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KrisenmanagementCoronavirus legt Mängel im chinesischen System offen

Je länger die Krise um das Coronavirus dauert, desto deutlicher wird, dass die staatlichen Stellen und das Gesundheitssystem überlastet sind.Dana Heide 05.02.2020 - 18:57 Uhr

Eine Sporthalle in der Provinz Hubei wird zu einem provisorischen Lazarett umfunktioniert.

Foto: Reuters

Peking. Wang Li (Name von der Redaktion geändert) klingt verzweifelt. Am 26. Januar habe er mit Fieber ein Krankenhaus in Wuhan aufgesucht, der Arzt röntgte seine Lunge und testete sein Blut. Wang habe einen Infekt in der Lunge, sagte der Arzt, er solle nach Hause gehen und Medizin nehmen. Als sein Zustand nicht besser wird, sucht er am Abend ein anderes Krankenhaus auf, auch seine Mutter ist inzwischen erkrankt.

Auch dort stellt der Arzt einen Lungeninfekt fest, auch dort wird er wieder nach Hause geschickt. Er solle Medizin nehmen und sich selbst unter Quarantäne stellen, sagt der Arzt ihm.

Am 4. Februar gehen Wang und seine Mutter abermals zum Arzt. Ihr Zustand habe sich deutlich verschlechtert, sagt der nun, sie müssten so schnell wie möglich in ein Krankenhaus, das sie auf das neue Coronavirus testen kann. Noch am selben Tag machen sie den Test, der positiv ausfällt.

Doch noch immer bekommen Mutter und Sohn keinen Platz auf einer Krankenstation. „Bitte helft uns“, schreibt Wang im chinesischen sozialen Netzwerk Weibo. Beigefügt hat er die positiven Testergebnisse von ihm und seiner Mutter aus dem Renmin Hospital in Wuhan.

Mehr als 500 Berichte dieser Art finden sich allein unter der Überschrift „Pneunomia Patients asking for help“ bei Weibo. Über 300.000 Nutzer verfolgen das Thema dort. Die Berichte geben ein Zeugnis davon, wie sehr die Situation außer Kontrolle geraten ist – insbesondere in Wuhan.

Inzwischen ist die Zahl der mit dem neuen Coronavirus infizierten Menschen auf mehr als 24.500 gestiegen, mindestens 493 Menschen starben, bis auf zwei alle in China. 479 Todesopfer wurden allein in der Provinz Hubei, in der auch Wuhan liegt, gezählt.

Je länger die Krise dauert, desto deutlicher wird, dass die staatlichen Stellen und das chinesische Gesundheitssystem überlastet und überfordert sind. Nicht nur am Anfang wurden frühe Hinweise auf den Erreger verschleiert und sogar bestraft, auch jetzt noch gibt es große Missstände.

Auch die WHO übt inzwischen Kritik

Bislang lobte die Weltgesundheitsorganisation WHO das Krisenmanagement Chinas. Doch inzwischen gibt es auch von dieser Seite Kritik. John MacKenzie, Mitglied der Notfallkommission der WHO, kritisierte laut einem Bericht der „Financial Times“ China dafür, Zahlen verschleiert zu haben. „Ich denke, es gab eine Periode sehr schlechter Berichterstattung oder sehr schlechter Kommunikation“, so MacKenzie.

Doch nicht nur die Genauigkeit der Fallzahlen wird von Experten in Zweifel gezogen. Im Internet kursieren Videos über die Missstände, die insbesondere in Wuhan herrschen. Es sind Bilder von überfüllten Krankenhäusern, die zeigen, wie Patienten in Wartesälen neben Toten in Leichensäcken warten müssen.

Es mangelt an allem. So gibt es zu wenige Testkits, um Patienten auf das Virus zu testen. Bereits Mitte Januar hatten acht Krankenhäuser in der Provinz Hubei um Hilfe gebeten, weil ihnen die grundlegende Ausrüstung fehlte: Atemschutzmasken, Schutzanzüge, Schutzbrillen.

Um die vielen Infizierten behandeln zu können, wurden hastig neue Krankenhäuser gebaut. Am Montag eröffnete das erste, am Mittwoch das zweite. Sie sind nur für die vom Coronavirus Betroffenen vorgesehen. Daneben werden mehrere Hallen in Wuhan zu improvisierten Lazaretten umfunktioniert. Doch die Zahl der Todesopfer steigt immer weiter an.

Mit den Missständen wird bis zu einem gewissen Grad offen umgegangen. Selbst „People’s Daily“, das Sprachorgan der Kommunistischen Partei, berichtet über die vielen Hilfesuchenden und den Mangel an Ausrüstung. Das Narrativ: Es ist vieles schiefgelaufen, aber jetzt kommt die Zentralregierung und bringt Hilfe.

Dazu werden allerlei positive Meldungen verbreitet, die zeigen sollen, wie gut alles laufe. So berichtete das staatliche Fernsehen etwa davon, dass Forscher an der Universität ‧Zhejiang Medikamente gefunden hätten, die das Virus hemmen könnten. Zudem hieß es in einem Bericht der staatlichen Nachrichtenagentur China News am Mittwoch, dass die Behörden sich bei den Menschen, die in den sozialen Netzwerken um Hilfe bitten, melden werden.

80 Prozent der Opfer sind älter als 60 Jahre alt

Die Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Chinas will 300 „Journalisten“ nach Wuhan schicken, um über die Epidemie zu berichten. Die Wut der Bürger kann das nicht beruhigen. „Sie werden immer direkter darin, wie sie die öffentliche Meinung manipulieren“, schreibt Nutzer „XingXing“.

Das Chaos in Hubei könnte auch die schnelle Einschätzung der Krankheitsverläufe behindern. Anfangs wurde noch über Alter, Geschlecht, Vorerkrankungen und genaue Todesursache der Opfer berichtet. Doch am 25. Januar hörte die Provinz Hubei damit auf, über die genauen Umstände der Verstorbenen zu berichten.

Am Dienstag teilte die chinesische Gesundheitsbehörde zumindest grobe Daten mit. Demnach seien die Todesopfer zu zwei Dritteln Männer, 80 Prozent seien älter als 60 Jahre alt, und 75 Prozent hätten eine oder mehrere chronische Grunderkrankungen gehabt. Detailliertere Informationen gibt es nicht.

Auf Nachfrage des Handelsblatts bei der WHO, ob China detaillierte Informationen über Alter, Geschlecht, die genaue Todesursache und Vorerkrankungen an die WHO übermittelt, heißt es, man habe solch detaillierte Informationen nicht. Man wisse nur, dass die Todesfälle in China stark mit einem höheren Alter (über 60 Jahre) und mit den bei älteren Patienten häufig auftretenden Gesundheitszuständen in Verbindung stehen, teilt ein Sprecher mit.

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Die chinesische Führung hat bereits eingeräumt, dass es in der Reaktion auf den Ausbruch der Lungenkrankheit „Unzulänglichkeiten und Defizite“ gab. Mit immer mehr Restriktionen soll nun die weitere Ausbreitung des Virus verhindert werden. Anfang der Woche wurde erstmals eine Stadt außerhalb der Provinz Hubei de facto unter Quarantäne gestellt.

In der Neun-Millionen-Einwohner-Metropole Wenzhou an der Ostküste dürfe nur noch ein Mensch pro Haushalt alle zwei Tage auf die Straße, um das zum Leben Notwendige einzukaufen, teilten die örtlichen Behörden mit.

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