Buchtipp: Wirtschaftsethik: Moral statt Moralismus
Die Textilproduktion in Südostasien ist aus ökologischen und sozialen Gründen berüchtigt.
Foto: HandelsblattDüsseldorf. Robinson findet sich auf einer einsamen Insel wieder, sein Hauptproblem: Wie kommt er an Nahrung? Mit der Ankunft einer zweiten Person, Freitag, wird daraus ein ökonomisches und soziales Problem.
Soll Robinson um die knappen Ressourcen, die Früchte, das Trinkwasser, kämpfen? Das wäre riskant, er könnte unterliegen. Außerdem hielten ihn Scharmützel von der Essenssuche ab. Robinson überlegt. Er könnte dem Gebot der Nächstenliebe folgen und seine Vorräte mit Freitag teilen.
Doch dann blieben beide hungrig. Es gibt einen dritten Weg, den Christoph Lütge und Matthias Uhl, die Autoren des Buchs „Wirtschaftsethik“ skizzieren. Die Gestrandeten könnten kooperieren, dabei mehr und auch noch schmackhaftere Gerichte produzieren.
Wie solche Win-win-Situationen trotz möglicher Interessenkonflikte entstehen können: Dies aufzuzeigen ist ein Kernanliegen des Buchs.
Lütge ist Inhaber des Peter-Löscher-Stiftungslehrstuhls für Wirtschaftsethik an der TU München. Er und sein Koautor Matthias Uhl sind davon überzeugt, dass die erste Option – teilen und verzichten – womöglich die edlere, nicht aber die für alle Beteiligten vorteilhaftere Lösung ist.
Das gilt besonders im globalen Wettbewerb. Wer, auch mit den besten Absichten, das Eigeninteresse vernachlässigt, verliert am Markt. Als Beispiel nennen Lütge und Uhl das Schicksal der Textilfirma Steilmann. Durch die verstärkte Globalisierung in den 1990er-Jahren geriet Steilmann unter erheblichen Kostendruck.
Aus Solidarität zu seinem Personal habe sich Klaus Steilmann dagegen entschieden, die Produktion ins Ausland zu verlagern. Langfristig geholfen hat diese Strategie den Beschäftigteten nicht. 2006 ließ sich der Konkurs noch durch eine Übernahme abwenden, 2016 musste Steilmann Insolvenz anmelden.
Um die Moral zu retten, gehört sie an den richtigen Ort, sind die Autoren überzeugt. Grundlegend ist dafür, zwischen Spielregeln und Spielzügen, Rahmenbedingungen und Handlungen zu unterscheiden. Findet Moral nur auf Ebene der Spielzüge oder Handlungen statt, ist sie ausbeutbar.
Etwa durch den skrupellosen Wettbewerber, der seine Abfälle nicht teuer entsorgt, sondern ins Meer kippt. In den Rahmenbedingungen, etwa in Form von Gesetzen und Regeln, zwingt sie alle Marktteilnehmer, sich konform zu verhalten, wollen sie keine empfindlichen Strafen riskieren.
Damit stehen beide Wissenschaftler für den Teil ihrer Disziplin, der vor allem die Anreizsituation für moralisches Handeln, weniger den individuellen Anstand der Menschen verbessern oder Moral gegen die Gesetze des Marktes durchsetzen will.
Der zweite Teil des Buchs zeigt Firmen Wege, wie sie interne Verstöße gegen ihre Compliance verhindern können – vom Ethikkodex zum Whistleblowing-System. Mit konkreten Fallbeispielen binden die Autoren sowohl den Laien als auch den Profi ein.
Und was wird aus der Moral? Die Autoren wollen sie nicht abwerten. Im Gegenteil: Sie möchten sie imprägnieren. Für eine Zeit, in der Appelle, die noch in vormodernen Kleingesellschaften taugten, an den Realitäten einer hochvernetzten Welt abperlen.