang will seine Chips verkaufen. Da kommt ihm die Partnerschaft mit der Telekom gerade recht. Aber allein das Tempo bei dem Projekt ist beachtlich. Im Sommer war Huang das erste Mal in Berlin. Rund ein halbes Jahr später soll die Anlage bereits in Betrieb gehen. Dafür will die Telekom ein altes Rechenzentrum nutzen. Wer sich in der Branche auskennt, der weiß: Solche Projekte dauern eigentlich zwei Jahre und länger – vor allem aufgrund der Genehmigungsverfahren.
Höttges hatte bei der Auftaktveranstaltung gleich noch die Chefs von SAP und Deutscher Bank mit auf die Bühne geholt sowie Digitalminister Karsten Wildberger von der CDU und Forschungsministerin Dorothee Bär von der CSU. Die Botschaft: Es gibt ein konkretes Projekt mit Partnern, Kunden und politischer Rückendeckung.
Ich halte das für einen Schritt in die richtige Richtung. Telekom-CEO Höttges handelt, statt abzuwarten. Seit meiner Zeit als Korrespondent in China und den USA kommen mir die Firmenchefs in Deutschland oft zu zögerlich vor. Das ist mal ein richtiger Vorstoß. Bitte mehr davon!
Mutig, aber nicht souverän – die KI-Fabrik der Telekom im Check
Aber einen Haken gibt es. Die Beteiligten verkaufen das Vorhaben als „digitale Souveränität“. Das halte ich für falsch. Ohne die Amerikaner, namentlich Nvidia, wäre das Projekt undenkbar. Ein Großteil der veranschlagten Investitionssumme von einer Milliarde Euro fließt ohnehin zurück an den Konzern aus Santa Clara. Denn die Chips der Kalifornier sind teuer. 60 bis 70 Prozent der Gesamtsumme gehen für die Halbleiter drauf, sagte mir Newstreet-Research-Analyst James Ratzer.
Damit ist das Projekt beides: ein mutiger Schritt und gleichzeitig ein Symbol für unsere Abhängigkeit.
Ich übergebe an dieser Stelle zunächst zurück an Larissa Holzki.
Worüber die Szene spricht
Über NEO, den Haushaltsroboter des Start-ups 1X. Im Werbevideo auf Youtube trägt er Kisten, macht die Wäsche und räumt die Spülmaschine aus. Doch jetzt gilt er vielen Kommentatoren im Netz als Symbolbild dafür, dass die Robotik längst nicht so weit ist, wie manche Tech-Unternehmen es darstellen.
Was dahintersteckt? Neo erledigt seine Aufgaben gar nicht selbstständig. Die „Wall Street Journal“-Journalistin Joanna Stern hat NEO getestet und mit Gründer Bernt Børnich über ihre Erfahrung gesprochen: Keine der beworbenen Tätigkeiten konnte NEO von allein ausführen. Stattdessen wurde er aus der Ferne per Virtual-Reality-Brille und mittels Controllern gesteuert.
Vorläufig läuft das Geschäftsmodell von NEO nämlich so:
Nutzer können den Roboter im Abo für 500 Euro mieten oder für 20.000 Euro kaufen. Und immer dann, wenn NEO beispielsweise die Teller in den Schrank räumen soll, übernimmt ein Mensch aus der Ferne die Kontrolle über den Roboter und lässt ihn die Aufgabe ausführen.
Viele, die von dieser Fake-Autonomie gehört haben, reagieren mit Spott. Meine Kollegin Lina Knees, die sich viel mit Robotern und sogenannter Physical AI beschäftigt, kann das nachvollziehen: Schließlich wirkt NEO im Werbespot weitaus leistungsfähiger, als er ist. Doch Kritiker übersehen einen entscheidenden Punkt: Durch die Fernsteuerung werde ein Datenschwungrad in Gang gesetzt.
In einer anderen Recherche hat Lina unter anderem mit dem Gründer von Sereact gesprochen. Auch das Stuttgarter Unternehmen hat eine spezielle Datenstrategie, die Roboter besser machen soll. Dabei sammeln frühe Generationen von Systemen Daten, die dann in das Training neuer Roboter einfließen. So sei es auch bei 1X vorgesehen.
Im Interview mit dem „Wall Street Journal“ erklärt Robotik-Unternehmer Børnich, NEO solle durch die Fernsteuerung lernen, wie Menschen verschiedene Aufgaben erledigen, und dadurch wirklich autonom werden. Nutzer erklärten sich damit vertraglich einverstanden. Ohne die Daten aus echten Haushalten könne seine Firma das Produkt nicht verbessern.
Tatsächlich gehen andere Unternehmen ähnliche Wege. So soll
der Autokonzern Tesla seinen humanoiden Roboter Optimus durch Fernsteuerung trainieren. Auch Sereact und das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz experimentieren mit ähnlichen Ansätzen.
Ob das ausreichen wird, muss sich zeigen: Für das Training von Robotik-KI werden riesige Datenmengen benötigt. Der Forscher Ken Goldberg spricht von einer „100.000-Jahres-Lücke“. Meine Kollegin Lina ist jedenfalls skeptisch, dass NEO genug Kunden findet, um die erforderlichen Datenmengen zu sammeln.
Als wir über die Fernsteuerung gesprochen haben, hat sie mir auch erzählt, dass die Methode für die Menschen hinter den Robotern gar nicht einfach ist. Sie selbst durfte es bei einem Besuch des Robotik-Start-ups Sereact ausprobieren. Dort sollte sie eine Virtual-Reality-Brille aufsetzen und einen Greifarm steuern. Sie sagt, sie habe sich so ungeschickt angestellt, dass ein Mitarbeiter das System neu starten musste – „und das war nur ein Arm!“
Vielleicht sollten wir die noch etwas unbeholfenen NEO-Roboter und ihre heimlichen Helfer also doch etwas mehr bestaunen!
Was Sie sonst noch wissen sollten
1. Der Bundesdigitalminister Karsten Wildberger plant einen KI-Schub für die Verwaltung. Mithilfe von Bürokratieabbau und KI will der CDU-Politiker Verwaltungskosten senken und Prozesse beschleunigen. Besonders bei Genehmigungsverfahren sieht er großes Automatisierungspotenzial. Erste Pilotprojekte sollen 2026 starten. Unser Chefredakteur Sebastian Matthes hat mit Wildberger über das große Ziel eines „digitalen Staats“ gesprochen.
2. Google investiert Milliarden in KI-Infrastruktur in Deutschland. Der Tech-Konzern will seine Rechenzentren massiv ausbauen und die Standorte Berlin, Frankfurt und München stärken. Politisch ist der Deal ein Signal für den Standort Deutschland – und zugleich ein Symbol für Europas technologische Abhängigkeit von US-Konzernen. Meine Kollegen Moritz Koch und Stephan Scheuer berichten, welche Rechenzentren in Deutschland außerdem geplant sind und wer davon besonders profitiert.
3. Mimic Robotics entwickelt KI-gesteuerte Roboterhände. Dafür hat das Züricher Start-up jetzt 16 Millionen US-Dollar von Investoren erhalten. Die Ausgründung der renommierten Uni ETH will damit dem Mangel an Arbeitskräften in Industrie und Logistik begegnen. Meine Kollegin Luisa Bomke berichtet, wie das Team die Maschinen an ihre jeweilige Umgebung anpasst – und warum es nichts von humanoiden Robotern hält.
4. Ein bekannter Investor aus Stockholm will mit einem neuen Fonds Start-ups finanzieren – vor der Gründung. Mit seinem „Inception Fund“ will Oliver Molander weltweit technische Talente finden, die das Zeug und eine gute Idee für eine Unternehmerkarriere haben. Dabei setzt der gebürtige Finne unter anderem auf Mitarbeiter erfolgreicher Start-ups, die selbst gründen wollen. Bei dem Ziel, die aussichtsreichsten „0,1 Prozent“ zu finden, setzt er auf sein Netzwerk. Dazu gehören etwa seine Portfoliofirmen Lovable und Legora, die Superstars der aufstrebenden KI-Szene in Stockholm – und wohl auch ein Teil seiner 80.000 Follower auf LinkedIn.
5. SAP trainiert sein eigenes KI-Basismodell auf Tabellen und Geschäftszahlen. Deutschlands größter Technologie-Konzern hat auf seiner Entwicklerkonferenz das Modell „RPT-1“ vorgestellt. Es soll tabellarische Daten analysieren und Prognosen erstellen können. So lässt sich beispielsweise kalkulieren, mit welcher Wahrscheinlichkeit bestimmte Zahlungen ausfallen. Mein Kollege Christof Kerkmann berichtet über die Besonderheiten des SAP-Modells und zeigt auf, wer noch an tabellarischen KI-Modellen arbeitet.
Grafik der Woche
Inzwischen werden mehr neu veröffentlichte Texte im Netz von KI geschrieben als von Menschen. Das zeigt eine Analyse der Marketingagentur Graphit.io. Grundlage waren Daten der Plattform „Common Crawl“, die Firmen für das Training ihrer KI-Modelle nutzen.
Das Problem: Wenn künftige Modelle mehr mit KI-generierten Texten gefüttert werden, kann die Qualität ihrer Antworten sinken. Fachleute nennen das „Modellkollaps“ oder „Modelldrift“.
Die Autoren der Studie merken allerdings an, dass der Anteil nicht weiter zu steigen scheint. Sie vermuten, dass KI-generierte Artikel in Onlinesuchen nicht so gut abschneiden wie klassisch geschriebene Artikel.
Was wir lesen
Adobe hat eine KI entwickelt, die Emotionen in Sprachaufnahmen verändern kann. „Corrective AI“ kann einen neutralen Sprecher in Sekunden selbstbewusster klingen oder flüstern lassen. (Wired)
Eine KI kann nun beschreiben, was Menschen sehen oder sich vorstellen. Das „Mind Captioning“ wandelt Hirnaktivität in Sätze um und könnte Schlaganfallpatienten helfen, sich wieder auszudrücken. (Nature)
KI-Investments liegen auf Kurs, den Rekord des Vorjahres zu verdoppeln. Doch das ist nur ein Teil der Geschichte, zeigt der Bericht zum „State of AI“ für das dritte Quartal. (CB Insights)
US-Unternehmen haben im Oktober so viele Stellen gestrichen wie seit mehr als 20 Jahren nicht mehr. Besonders bei Tech- und Logistikfirmen wird abgebaut – getrieben durch Kostendruck und KI. (Bloomberg)
Die EU-Kommission will den AI Act deutlich entschärfen und die Einführung des KI-Gesetzes verschieben. Davon könnten Firmen wie Mistral profitieren. (Handelsblatt)
Perplexity hat einen Rechercheassistenten für Patente gelauncht. Damit sollen Ingenieure und Forscher frühere Erfindungen schneller finden. (Axios)
Zum zehnten Mal haben das Handelsblatt und die Unternehmensberatung McKinsey den Digitalpreis „The Spark“ verliehen. Dabei werden jedes Jahr Start-ups aus Deutschland, Österreich und der Schweiz ausgezeichnet, deren Ideen das Potenzial haben, Märkte grundlegend zu verändern. Dieses Mal lag der Schwerpunkt auf forschungsgetriebenen Unternehmen, die auch als „Deeptech“ bezeichnet werden.
Bei der Preisverleihung am Donnerstagabend in München wählte die Jury die Gewinner aus zehn Finalisten. Den ersten Platz belegte Black Semiconductor. Das Aachener Start-up entwickelt eine Verbindungstechnik, mit der Chips nicht mehr über elektrische Leitungen, sondern mithilfe von Licht kommunizieren. Möglich wird das durch Graphen – eine Struktur aus Kohlenstoff, die die Dicke einer Atomschicht hat.
Auch das drittplatzierte Start-up Neura Robotics hat das Potenzial, die KI-Entwicklung maßgeblich voranzutreiben. Neura Robotics baut kognitive Roboter, die laut der The-Spark-Jury „echte Interaktion“ zwischen Mensch und Maschine ermöglichen.
Sie wollen mehr über die Finalisten erfahren? Meine Kollegen Christof Kerkmann und Nadine Schimroszik waren bei der Preisverleihung und berichten über die Nominierten.
Kennen Sie schon ...?
Wer ist Marjorie Janiewicz? Die Managerin, die bei Europas wertvollstem KI-Entwickler – Mistral AI aus Paris – den weltweiten Umsatz verantwortet.
Wo kommt sie her? Bevor Janiewicz zu Mistral kam, trieb sie bei Technologiekonzernen wie SAP SuccessFactors, HackerOne, MongoDB und Oracle das Umsatzwachstum voran. Insgesamt verfügt sie über 25 Jahre Erfahrung im Technologievertrieb und in der Markteinführung.
Was hat sie vor? Janiewicz soll Mistral helfen, KI-Lösungen schnell bei Kunden in die Anwendung zu bringen. Zudem engagiert sie sich im Netzwerk „La French Tech“, das Frankreich zu einem der führenden Technologiestandorte weltweit machen will.
Wo Sie uns nächste Woche treffen
Beim Handelsblatt KI-Summit in München! Dort diskutieren wir mit unseren Gästen unter anderem, ob Unternehmen KI-Anwendungen besser selbst bauen, einkaufen oder in Partnerschaft entwickeln sollten, wie weit Agentensysteme wirklich sind und welche Fähigkeiten für die nächste Phase der Transformation zentral sind. Die Tickets für die Teilnahme vor Ort sind restlos ausverkauft. Es gibt aber die Möglichkeit zur Onlineteilnahme.
Apropos München: Den Ort haben wir bewusst gewählt, denn seit Jahren entwickelt sich der Standort zur deutschen KI-Hauptstadt. Auch deshalb hat die US-KI-Firma Anthropic am heutigen Freitag bekannt gegeben, ein Büro in München zu eröffnen. Der OpenAI-Wettbewerber ist mit dem Europa-Chef Guillaume Princen übrigens auch beim KI-Summit vertreten.
Das war das KI-Briefing Nummer 114. Mitarbeit: Larissa Holzki, Luisa Bomke, Lina Knees, Martina Held (Grafik). Wenn Sie auch nächste Woche wieder mitlesen wollen, abonnieren Sie das KI-Briefing am besten als Newsletter.