Autobauer: Volkswagen will seine SUV-Flotte stark ausbauen
Der VW-Konzern rechnet für das Jahr 2025 in China mit einem SUV-Anteil von etwa 56 Prozent.
Foto: ddp/Xinhua/Sipa USADüsseldorf. Die Kritik von Umweltschützern kann den Volkswagen-Konzern nicht beirren: Der Wolfsburger Autohersteller wird die Produktion von sportlichen Geländemodellen, sogenannter SUVs, auch in den kommenden Jahren weiter massiv ausbauen. Nicht nur die Kernmarke VW, sondern auch die Töchter Audi, Skoda und Seat planen weitere SUV-Modelle.
Wie aus einer Konzernpräsentation hervorgeht, soll der SUV-Anteil an allen verkauften Fahrzeugen im Jahr 2025 weltweit bei mehr als 50 Prozent liegen. Im gerade beendeten Jahr 2019 sind die SUV bei Volkswagen auf einen Anteil von gut 30 Prozent gekommen.
Traditionell ist Nordamerika auch für Volkswagen der wichtigste SUV-Markt. In den USA und Kanada war die Nachfrage nach den sportlichen Geländewagen schon deutlich früher als in anderen Teilen der Welt spürbar angestiegen. Dazu trägt auch die Besonderheit bei, dass in Nordamerika in aller Regel größere Modelle gefahren werden als in Europa oder China. Die sehr viel niedrigeren Kraftstoffpreise in den USA sorgen dafür, dass sich Autofahrer seltener Gedanken um das Gewicht der Fahrzeuge und damit den Benzinverbrauch machen müssen.
Nach seiner jüngsten Prognose kalkuliert der VW-Konzern damit, dass der SUV-Anteil in Nordamerika in den nächsten fünf Jahren auf knapp 70 Prozent steigen wird. Aktuell sind es dort nach Angaben von VW-Markenvorstand Arno Antlitz noch gut 40 Prozent.
Bei den in den USA besonders beliebten Stadtgeländewagen hatte VW im zurückliegenden Jahr mit einem neuen Tiguan-Modell und dem Atlas eine Produktoffensive gestartet. Allein im vergangenen November stiegen die Verkaufszahlen von SUV im Vergleich zum Vorjahresmonat um 30 Prozent.
Die Geländewagen sollen dazu beitragen, dass die Marke VW in den USA in diesem Jahr erstmals nach Jahrzehnten wieder schwarze Zahlen schreibt. Volkswagen beschreibt es selbst als eigenen strategischen Fehler, in den USA nicht früher auf SUV gesetzt zu haben.
Mit Modellen, die einfach nur aus Europa importiert würden, seien keine größeren unternehmerischen Erfolge zu erreichen. Jetzt biete VW in Nordamerika Modelle an, die dort auch wirklich nachgefragt würden. Der Atlas wird nur in den USA gefertigt.
Mit der starken Nachfrage nach SUV stellen die USA und Kanada allerdings keine Ausnahme mehr da. Wie aus der VW-Präsentation weiter hervorgeht, gleicht sich das Nachfrageverhalten in China und in Europa immer stärker den Verhältnissen in Nordamerika an. Demnach kalkuliert der VW-Konzern für das Jahr 2025 in der Volksrepublik mit einem SUV-Anteil von etwa 56 Prozent und in Europa mit 49 Prozent.
„Die SUV-Offensive ist weltweit ein voller Erfolg“,
Vor fünf Jahren lag die Quote in China bei gerade einmal 14 Prozent, in Europa waren es sogar nur zwölf Prozent. Im Unterschied zu Nordamerika will Volkswagen auf den beiden anderen Automärkten auch vermehrt kleinere SUV anbieten. Das Nachfrageverhalten in China und Europa entwickle sich bei höheren Kraftstoffpreisen ähnlich, kleinere Fahrzeuge stünden dann eher im Fokus.
„Das hohe Tempo der SUV-Verkäufe wird auch die nächsten Jahre anhalten. Eine Trendumkehr ist nicht erkennbar“, glaubt auch Ferdinand Dudenhöffer, Automobilprofessor an der Universität Duisburg-Essen. Die starke Kritik aus dem Umweltbereich ändere nichts daran, dass viele Autofahrer einen SUV bevorzugten. Die höhere Sitzposition vermittle ein Gefühl von mehr Sicherheit, außerdem sei das Einsteigen leichter.
Ein SUV-Anteil von 50 Prozent für das Jahr 2025 sei mehr als realistisch; nicht nur bei Volkswagen, sondern bei allen Herstellern. Bei dieser Aufwärtsentwicklung seien allenfalls kleinere Verzögerungen denkbar. Auch in Deutschland sei es im vergangenen Jahr mit den SUV weiter nach oben gegangen. Erstmals hätten die Autohersteller in einem Jahr davon mehr als eine Million Exemplare verkauft.
„Die SUV-Offensive ist weltweit ein voller Erfolg“, sagt VW-Marken-COO Ralf Brandstätter. Deshalb gebe es für sein Unternehmen keinen Grund, diese Entwicklung anzuhalten. „Wo Sie auch hinschauen, unsere SUV-Offensive greift“, bekräftigt Brandstätter.
Die SUV sind gerade aus wirtschaftlicher Sicht für einen Hersteller wie Volkswagen unverzichtbar geworden. Die Geländewagen können etwas teurer als konventionelle Pkw verkauft werden. „Damit verdienen wir das nötige Geld, um unsere Elektrooffensive finanzieren zu können“, verteidigte Konzernchef Herbert Diess die Produktstrategie seines Konzerns vor Weihnachten in einem Interview.
Bei der Ingolstädter Premiumtochter Audi spielen die SUV eine noch größere Rolle als etwa bei der Kernmarke VW. „Die Wünsche unserer Kunden stehen für uns an oberster Stelle“, sagt Audi-Marketingvorstand Hildegard Wortmann. Dabei zeige sich, dass der Trend zu mehr SUV ungebrochen sei. „Der SUV-Anteil an unseren Auslieferungen liegt aktuell bei rund 40 Prozent, 2018 waren es rund 37 Prozent“, ergänzt sie.
Die niedrigen Kraftstoffpreise in den USA sorgen dafür, dass sich Autofahrer seltener Gedanken um den Benzinverbrauch machen.
Foto: dpaAutoexperte Dudenhöffer ist sich sicher, dass sich die SUV als wichtigste Karosserieform für lange Zeit behaupten werden. Die Autohersteller würden allerdings auf die Umweltdiskussion reagieren – indem sie gerade die SUV mit verbrauchsgünstigen Antriebsvarianten ausstatteten.
„Es kommen immer mehr SUV als reine Elektroautos auf den Markt“, betont Dudenhöffer. Außerdem böten die Hersteller vermehr „Plug-in-Hybride“ als SUV an, also mit kombiniertem Verbrenner- und Elektroantrieb.
„So kurios es klingt, mehr SUV sind eine Chance, E-Mobilität schneller in Deutschland umzusetzen“, ergänzt er. Denn an den verschärften Emissionsgrenzen beim Kohlendioxid kämen die Autohersteller nicht vorbei, sie müssten sie zwingend einhalten – oder hohe Bußgelder an die EU nach Brüssel überweisen. Also würden die neuen SUV beim Verbrauch besser.
Der Hochschullehrer rechnet sogar mit einer gewissen Renaissance für Diesel-betriebene SUV. Beim Verbrauch – und damit auch bei den Kohlendioxid-Emissionen – seien die Motoren immer noch deutlich besser als die meisten Benziner. Die Stickoxid-Belastungen seien durch die anhaltende Dieseldiskussion deutlich reduziert worden.
VW plant erstes Elektro-SUV
„Ökologisches Bewusstsein und SUV stehen aus unserer Sicht nicht im Widerspruch“, sagt Audi-Vorstandsmitglied Wortmann. Deshalb habe sich die Premiumtochter von Volkswagen dazu entschieden, mit dem Audi E-tron ein SUV als erstes rein batteriegetriebenes Fahrzeug anzubieten. Das SUV-Segment biete zudem Sportlichkeit, volle Alltagstauglichkeit und hohes Wachstumspotenzial.
Rein elektrisch angetriebene SUV bekommen auch bei der Marke Volkswagen eine wachsende Bedeutung. Zum Jahresende soll es deshalb das erste Elektro-SUV aus Wolfsburg geben. Das neue Auto, das voraussichtlich den Namen ID.4 bekommt und ungefähr so groß sein wird wie ein VW Tiguan, könnte aus Sicht der Wolfsburger wegen der wachsenden Bedeutung des SUV-Segments zu einem weltweiten Verkaufsrenner werden. Über den gesamten Produktlebenszyklus der in der Autobranche üblichen sieben Jahre hinweg will VW davon rund zwei Millionen Exemplare verkaufen.
„Wirtschaftlich ist das ein besonders wichtiges Auto für uns“, betont VW-COO Brandstätter. Der Elektro-SUV dürfte Volkswagen auch dabei helfen, dieses Modellsegment aus der umweltpolitischen Schusslinie zu nehmen. VW will mit dem ID.4 genauso wie Audi zeigen, dass der weniger klimabelastende Elektroantrieb auch bei sportlichen Geländewagen einsetzbar ist.
Die Produktion des ersten Elektro-SUV von Volkswagen beginnt voraussichtlich zur Jahresmitte im Zwickauer VW-Werk. Weil das Segment der elektrischen SUV dann in den Folgejahren deutlich an Bedeutung gewinnt, soll die Produktion dieser Modelle für Europa an einem Standort konzentriert werden.
Volkswagen hat dafür die Fabrik in Emden ausgewählt, wo jetzt noch der VW Passat von den Bändern läuft. Rein elektrische SUV werden außerdem in den USA und in China gefertigt. Dort beginnt die Produktion nach den jüngsten Produktplänen von Volkswagen jedoch etwas später als in Europa.