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Krypto-SkandalBerliner Firma sammelte bei einem ICO 100 Millionen Dollar ein – ohne funktionierendes Geschäft

Fürs Schürfen virtueller Währungen sammelte die Firma Envion 100 Millionen Dollar ein. Ein Geschäft gab’s nie, das Geld ist weg. Nun klagen die Anleger.Sönke Iwersen, Felix Holtermann 19.08.2018 - 17:59 Uhr Artikel anhören

Ökostrom für Bitcoin & Co: Mit Hochglanzbildern versprach Envion eine Traumrendite von 161 Prozent.

Foto: Envion

Düsseldorf. Der Chef verdient gut 15.000 Dollar im Monat, aber er darf nichts mehr entscheiden. Kunden? Fehlanzeige. Der Geschäftsbetrieb steht still. 100 Millionen Dollar vertrauten Investoren Anfang des Jahres den Machern der Envion AG an. 161 Prozent Rendite lautete das Versprechen.

Erst mal erhielten die Geldgeber freilich nur Tokens, virtuelle Münzen. Envion machte einen Initial Coin Offering (ICO), einen virtuellen Börsengang. Bei Ausgabe hatten die Tokens einen Wert von je einem Dollar. Mittlerweile sind es nur noch 7,8 Cent.

Schlimmer als die nackte Zahl: Die Envion AG, im Januar noch als Ausweis einer florierenden deutschen Kryptoszene gefeiert, ist zu einem bizarren Gebilde verkommen. Vorstand und Gründer verklagen sich gegenseitig. Beide betreiben Webseiten, auf denen sie einander wüst beschimpfen. Und während sich die Topmanager streiten, sehen 30.000 Anleger ihre Einlagen Tag für Tag weiter zerfallen.

Marktexperten hatten vor solchen Katastrophen gewarnt. Kurz vor dem Börsengang der Envion AG meldete sich die Europäische Börsenaufsicht Esma zu Wort: „Wir beobachten einen rapiden Anstieg von ICOs in Europa und der Welt und sind besorgt, dass Investoren nicht wissen, welche Risiken damit verbunden sind.“ Zwei Tage später legte die deutsche Finanzaufsicht Bafin nach: „ICOs sind für Anleger höchst risikoreiche, spekulative Investments. Ein Totalverlust der Investition ist möglich.“

Die Warnungen verhallten. Steckten Anleger 2017 sieben Milliarden Dollar in virtuelle Börsengänge, waren es allein im ersten Halbjahr 2018 bereits 13,7 Milliarden. Monat für Monat gab es 100 solcher ICOs. Die Stuttgarter Börse will im Herbst sogar eine eigene Plattform für den Handel von Kryptowährungen starten. Ganz gleich, wie vage eine Geschäftsidee sein mag, die Macher werden am Markt mit Geld überschüttet.

„Die Leute bekamen das Geld einfach hinterhergeworfen. Es war vorauszusehen, dass das nicht lang gut gehen wird.“

Foto: Envion

Einer von ihnen heißt Michael Luckow. Der Mann wirkt nervös, als ihn das Handelsblatt zum Gespräch in Düsseldorf trifft. Groß und schlaksig ist der 1984 in Berlin Geborene. Er war kaum volljährig, als er seine erste Firma gründete.

Wenige Jahre später kaufte ihm ein Rivale seine Internet-Tauschplattform ab – für „einen sechsstelligen“ Betrag, wie Luckow formuliert. Pro forma sei er damals Student an der Technischen Universität Berlin gewesen. Aber nach dem Verkauf konzentrierte er sich erst mal aufs Nachtleben der Hauptstadt.

An die Uni fand Luckow nie zurück. Finanziell unabhängig, hatte er schon im Alter von Anfang 20 ein Netzwerk für Geschäftskontakte. Luckow probierte viel aus, gründete eine Ticketfirma, eine Marketingagentur, organisierte das Berliner Tanzfestival Holi mit und verkaufte im Internet chinesische Sitzsäcke. Das Geschäft war schwierig und wenig erfolgreich. Doch dann wurde alles plötzlich ganz einfach.

Ein Füllhorn namens ICO

„Anfang 2017 saß ich mit Freunden zusammen. Wir haben uns Gedanken gemacht über neue Geschäftsmodelle“, erzählt Luckow. Sie sprachen über die neue Datenbank-Technik Blockchain. Sie ermöglichte plötzlich ebenso anonyme wie sichere Transaktionen von Werten über das Internet. Blockchain wurde von Tag zu Tag beliebter.

Krypto-Glossar
Hinter dem Begriff verbirgt sich eine neue Datenbank-Technik. Im Unterschied zu klassischen Datenbanken, die von einem zentralen Akteur geführt werden, ermöglicht die Blockchain die dezentrale Verwaltung durch alle Teilnehmer. Da jeder Nutzer über eine Kopie der Datenbank verfügt und alle gespeicherten Transaktionen dauerhaft einsehen kann, gilt die Blockchain trotz fehlenden zentralen Buchhalters als praktisch fälschungssicher.
Die Kryptowährung ist die bekannteste Anwendung der Blockchain-Technologie. Vorgestellt wurde Bitcoin 2009 von einem bis heute unbekannten Schöpfer mit dem Decknamen Satoshi Nakamoto. Bitcoin soll globale Zahlungen über das Internet ohne zwischengeschaltete Finanzinstitute ermöglichen und hat im Jahr 2017 aufgrund rasanter Wertsteigerungen einen wahren Kryptohype ausgelöst. Die zweitwichtigste Kryptowährung heißt Ethereum.
Kryptowährungen wie Bitcoin werden in aufwendigen Rechenverfahren hergestellt. Die Produzenten, die sogenannten Miner, pflegen die Blockchain-Datenbank und werden hierfür mit neuen Münzen belohnt. Um diese zu schürfen, betreiben sie große Computernetze. Der Stromverbrauch des Bitcoin-Netzwerks liegt schon heute auf dem Jahresbedarf Argentiniens. Die Envion AG wollte überschüssigen Ökostrom für das Mining einsetzen.
ICO steht für Initial Coin Offering und wird oft mit virtuellem Börsengang übersetzt. Das Akronym wurde analog zum Initial Public Offering (IPO), der Bezeichnung eines klassischen Börsengangs, gebildet. ICOs sollen Start-ups unabhängiger von klassischen Finanzierungstöpfen machen. Die Gründer geben hier keine Aktien heraus, sondern sogenannte Tokens. Investoren kaufen diese oft mit Bitcoin oder Ethereum, teilweise auch per Kreditkarte. Beim Envion-ICO wurden alle drei Zahlungsarten genutzt.
Die im Rahmen eines ICOs an die Anleger verkauften Tokens ähneln virtuellen Gutscheinen. Was sich hinter ihnen genau verbirgt, unterscheidet sich von Fall zu Fall. Manche werden von den Anbietern als simple Spendenquittungen deklariert. Andere sollen einen Zugang zum geplanten Service des Start-ups ermöglichen. Wieder andere versprechen wie im Envion-Fall Dividendenzahlungen. Sie ähneln damit Aktien und fallen unter die schärfere Wertpapierregulierung.

Das lag vor allem am Kurs der elektronischen Währung Bitcoin, der stieg und stieg. Ständig kamen neue Kryptowährungen auf – und fanden Investoren. „Das erschien uns wie damals beim Neuen Markt“, sagt Luckow in Anspielung auf die Internetblase Ende der 1990er-Jahre. „Das Thema funktionierte und war erfolgreich. Also finanziell, nicht unbedingt technisch.“

Finanzieller Erfolg unabhängig von der technischen Machbarkeit. Verlockend. Die Freunde hatten eine Idee: Die Blockchain-Technik, auf der praktisch alle Kryptowährungen basieren, war ungeheuer rechenintensiv, der Strombedarf enorm hoch. Luckows Runde ersann die Idee, Rechner für das sogenannte Kryptomining, die virtuelle Produktion von Bitcoins und Co., in Container einzubauen.

Strommarkt

Blockchain-Technologie könnte die nächste Energiewende einleiten

Diese sogenannten Mobile Mining Units sollten neben Solar- und Windfarmen oder Wasserkraftwerken aufgestellt werden und dort überschüssigen Ökostrom abgreifen. Manche Solaranlagen gingen vom Netz, wenn der Preis für die Energieeinspeisung gerade nicht rentabel war. Dieses verschenkte Potenzial wollte Luckow nutzen. Seine Container sollten Bitcoins dort herstellen, wo der Strom billig war.

Das Projekt brauchte Investitionen in Millionenhöhe. Luckows Glück: Dauerte es früher oft Jahre, um Geldgeber von einer Geschäftsidee zu überzeugen, hatte sich 2017 eine viel schnellere Methode zur Mittelbeschaffung etabliert: der sogenannte virtuelle Börsengang. Bei einem Initial Coin Offering geben Start-ups statt Aktien virtuelle Münzen aus, Coins oder Tokens genannt.

Die Praxis war kaum reguliert. Alles ging viel schneller als bei einem echten Börsengang. Zugleich suchten viele Anleger aufgrund der weltweit niedrigen Zinsen verzweifelt Möglichkeiten, ihr Vermögen zu mehren. All das führte zu einem überraschenden Boom. Schon 2017 gab es weltweit mehr als 500 ICOs.

Luckow fürchtete nur, dieses Füllhorn könnte versiegen. „Es musste schnell gehen. Wir mussten anderen zuvorkommen“, erinnert sich der Jungunternehmer. „Die Leute bekamen das Geld einfach hinterhergeworfen. Es war vorauszusehen, dass das nicht lang gut gehen wird.“

Kooperation mit ARD-Journalist Woestmann

Verhielt er sich deshalb so, wie er es tat? 2017 wollte Luckow eine Firma gründen, Millionen einsammeln, selbst aber nicht in Erscheinung treten. Luckow gibt zu, er habe sich im Hintergrund halten wollen. Richtig ist aber auch, dass sein Name seit Oktober 2015 im Schuldnerregister des Amtsgerichts Berlin steht.

Luckow erklärt das nicht. So ein Eintrag hat üblicherweise etwas mit unbezahlten Rechnungen zu tun und wirkt auf Investoren nicht gerade anziehend. Luckow und seine Partner machten sich auf die Suche nach einem seriösen, etablierten Geschäftsmann. So stießen sie auf Matthias Woestmann.

Eine merkwürdige Wahl. Der Journalist war bis 1997 Auslandskorrespondent der ARD. Dann gründete er eine Firma für Filmrechte, die erfolglos blieb. Anschließend rief Woestmann Quadrat Capital ins Leben. Die Investmentgesellschaft konzentriert sich nach ihrer Eigendarstellung auf Projekte mit fossilen und erneuerbaren Energien.

Auf der Internetseite von Quadrat Capital sind aber keine Projekte zu finden, tatsächlich gibt es nur zwei Beteiligungen: einen Lieferdienst und eine kanadische Ölgesellschaft. Der zuletzt eingereichte Jahresabschluss stammt aus dem Jahr 2015 und zeigt ein Eigenkapital von null Euro. Für die Jahre 2012, 2013 und 2014 fehlen im offiziellen „Bundesanzeiger“ die Zahlen.

Luckow und seine Partner störte das nicht weiter. Woestmann war wie Luckow in der Hauptstadt ansässig. In der Berliner Szene war bekannt, dass der Ex-Journalist viel Geld mit Aktien des Solarmodulherstellers Solon verdient hatte, bevor das Unternehmen zusammenbrach. Im Sommer 2017 gab es ein erstes Treffen. „Woestmann machte einen smarten Eindruck“, sagt Luckow. „Er sagte, er habe viele Kontakte in der Branche für erneuerbare Energien, könnte Investoren besorgen.“

Schon im Oktober war Woestmann CEO einer frisch gegründeten Gesellschaft: der Envion AG. Der heute 57-Jährige gibt offen zu, dass er das Schürfen virtueller Münzen technisch gar nicht verstand. „Aber Luckow und seine Jungs sprachen die ganze Zeit davon. Die liefen alle in T-Shirts rum und sahen aus, wie man sich Computer-Nerds eben vorstellt“, sagt Woestmann. „Ich dachte mir, das wird eine Lernerfahrung. Und dann war da natürlich das Geld.“

CDU-Politiker warb für Envion

Alle Beteiligten sollten Firmenanteile erhalten. Woestmann 19 Prozent, Luckow und seine Partner 81 Prozent. Die Nerds, versammelt in Luckows Firma Trado GmbH, würden sich um das eigentliche Geschäft kümmern, Woestmann die Präsentation nach außen übernehmen. Möglichen Investoren blieben solche Details verborgen.

56 Seiten lang ist der Prospekt für den ICO der Envion. Die Namen „Trado“ oder „Luckow“ kommen nicht vor. Envion warb damit, „ein Start-up aus dem Herzen Berlins“ zu sein. Woestmann registrierte das Unternehmen aber in der Schweiz.

Die Konstruktion knirschte. Der ICO, geplant für den 1. Dezember 2017, musste wegen ungeklärter juristischer Details um zwei Wochen verschoben werden. Nicht einmal die Buchhaltung klappte. Selbst Rechnungen der Trado wurden erst beglichen, wenn Luckow persönlich bei Woestmann anrief. Das Einzige, was sehr gut lief, war das Marketing.

Woestmann gelang es, den bekannten Ex-Politiker Friedbert Pflüger einzuspannen, den Vorsitzenden der Internet Economy Foundation. Pflüger hatte allerdings seinen Preis: 15.000 Euro.

Auf Nachfrage des Handelsblatts nennt der ehemalige CDU-Mann als seine Gegenleistung eine zweieinhalbmonatige „Beratung hinsichtlich der energie- und klimapolitischen Komponente des Geschäftsmodells der Envion“. Schriftlich gibt es dazu offenbar nichts. Woestmann erinnert sich nur an „einen Gedankenaustausch“ mit Pflüger.

Das Wichtigste war ohnehin: Der prominente Kopf ließ sich während des ICOs auf der Internetseite der Envion AG abbilden. Gleich neben ihm: Thorsten Grenz, ein ausgewiesener Finanzexperte mit Erfahrung in großen Unternehmen.

Solch ein Vorgehen sei üblich, sagte Woestmann später. Auch das eine Lernerfahrung. Jedes Start-up versuche, große Namen für sich einzuspannen, selbst wenn sie teuer sind.

Zerwürfnis in Hongkong

Aber an Geld war ja kein Mangel. Kaum bot Envion im Dezember 2017 seine virtuellen Münzen feil, dienten hoffnungsfrohe Investoren dem Unternehmen 30 Millionen Dollar an. Im Internet verkündete Envion glorreiche Aussichten, darunter eine Zusammenarbeit mit dem italienischen Stromriesen Enel. In einem Rundschreiben an Investoren hieß es, Envion falle „ein Deal nach dem anderen mit den Global Playern der Energiewirtschaft zu. Jetzt ist Zeit zu investieren!“

War es so? Die Kooperation mit Enel kam nie zustande. Ende Januar 2018 dementierten die Italiener jegliches Interesse. Das schadete Envion aber nicht. Zu diesem Zeitpunkt hatte das Start-up von Anlegern schon 100 Millionen Dollar eingesammelt.

Woestmann und Luckow war damit einer der erfolgreichsten ICOs weltweit gelungen. Dann überwarfen sie sich.

ICO

4,2 Milliarden Dollar – Block.One gelingt größter Krypto-Börsengang

Es geschah in Hongkong. Auf dem Hinflug drehte Woestmann noch ein Video mit Jubelbotschaft an die Investoren. Abends stand ein Treffen mit einem möglichen Geschäftspartner an, der Computer für die Herstellung (Mining) virtueller Währungen liefern konnte. „Ich habe vorgeschlagen, das ohne Matthias zu machen“, sagt Luckow. „Da ist er ausgerastet. Er hat geschrien, er werde sich doch von einem wie mir nicht ausbooten lassen.“

Woestmann flog allein nach Deutschland zurück. Den Termin für eine Aussprache mit Luckow zwei Wochen später ließ er platzen. Am 31. Januar kam es in den Geschäftsräumen der Trado doch zu einem Wiedersehen.

Diesmal hatte Luckow Grund zum Wutanfall: Woestmann hatte ihn ausgebootet. Sollten Luckow und seine Geschäftspartner nach dem ICO eigentlich 81 Prozent der Envion AG besitzen, waren es jetzt nur noch 31 Prozent. In einem Überraschungscoup hatte Woestmann ohne Luckows Wissen eine Kapitalerhöhung durchgeführt.

Luckow war fassungslos. „Das kannst du doch nicht machen“, sagte er Woestmann. „Wie soll es denn jetzt weitergehen?“ Woestmann antwortete nicht. Er blickte zur Seite auf einen guten Bekannten, der ihn an diesem Tag begleitete: Thomas van Aubel.

Klage wegen „Firmenraub“

Der bekannte Berliner Anwalt hatte eine Botschaft: Er sei jetzt der neue starke Mann im Haus. Seine Firma, die Sycamore GmbH, zeichnete am 22. Januar bei der Kapitalerhöhung 240.000 neue Aktien der Envion AG zum Stückpreis von einem Franken (das Unternehmen sitzt ja offiziell in der Schweiz). Es war ein erstaunliches Geschäft: Für 240.000 Franken kaufte van Aubel 61 Prozent an einer Firma, die 60 Millionen Dollar in der Kasse hatte.

Luckow tobte, sprach von „Firmenraub“ und zog vor Gericht. Dort bekam er vorläufig recht. In einem einstweiligen Verfügungsverfahren entschied das Landgericht Berlin, Woestmann habe ihn mit der Kapitalerhöhung „in einer gegen die Sitten verstoßender Weise vorsätzlich einen Schaden zugefügt“. Nun müssen Woestmann und van Aubel „alle Handlungen unterlassen, die zu einer Übertragung oder der Belastung der Vermögenswerte der Envion AG führen“. Wer sich daran nicht hält, dem drohen Geldstrafen von 250.000 Euro oder bis zu sechs Monate Haft.

Krypto-Skandal

Envions neuer Großaktionär van Aubel hat einschlägige Erfahrungen

Auf das Urteil angesprochen, wiegelt van Aubel gegenüber dem Handelsblatt ab. Er könne diese Entscheidung auf verschiedene Weise anfechten. Und überhaupt: „Inhaltlich untersagt die Verfügung vorläufig die Veräußerung der Anteile an der Envion, die sowieso nicht beabsichtigt war.“

Wirklich nicht? „Einladung für Angebote“, lautet die Überschrift eines Schreibens, das Woestmann am 4. Februar an potenzielle Investoren richtet. „Envion ist ein innovatives Unternehmen für Kryptomining. Der am 15. Januar 2018 abgeschlossene ICO war der sechstgrößte in der Geschichte der ICOs.“ Dann werden die Vorzüge des Unternehmens aufgezählt: eine globale Marke, eine innovative Technologie und viele Millionen Dollar Kapital. Interessenten mögen ihre Offerten an „Matthias Woestmann richten, CEO der Envion AG und Aktionär der Quadrat Capital“.

Während Woestmann versucht, die Firma zu verkaufen, liegt der Geschäftsbetrieb brach. Woestmann überweist kein Geld mehr an die Trado GmbH, wo ja die eigentliche Arbeit stattfinden soll. Er gibt Gutachten in Auftrag, heuert Experten für PR an. Die Anleger glauben noch immer, ihre Gelder würden für innovative Kryptotechnik ausgegeben. Tatsächlich rechnen bei Envion nur Berater und Anwälte ab.

Der Krypto-Evangelist

Das Einzige, was zu funktionieren scheint, ist die PR. Für die Envion ist die Kommunikation mit ihrer „Community“, den Käufern der Tokens und solchen, die es werden könnten, besonders wichtig. Betreut wird der Bereich aber nicht etwa von CEO Woestmann, sondern von Luckows Trado GmbH. Jetzt, da Woestmann und Luckow zerstritten sind, führt dieses Arrangement zu absurden Situationen.

Gesicht des Unternehmens in den sozialen Medien ist Laurent Martin, ein enger Mitarbeiter Luckows. Der Amerikaner und ehemalige Opernsänger kam vor Jahren nach Deutschland und arbeitete bei verschiedenen Internetfirmen als Spezialist für Marketing. Heute beschreibt er sich unter anderem als „Crypto-Evangelist“ und ist auf allen Kanälen aktiv: Facebook, Twitter, Instagram.

Mit solchen Illustrationen versprach Envion fantastische Erträge. Heute sind die Geschäftspartner zerstritten, die Anleger verzweifelt.

Foto: Envion

Im Februar meldet sich Martin per Videobotschaft aus Los Angeles bei den Anlegern und berichtet von Gesprächen mit großen Investoren und seinen tollen Erfahrungen beim „Beverly Hills Blockchain Meet-up“. Im März tritt er als Redner bei der „Blockchain Technology Conference“ in Berlin auf.

In einem „Update für Investoren“ wird gemeldet, Envion arbeite hart daran, „die Massenproduktion der Schürfeinheiten und den organisierten Ablauf für die Auszahlung von Dividenden vorzubereiten“. Es sei bereits zu sehen, dass sich „unsere Verpflichtung zur Professionalität auszahlt“. Im April steht Martin auf der Bühne der „Event Horizon“-Konferenz in Berlin und erzählt von einem „niedrigen Risiko für unsere Kunden“.

In der ganzen Zeit liegt der Umsatz der Envion AG bei null. Trado arbeitet zwar nach eigenen Angaben an der Umsetzung der Geschäftsidee. Alles geschieht aber langsamer als geplant und auf eigene Rechnung. CEO Woestmann weigert sich, die nötigen Millionensummen für die Krypto-Hardware auszugeben, bevor der Streit mit Firmengründer Luckow geklärt ist.

Und geklärt wird nichts. Im Mai 2018 berichtet das Handelsblatt erstmals über die wahren Verhältnisse bei Envion. Der Kurs des Tokens fällt um 45 Prozent.

Nun heuert Luckow weitere Medienberater an und setzt eine neue Webseite auf: www.envion-founders.org. „Founders“ ist Englisch für „Gründer“. Laurent Martin übernimmt wieder die Kommunikation in den sozialen Medien. Fortan wird Woestmann als Mann gezeichnet, der vom Unternehmen, das er führt, keine Ahnung hat. Martin beschreibt den Großaktionär van Aubel und seine Frau als „Parasiten“. Er fordert Anleger in Chats dazu auf, die beiden „anzurufen und Antworten zu verlangen“.

Prominente Fürsprecher der Envion gehen jetzt lieber auf Distanz. Friedbert Pflüger lässt Monate nach Beendigung seines Beratervertrags sein Bild von der Webseite des Unternehmens entfernen. Andere folgen seinem Beispiel.

Nur die Anleger können nicht weglaufen. Szilard Damm (Name geändert) zum Beispiel. Der 50-jährige IT-Berater aus Vilnius könnte sich die Haare raufen, wenn er heute an seine Investition bei Envion denkt. Ende 2017 hatte er etwas Geld angespart, wollte für seine kleine Tochter vorsorgen. Damm kaufte für 20.000 Euro Tokens von Envion.

Investoren suchen Hilfe beim Anwalt

War er wahnsinnig? Nein, sagt Damm, der Zeitpunkt für die Envion-Kampagne sei perfekt gewesen. Zum Start des ICOs Mitte Dezember 2017 kletterte der Bitcoin-Kurs auf sein Allzeithoch von 20.000 Dollar. „Laut der Envion-Werbung konnte man mit einem Investment von 20.000 Euro auf 2500 Euro Auszahlung pro Monat hoffen“, erinnert sich Damm. Man schaute auf den Bitcoin-Kurs und meinte: ‚Okay‘. So denkt man eben, das ist nur menschlich.“

Heute denkt er anders. Damm repräsentiert eine Gruppe von rund 100 Investoren, die sich per Chat-App Telegram vernetzt haben, um sich zu informieren und zu wehren. Die ersten suchen den Rechtsweg, um den Schaden zu begrenzen.

Viele landen bei István Cocron. Der Spezialist für Kapitalmarktrecht der Kanzlei CLLB in Berlin beschäftigt sich seit 18 Monaten intensiv mit Anbietern von Kryptowährungen. „Dieser Markt ist sehr unübersichtlich“, sagt Cocron. „Bei Envion war von Anfang an anscheinend vieles faul.“

Der ehemalige ARD-Journalist steht an der Spitze der Envion AG, hat aber nichts mehr zu entscheiden.

Foto: Envion

Cocron will sich nicht in der Frage verlieren, ob nun Woestmann seine Geschäftspartner von der Trado GmbH betrog oder die ihn. Der 46-jährige Anwalt hat gerade am Landgericht Berlin mehrere Schadensersatzklagen eingereicht – gegen beide Seiten. Kern seines Vorwurfs: Prospektbetrug.

„Anleger glaubten, sie würden bei der Envion AG in eine seriöse Gesellschaft investieren“, sagt Cocron. „Tatsächlich arbeiteten aber alle für den ICO wesentlichen Personen bei der Berliner Trado GmbH.“ Er sieht Luckow als faktischen Geschäftsführer – einen Mann, der im Berliner Schuldnerregister steht. Cocron: „Hätten meine Mandanten von dieser Konstruktion gewusst, hätten sie die fraglichen Tokens nicht erworben.“ Und auch andere Angaben scheinen im Nachhinein verdächtig.

Im „White Paper“, in dem sich die Envion AG den Investoren vorstellte, werden die Ursprünge des Unternehmens ins Jahr 2015 datiert. Darauf seien „zwei Jahre harte Arbeit“ gefolgt für die „Entwicklung revolutionärer Technologie und einer Vision für das Unternehmen“. Nach dem Zerwürfnis allerdings erzählten sowohl Luckow wie Woestmann dem Handelsblatt, sie hätten sich erst im Sommer 2017 getroffen – deshalb auch die Eile beim ICO.

Ob aus Hast oder bewusst – beim Verkauf der Tokens wurden grobe Fehler gemacht, rügt heute Anwalt Cocron. Envion habe die virtuellen Münzen auch an deutsche Privatanleger verkauft, seinen Prospekt aber nicht wie vorgeschrieben von der deutschen Kapitalmarktaufsicht prüfen lassen.

Luckow und Woestmann zeigen sich gegenseitig an

Seltsam auch: Viele Millionen Euro, die Anleger zahlten, landeten auf Konten der Trado oder deren Mitarbeiter. Laut Luckow geschah dies auf Wunsch von Woestmann. Doch Cocron zählt ein halbes Dutzend Gesetze auf, die einen so laxen Umgang mit dem Geld von Anlegern verbieten.

Vorsätzlich und sittenwidrig sei die Schädigung seiner Mandanten gewesen, sagt der Anwalt. Jede Woche melden sich neue Envion-Anleger bei ihm. Manche haben 10.000 Euro investiert, andere gar das 40-Fache. Cocron sieht deshalb seine ersten Klagen als Vorläufer eines juristischen Sturms: „Hier haben 30.000 Anleger mehr als 80 Millionen Euro investiert. Nichts, was ihnen versprochen war, wird eingehalten.“

Nun sind die Behörden am Zug. Bei der Staatsanwaltschaft Berlin ermitteln nach der Strafanzeige von Woestmann gegen Luckow nun Experten für Computerkriminalität wegen des Verdachts auf Betrug und Untreue. Luckow wiederum will jetzt auch Strafanzeige stellen – gegen Woestmann.

Parallel hat die Schweizer Börsenaufsicht Finma ein sogenanntes „Enforcement-Verfahren“ eingeleitet. Es „fokussiert insbesondere auf mögliche Verletzungen von Bankenrecht aufgrund einer allfällig unerlaubten Entgegennahme von Publikumseinlagen im Zusammenhang mit dem Initial Coin Offering (ICO) des EVN-Tokens“, heißt es offiziell. Was das bedeuten mag, müssen sich die Anleger selbst zusammenreimen. Bis sie ihre Arbeit abgeschlossen hat, schweigt die Behörde. Aber sie arbeitet.

Gerade hat die Finma Woestmann den Rechtsanwalt Markus Brülhart zur Seite gestellt. Am 30. Juni schrieb dieser einen Brief. Seine Kanzlei, die GHR aus Bern Muri, sei nun die Untersuchungsbeauftragte des Unternehmens. Im letzten Satz erfuhr Woestmann die Konsequenzen: „Abschließend bitten wir Sie, zur Kenntnis zu nehmen, dass die Untersuchungsbeauftragte bis zum rechtskräftigen Entscheid des Kantonsgerichts in ihrer Eigenschaft als einziges zeichnungsberechtigtes Gesellschaftsorgan eingesetzt bleibt.“

Die Lernerfahrung für CEO Matthias Woestmann nähert sich damit ihrem Ende. Er ist zwar noch CEO, darf aber nichts mehr unterschreiben. Sein Betrieb steht still. Gespräche gibt es nur noch mit Anwälten.

Der Umsatz bleibt bei null

Vor zehn Monaten kam der Ex-Journalist unverhofft an die Spitze eines aufstrebenden Start-ups. Drei Monate später gelang ihm mit Luckow und seinen Computer-Nerds der größte ICO Deutschlands. Die offizielle Webseite der Envion AG zeugt noch immer von den Plänen, die sie einmal hatten.

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Das „profitabelste Kryptokonzept der Welt“ wird auf www.envion.org beschworen, ein „Blockbuster-Produkt“ angekündigt. Alles scheint ganz genau geplant, jedenfalls ist es so aufgeschrieben. Der prognostizierte Monatsumsatz für Juli 2018: 13,4 Millionen Dollar. Der Status quo sieht anders aus: null Umsatz. Die einstigen Partner sind heillos zerstritten. 30.000 Anleger bangen um ihr Geld.

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All das ist traurig, aber durchaus nicht selten. Bei Envion haben Anleger nach einem ICO erstmals Klage erhoben. Doch an Skandalen herrscht kein Mangel. 80 Prozent aller ICOs des vergangenen Jahres, so besagt eine Studie der US-Beratungsgesellschaft Satis Group, waren Betrug. Bitconnect in den USA wurde von den Behörden geschlossen, bei Pincoin in Vietnam verschwanden Millionen. Auch Cointed in Österreich sorgt gerade für negative Schlagzeilen.

Wie sagte Envion-Gründer Luckow dem Handelsblatt: „Die Leute bekamen das Geld einfach hinterhergeworfen. Es war vorauszusehen, dass das nicht lang gut gehen wird.“ Damit hat er recht behalten.

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