Essener Industriekonzern: Der wundersame Herr Kerkhoff soll bei Thyssen-Krupp die Wende schaffen
FILE PHOTO: ThyssenKrupp CFO Guido Kerkhoff pose before the company's annual shareholders meeting in Bochum, Germany, January 19, 2018. REUTERS/Thilo Schmuelgen/File Photo
Foto: ReutersDüsseldorf. Am Sonntagabend trank Guido Kerkhoff auf seinen Sieg erst einmal ein Bier. Wenige Stunden zuvor hatte der Aufsichtsrat von Thyssen-Krupp den 50-Jährigen mit dem kantigen Gesicht und den roten Haaren einstimmig zum neuen Vorstandschef gekürt. Und ihm gleich einen historischen Auftrag erteilt.
Kerkhoff soll den Ruhrkonzern in zwei Teile spalten: einen modernen Technologiekonzern, der die Sparten Aufzüge, Autozulieferung und Anlagenbau in sich vereint. Und in einen Werkstoffkonzern, in dem die traditionellen Sparten Stahl und Werkstoffhandel fortgeführt werden sollen.
Für den Konzern, der nach den Abgängen von Vorstandschef Heinrich Hiesinger und Chefaufseher Ulrich Lehner gehörig ins Taumeln geriet, endet mit der Entscheidung eine monatelange Hängepartie. Und dass es nun weitergeht in Essen, ist vor allem Kerkhoffs Verdienst: In einer wochenlangen Geheimaktion hatte der mit seinen Vorstandskollegen Oliver Burkhard und Donatus Kaufmann einen Plan ausgearbeitet, der die streitenden Großaktionäre am Ende befriedete – die Krupp-Stiftung, die 21 Prozent der Anteile hält, ebenso wie den schwedischen Investmentfonds Cevian mit rund 18 Prozent.
Dass das jemandem gelingen würde, daran hatte zuletzt niemand mehr geglaubt. Zu tief waren die Gräben zwischen den Finanzinvestoren, die auf Verkäufe von profitablen Sparten gedrängt hatten, und den Arbeitnehmern, die deshalb einen umfangreichen Jobabbau fürchteten. Doch Kerkhoff gelang der Spagat: Mit der Gründung des neuen Unternehmens hebt er einerseits stille Reserven, die derzeit im Aufzugsgeschäft schlummern, und er gibt den Beschäftigten eine langfristige Perspektive.
„Guido Kerkhoff hat unser vollstes Vertrauen“, erklärte denn auch am Donnerstag Tekin Nasikkol, der als oberster Betriebsrat der Stahlkocher ebenfalls im Aufsichtsrat sitzt und an der Ernennung Kerkhoffs beteiligt war. „Nach der Flucht von Hiesinger und Lehner gab es die große Gefahr, dass sich die Finanzinvestoren durchsetzen und durchregieren.“
Das Szenario sei mit der jetzigen Strategie verhindert worden. In einer Grundsatzvereinbarung hat Kerkhoff den Arbeitnehmern zudem zugesichert, dass es aufgrund der Spaltung nicht zu einem zusätzlichen Stellenabbau kommt.
Die Idee, Thyssen-Krupps hochprofitable Technologiesparte vom schwankungsanfälligen Werkstoffgeschäft zu trennen, hatte schon Kerkhoffs Vorgänger Hiesinger. Dass Kerkhoff diesen Weg konsequent fortführt, überrascht nicht: Mehr als sieben Jahre lang arbeitete er als Finanzchef unter Hiesinger, fädelte Deals wie die Stahlfusion mit Tata ein und gestaltete auch die Strategie. Einige Aktionäre hätten ihn daher gern ersetzt gesehen – zu eng schien Kerkhoffs Name ihnen mit der alten Führung verbandelt.
Doch mit der Aufspaltung setzt der Manager eigene Akzente. Wie „Geschwister“ sollen die beiden neuen Unternehmen sich zu einander verhalten, sagt Kerkhoff: „Sie gehen ihren eigenen Weg, bleiben aber Teil einer Familie.“
Als Vorstandschef muss er nun dafür sorgen, dass beide Kinder wohlgenährt das Elternhaus verlassen können. Eng zusammenarbeiten dürfte er dabei auch mit dem neuen Aufsichtsratsvorsitzenden Bernhard Pellens, der ebenfalls am Sonntag an die Spitze des Kontrollgremiums gewählt wurde.
Kerkhoff und Pellens sind einander gut bekannt: Als Finanzchef musste sich Kerkhoff in der Vergangenheit vor Pellens rechtfertigen, der seit Jahren schon den Prüfungsausschuss im Aufsichtsrat leitet. Zudem kennen sie sich aus der Schmalenbach-Gesellschaft für Betriebswirtschaft, der Pellens als Vizepräsident angehört. Auch Kerkhoff ist Mitglied und saß Pellens schon im dortigen Arbeitskreis für Immaterielle Vermögenswerte gegenüber.
Doch auch, wenn es Kerkhoff nun gelang, die jetzige Führungsdebatte bei Thyssen-Krupp mit seinem Vorstoß zu beenden: Spätestens, wenn in rund 18 Monaten die Aufspaltung vollzogen ist, folgt die nächste. Denn zwei eigenständige Unternehmen brauchen zwei eigenständige Vorstände. Welchen er lieber führen würde, wollte Kerkhoff bisher nicht verraten.