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Familienunternehmer des JahresKnorr-Bremse-Chef Heinz Hermann Thiele – Vom Tellerwäscher zum Weltmarktführer

Geprägt von der Kindheit im Krieg, hat Thiele den Familienbetrieb Knorr zum globalen Spitzenkonzern geformt. Er ist Familienunternehmer des Jahres.Peter Gauweiler 13.12.2018 - 21:59 Uhr Artikel anhören
Foto: Handelsblatt

„Nur wer gut mit den Übeln des Krieges vertraut ist, kann die richtige Art erkennen, ihn zu führen.“ Das Zitat stammt von Sunzi, dem chinesischen Militärstrategen und Philosophen. Sein vor 2500 Jahren verfasstes Werk über „Die Kunst des Krieges“ gilt als früheste und bis zum heutigen Tage bedeutendste Abhandlung zu diesem Thema. Sunzi gehört neben Carl von Clausewitz zu den wichtigsten Strategietheoretikern der Welt.

Mit Clausewitz teilt Heinz Hermann Thiele die preußischen Tugenden, mit Sunzi den strategischen Verstand. Mit den Übeln des Krieges war er von klein auf vertraut. Thiele wurde im Kriegsjahr 1941 geboren. Die bitteren Erlebnisse seiner Kindheit – er ist ein Flüchtlingskind, der Hunger und die Not – haben ihn geprägt. Er gehöre einer Generation an, die noch erlebt habe, nichts zu besitzen, pflegt er zu sagen.

Zwar stammten seine Eltern aus einem wohlhabenden Haus, beide Großväter waren Unternehmer, der früh verstorbene Vater Notar und Rechtsanwalt. Aber im Krieg verlor die Familie alles. „Ich habe gelernt, in harten Zeiten zu überleben. Das ist ein wesentlicher Treiber für meine Art zu arbeiten“, sagt Thiele selbst. Und: „In der Rückschau betrachtet habe ich diese sehr beschränkten finanziellen Verhältnisse und die mir sehr fehlende Vaterfigur genutzt, um aus eigener Kraft etwas zu schaffen.“

Nach dem Krieg baut die Familie an der Wiederherstellung ihrer Existenz. In Bielefeld. Thieles Gymnasialzeit fällt in die frühen 50er-Jahre, seine erste Befreiung erzielt er im Leistungssport: Er läuft die 100 Meter in 10,8 Sekunden. Der junge Thiele läuft zu sich selbst. Seit damals ohne Unterbrechung. Eine Karriere, die in Deutschland und wohl auch in der Welt ihresgleichen sucht.

Es gibt ein Narrativ, wie Menschen ihr Leben durch Fleiß, Talent und harte Arbeit nicht nur entwickeln, sondern auch komplett verändern können. Man nennt das „vom Tellerwäscher zum Milliardär“: Heinz Hermann Thiele, der später von „Forbes“ unter die „100 reichsten Menschen der Welt“ eingereiht werden sollte, war Tellerwäscher. Nach dem Abitur heuert er der Liebe wegen bei der Hapag-Lloyd-Reederei an, um als „Aufwäscher“ auf der MS Bremen viermal über den großen Teich zu fahren; zweimal Bremerhaven–New York und zurück. Täglich zehn Stunden Schicht in der „Galley“, für 1,50 D-Mark pro Stunde.

Der Just ist seit 50 Jahren CSU-Mitglied und gilt als Ziehsohn von Franz Josef Strauß. 1972 war er Münchens jüngster Stadtrat. Er war Mitglied des Landtags, Staatssekretär und Umweltminister in Bayern. Von 2013 bis 2015 war er CSU-Vize und saß von 2002 bis 2015 im Bundestag. Heute arbeitet der 69-Jährige als Wirtschaftsanwalt in München, seine Kanzlei hatte schon viele prominente Mandanten, etwa Airbus-Chef Tom Enders oder Audi-Manager Wolfgang Hatz.

Foto: Handelsblatt

Danach die Bundeswehr. Zum Ende seiner militärischen Karriere wird er als Oberleutnant der Reserve eine Panzerkompanie führen. Zuvor hatte er die Offiziersschule in Hannover und die Panzertruppenschule in Münster durchlaufen. Hier lernt er, was Führung bedeutet. „Führerschaft ist eine Sache der Intelligenz, der Glaubwürdigkeit, der Menschlichkeit, des Mutes und der Strenge. Jeder General hat von diesen fünf Dingen bereits gehört, jene, die sie beherrschen, werden triumphieren; jene, die sie nicht beherrschen, werden scheitern.“ So lautet eine weitere Lehre des großen Sunzi.

Eigentlich wollte Thiele Ingenieur werden. Etwas Mechanisches machen. Aber der Vater hatte sich einen Juristen gewünscht. Also studiert er Jura. Danach geht er als juristischer Sachbearbeiter zu Knorr in München. Ein traditionsreich-tüchtiges Maschinenbau-Unternehmen, das der Ingenieur Georg Knorr im Jahr 1905 in Berlin für Eisenbahn-Druckluftbremsen gegründet hatte und das nach dem Krieg seine Produktion in München fortsetzte.

Bereits nach drei Jahren wird der junge Einsteiger Leiter der Rechtsabteilung des Unternehmens, drei Jahre später Bereichsleiter für Nutzfahrzeuge, 1979 Vorstand im Vertrieb der Knorr-Bremse GmbH. Im September 1985 die Krönung: „HHT“ wird Vorstandsvorsitzender der Knorr-Bremse GmbH. Höher kann ein Angestellter nicht steigen.

Doch was für andere die Endstation wäre, ist bei ihm die Basis für einen weiteren Anfang: Thiele steigt als Komplementär bei Knorr ein. Aus dem tüchtigen Mitarbeiter wird ein mutiger Unternehmer, und die Banken haben gute Gründe, auf ihn zu setzen: Bedingt durch Konflikte zweier Erben und Anteilshalter war das Unternehmen ins Wanken geraten.

Noch im Dezember des gleichen Jahres verkaufen die Alteigentümer ihre Anteile an den neuen ersten Mann. Krise hin oder her: Das Unternehmen wurde damals auf 200 Millionen D-Mark geschätzt. Eigentlich eine unvorstellbare Summe. „Furcht ist der Gegner, der einzige Gegner“, sagt Meister Sunzi. Thiele kannte keine Furcht. Krisen sind Chancen.

Heinz Hermann Thiele

Eigentümer von Knorr-Bremse vollendet mit dem Börsengang sein Lebenswerk

1985, als er sich anschickt, aus einem Sanierungsfall einen Weltmarktführer zu formen, gründet Thiele gleich noch den ersten Knorr-Bremse-Standort in der Freihandelszone Hongkong. Bereits daraus wird eine Erfolgsgeschichte ohne Beispiel: 1989 kann er seinen ersten großen Vertrag in China abschließen, Knorr-Bremse beliefert seitdem die Metro in Schanghai mit Bremssystemen. Bremstechnik für Schiene und Straße hat er als Kernaktivität seines Unternehmens definiert und setzt auf konsequente Internationalisierung.

Heute baut China 5000 Metro-Wagen jährlich, das sind etwa 60 Prozent des Weltmarkts. Knorr-Bremse hält davon einen Marktanteil zwischen 60 und 70 Prozent. Und die wachsenden Megacitys lassen die Nachfrage weiter steigen. China plant im Rahmen der neuen Seidenstraße bekanntlich ein Eisenbahnnetz, das vom Reich der Mitte bis in den Südwesten Europas reicht und entsprechend viel „rollendes Material“, das gebaut werden muss.

Die transkontinentalen Strecken durchqueren viele Länder mit unterschiedlichen Standards und unterschiedlichen Regularien für die Technik und den Betrieb der Strecken. Thieles Knorr-Bremse bietet als einziger Zulieferer weltweit Systeme, die für sämtliche Standards entlang der Riesenstrecke zertifiziert sind.

„Schon Härteres ausgehalten“

Von 1985 bis 2015 klettert der Umsatz von 180 Millionen auf sechs Milliarden Euro. Knorr-Bremse ist heute mit mehr als 100 Produktionsstätten und gut 29.000 Mitarbeitern in 30 Ländern weltweit vertreten. Das Unternehmen liefert Brems-, Einstiegs-, Steuer- und Hilfsenergieversorgungssysteme, Klima- und Fahrerassistenzsysteme für Schienenfahrzeuge sowie Brems-, Lenk-, Antriebs- und Getriebesteuerungs- und Fahrerassistenzsysteme für Nutzfahrzeuge.

Knorr-Bremse ist heute der Weltmarkführer für Bremssysteme und ein führender Anbieter sicherheitskritischer Subsysteme für Schienen- und Nutzfahrzeuge. Die Produkte leisten weltweit einen maßgeblichen Beitrag zu mehr Sicherheit und Energieeffizienz auf Schienen und Straßen.

PDF-Dossier zum Download

Das sind die Menschen des Jahres 2018

Das Unternehmen wirkt in den wichtigen globalen Megatrends: Urbanisierung, Ökoeffizienz, Digitalisierung und automatisiertes Fahren. Im Oktober 2018 geht die Knorr-Bremse AG an die Börse. Heinz Hermann Thiele persönlich läutet in Frankfurt die Börsenglocke.

Thiele hat technologische Exzellenz mit Zuverlässigkeit, Leidenschaft und Verantwortung verbunden und diese Eigenschaften zur Basis seiner Unternehmenskultur gemacht. Weltweit. In allen fünf Kontinenten. Man kann nicht sagen, dass Thiele privat der „Tony-Blair-Typ“ wäre, à la „Call me Tony“. Wer mit aller Gewalt beliebt sein will, ist nicht mutig.

Und dass es um Ordnung aufgrund von Qualität geht, ist für einen wie ihn auch eine Frage der Ehre. Letztlich kann man sagen, dass er – obwohl in der ganzen Welt beheimatet und vernetzt – einer der ganz alten Schule ist. Unter dem Eindruck der Tsunami-Katastrophe gründet Thiele 2005 den Verein Knorr-Bremse Global Care e. V., um gezielt Hilfe leisten zu können. Seit Vereinsgründung wurden bis Ende 2015 194 Projekte unterstützt, mit denen mehr als 625.000 Menschen in 52 Ländern erreicht werden konnten und etwa die Trinkwasserversorgung von mehr als 82.000 Menschen dauerhaft verbessert wurde.

Widerstandsfähigkeit angesichts von Veränderungen und Krisen nennt man „Resilienz“: „Halt aus, Herz“, sagt der heimgekehrte Odysseus zu sich selbst, „du hast schon Härteres ausgehalten.“ Dieses Spannungsverhältnis ertragen zu haben hat ihn auf die Herausforderung des Lebens in außergewöhnlichster Weise reagieren lassen.

Foto: picture alliance / SvenSimon

Nicola Leibinger-Kammüller

Es war im Oktober keine leichte Entscheidung für Nicola Leibinger-Kammüller. Denn die Trumpf-Chefin kommt aus einer Familie, in der man sich nicht wegduckt. Aber nach dem Tod ihres Vaters Berthold Leibinger ließ sie die zwei Tage später angesetzte alljährliche Bilanzvorstellung des Maschinenbauers erstmals ausfallen. Im 13. Jahr steht Nicola Leibinger-Kammüller, 58, jetzt schon an der Unternehmensspitze, gemeinsam mit Ehemann Mathias Kammüller und Bruder Peter Leibinger.

Die Rekordzahlen gereichen ihrem Vater zur Ehre. Der Umsatz des Maschinenbauers stieg um knapp 15 Prozent auf 3,6 Milliarden Euro – der höchste Wert seit Gründung des Unternehmens 1923. Und das bei einem operativen Gewinn von mehr als einer halben Milliarde Euro. Die Auftragsbücher sind gut gefüllt. Dass sie das Unternehmen führen kann, hat die Unternehmertochter schon hinlänglich bewiesen. Aber es ist seit dem 16. Oktober, ganz ohne Senior, eben doch ein bisschen anders als bisher. Martin Buchenau

Michael Otto

Die Hamburger Otto-Gruppe hat sich über das Jahr 2018 mit einer Meldung in den Schlagzeilen gehalten: Der Otto-Katalog wurde zum letzten Mal gedruckt. Damit zeigt Chefaufseher Michael Otto, dass er bereit ist, für den Wandel zum Multichannel-Händler lieb gewonnene Traditionen aufzugeben.

Otto lässt seinen Managern dafür Raum. Sie öffnen gerade den Onlinehändler Otto.de als Plattform für unabhängige Anbieter – nach dem Vorbild von Amazon, das in den vergangenen Jahren zwar erheblich stärker gewachsen ist, die Hamburger aber anders als viele althergebrachte Katalogversender nicht ins Nirvana geschickt hat. Wieso die Otto-Gruppe den Wandel ins Netzzeitalter geschafft hat, erläuterte Michael Otto im Frühjahr höchstselbst bei der Feier zu seinem 75. Geburtstag in der von ihm mitfinanzierten Elbphilharmonie: Er reist seit 1981 regelmäßig ins Silicon Valley – noch bevor die meisten in Deutschland den Begriff überhaupt kannten. Christoph Kapalschinski

Christian Berner

Der 34-Jährige gehört zu einer neuen Generation von Unternehmensnachfolgern, die ihre Aufgabe durch und durch annehmen und begriffen haben, dass Menschen das Kapital ihrer Firmen sind. Nach 15 Jahren Fremdmanagement stieg Christian Berner 2012 in die familieneigene Berner Group ein. Die Gruppe, 1957 in Künzelsau gegründet, in direkter Nachbarschaft zum großen Konkurrenten Würth, verdient ihr Geld mit 230.000 verschiedenen Produkten, sogenannten C-Teilen, unter anderem für die Automechaniker, mit dem legendären Schmiermittel Caramba und einem steigenden Anteil an Dienstleistungen.

2016 verlegte Berner den Sitz eines Teils der Holding aus dem Fränkischen nach Köln. Dort fand er die richtigen Mitarbeiter für die Transformation des Milliardenkonzerns. Allein im Oktober setzte Berner 100 Millionen Euro um. Und weil Menschen so wichtig sind, freuen er und seine Frau sich, dass seit Kurzem auch der Nachwuchs auf der Welt ist. Anja Müller

Christina Oster-Daum

Ihr Kosmetikunternehmen Cosnova ist ein Hidden Champion – und Gründerin Christina Oster-Daum, 49, hält sich ebenfalls gern im Hintergrund. Von ihr gibt es kein Foto, nur diese Zeichnung mit ihrem Mann und Mitgeschäftsführer Javier González. Bei Cosnova sollen Produkte im Vordergrund stehen, nicht Köpfe. Dabei muss sich die Ex-Coty-Managerin alles andere als verstecken.

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Seit 2001 hat sie fast unbemerkt im Taunus einen globalen Mittelständler für dekorative Kosmetik aufgebaut. Und das in einer Branche, die von Multis wie L’Oréal und Coty dominiert ist. Mehr als 500 Mitarbeiter erwirtschafteten 2017 rund 425 Millionen Euro – 2020 sollen es 500 Millionen sein.

Cosnova mit den Marken Essence, Catrice und L.O.V brach mit vielen Regeln der Branche: Qualität zu günstigen Preisen, Social Media statt Anzeigenwerbung, trendiges Make-up in kurzer Folge. Heute ist Cosnova nach Stückzahlen Marktführer in Deutschland und in 80 Ländern aktiv. Oster-Daum stieg 2018 in Brasilien ein, dem größten Nagellackmarkt der Welt. Katrin Terpitz

Lesen Sie in unserem 35-seitigen Dossier „Menschen des Jahres 2018“, wer in diesem Jahr Großes geleistet hat, wer überrascht oder enttäuscht hat.

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