Risikokapitalist Hans Tung: „In den USA ist Wagniskapital ein Lifestyle, in China harte Arbeit“
Hans Tung gehört zu den prominentesten Technologieinvestoren. Er zählt zu den wenigen, die sich sowohl im Silicon Valley als auch in China auskennen.
Foto: Bloomberg/Getty ImagesPeking. Hans Tung ist eine imposante Figur. Der 47-jährige Geschäftsführer und Partner der Beteiligungsgesellschaft GGV Capital überragt körperlich die meisten Menschen. Seit 2013 taucht sein Name Jahr für Jahr auf der Midas-Liste der weltweit erfolgreichsten Tech-Investoren des „Forbes“-Magazins auf, zuletzt auf Rang 20.
Tung hat in viele junge Unternehmen investiert, die mittlerweile mehr als eine Milliarde Dollar wert sind. Zu diesen im Fachjargon „Einhörner“ genannten Stars der Technologiebranche gehören der chinesische Smartphone-Hersteller Xiaomi, das Internetunternehmen Bytedance, ebenfalls aus der Volksrepublik, aber auch Airbnb und Slack aus den Vereinigten Staaten.
Herr Tung, Sie gingen schon 2005 nach China und heuerten bei einer chinesischen Risikokapitalgesellschaft an, warum?
Während ich bei Merrill Lynch in New York und dann Hongkong arbeitete, fiel mir auf, dass viele schlaue westliche Investoren ihr Geld nur in Firmen wie LinkedIn, Skype oder Yelp steckten. Sie lebten ja alle in den Vereinigten Staaten, konnten die Risiken in China nicht einschätzen und waren deshalb nicht in der Lage, irgendeine Entscheidung über Investments dort zu fällen.
Was ist denn so schwierig in China? Ist es die komplizierte Regulierung oder bloß fehlende Sprachkompetenz?
Die chinesische Regierung ist pragmatisch veranlagt. Sie will vor allem dafür sorgen, dass China weiterwächst. Wer aus dem Westen hierherkommt, findet hier oft keine klaren Gesetze vor. Das verunsichert, denn es gibt ja keine Sicherheit, dass man für seine Geschäfte nicht später bestraft wird. Deshalb muss man herausfinden, was die Ziele der Regierung sind und wie man ihr beim Erreichen dieser Ziele helfen kann. Dann wird man vermutlich nicht bestraft.
Können Sie dafür ein konkretes Beispiel nennen?
Als wir anfangs in Mitfahrdienste investierten, gab es keine Regeln oder Gesetze. Wir waren aber dennoch bereit, Geld zu geben, weil wir wussten, dass China große Probleme mit Staus und urbanem Transport hat. Mitfahrdienste waren eine mögliche Lösung für diese Schwierigkeiten. Wir waren uns daher sicher, dass die chinesische Regierung diesen Service nicht verbieten, sondern vielmehr versuchen würde, ihn zum Teil des Systems zu machen.
Derzeit sprechen viele von einem Technologie-Wettstreit zwischen den USA und China. Der Vorsprung des Silicon Valley sieht sehr komfortabel aus.
Das mag für Kerntechnologien wie Halbleiter oder autonomes Fahren stimmen. Aber China holt sehr schnell auf. Übrigens gibt es sehr viele chinesische Ingenieure, die in den USA arbeiten. Wenn die US-Regierung ihre Arbeitsbedingungen durch Visum-Beschränkungen und andere Schikanen erschwert, dann könnten sie vielleicht nach China abwandern. Talent ist mobil.
Der ehemalige Microsoft-Vizepräsident Lu Qi, den der chinesische Internetkonzern Baidu erst vergangenes Jahr eingestellt hat, ist allerdings gerade erst wieder in die Vereinigten Staaten zurückgekehrt.
Das ist ein Baidu-spezifisches Problem. Wäre der Konzern kompromissbereiter gewesen, wäre Lu geblieben. Das war keine Frage des politischen Umfeldes, sondern ein Problem zwischen Individuen. Generell geht der Trend in Richtung China. Der Technologie-Riese Tencent hat sehr viele Leute von MSN angeheuert. Rückkehrer sind im Tech-Bereich extrem erfolgreich.
Aber die Ingenieure wurden in den USA ausgebildet …
Meiner Meinung nach ist das Haarspalterei. China produziert jährlich selbst fünf Millionen Absolventen in mathematischen und naturwissenschaftlichen Fächern. Es gibt eine Riesenauswahl an Talenten.
Neben der Quantität stellt sich aber auch die Frage nach der Qualität. 2014 hat Peking schon einmal einen 20 Milliarden Dollar großen Fonds zur Förderung der Halbleiter-Industrie aufgesetzt. Warum waren die Investitionen bisher kaum erfolgreich?
Wenn man sich die Geschwindigkeit der heutigen Forschung und Entwicklung in China anschaut, dann kann die Volksrepublik in den nächsten zehn Jahren aufholen. Oder sagen wir mal so: Es ist nicht unmöglich, dass das gelingt.
Seit einigen Wochen ist der Handelskrieg zwischen China und den Vereinigten Staaten in vollem Gange. Wie wird sich diese Auseinandersetzung auf die Technologieentwicklung des Landes auswirken?
Wie schon gesagt: Wenn Washington nicht vorsichtig ist, werden viele Talente nach China zurückkehren. Und Verkaufsverbote für Halbleiter schaden ja auch amerikanischen Firmen.
Wo liegt denn Ihrer Meinung nach der Unterschied zwischen den Risikokapitalgebern in China und im Silicon Valley?
In den USA ist Venture-Capital ein guter Lifestyle, in China ist es eine Menge Arbeit. Die Unternehmer arbeiten rund um die Uhr. Wenn ich mich nicht mit jemandem treffe, dann trifft er sich mit jemand anderem und nimmt dessen Geld. Liegt es an der chinesischen Tradition, dass persönliche Beziehungen, also „guanxi“, sehr wichtig für das Geschäft und das Vertrauen untereinander sind? Das hat nichts mit Tradition zu tun. In den USA hat man Verständnis dafür, wenn jemand Zeit mit seiner Familie verbringen oder mal Urlaub machen möchte. In China geht Arbeit immer vor, jederzeit und überall.
Glauben Sie, dass die Unwissenheit über die chinesische Lebensrealität unter westlichen Investoren immer noch weit verbreitet ist?
Ja. Denn wer nicht schon einmal in einem Land gelebt hat, kennt die Werte, Wünsche und Gewohnheiten der Menschen dort nicht. Xiaomi ist so ein Beispiel. Wäre ich damals bei einer amerikanischen Firma gewesen, hätte man mir garantiert nicht erlaubt, in Xiaomi zu investieren.
Sie waren 2010 einer der Ersten, die Kapital in den mittlerweile weltweit viertgrößten Smartphone-Hersteller gesteckt haben. Warum haben andere Investoren die Chance nicht erkannt?
Weil Xiaomi eine verrückte Idee war. Der Gründer Lei Jun hatte große Ambitionen – obwohl er sich mit der Produktion von Smartphones nicht auskannte. Für Amerikaner war das unvorstellbar. Eine chinesische Risikokapitalgesellschaft konnte eine Wette auf Xiaomi dagegen sehr gut verstehen. Denn es war schon damals klar, dass es Lei Jun nicht nur darum ging, Geräte herzustellen. Er wollte ein ganzes Ökosystem rund um loyale Kunden aufbauen.
Nun war ja Xiaomis erster Handelstag an der Börse Anfang Juli erst einmal ein Flop, die Aktie schloss unter ihrem Ausgabepreis. Seither steigt der Kurs stetig. Woran liegt das?
Xiaomi sieht sich selbst als Internetunternehmen, viele Analysten definieren den Konzern dagegen als Hardwarehersteller. Aber Xiaomi ist nicht nur irgendein Hardwareproduzent, sondern für die chinesische Mittelschicht die beste Marke für smarte Haushaltsgeräte zu einem erschwinglichen Preis.
Wer erst einmal im Ökosystem ist, der bleibt ihm auch treu. Die sogenannte Stickiness, also die Markenloyalität, ist sehr hoch, und das ist wichtig. Um Xiaomis künftigen Erfolg vorauszusagen, sollte man also auf das Potenzial von Produkten wie Luftfilter, Staubsauger und Lautsprecher-Anlagen schauen.
Dabei sind Xiaomis Smartphones doch die erfolgreichste Sparte.
Das stimmt. Der Konzern investiert viel in internationale Märkte und die dortigen Ökosysteme. Wenn man dann noch bedenkt, dass die nächsten zwei Milliarden Verbraucher aus den 74 Märkten kommen werden, in denen Xiaomi aktiv ist, dann ist klar, dass das Unternehmen in den nächsten Jahren hohe Gewinne einfahren könnte.
Das klingt sehr optimistisch. Aber in der letzten Zeit werden Stimmen, die vor einer Tech-Blase warnen, immer lauter …
Blasen sind zyklische Phänomene und führen zu Marktkorrekturen. Wenn es dann wieder vernünftige Preise gibt, wagen Investoren auch wieder langfristige Einsätze.
Herr Tung, wir danken Ihnen für das Interview.