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Absage Mobile World CongressWie der Branchenverband GSMA sich vor den Kosten drücken will

Durch die Absage der Mobilfunkmesse in Barcelona drohen dem Betreiber hohe Schadensersatzforderungen. Noch ist unklar, wer sie übernehmen muss. Auch anderswo leiden Messen.Sandra Louven, Katrin Terpitz und Kerstin Leitel, Sha Hua 13.02.2020 - 16:01 Uhr aktualisiert

Die Messe hätte vom 24.-27. Februar in Barcelona stattfinden sollen.

Foto: Reuters

Düsseldorf, Madrid, London, Peking. Nach der Absage der weltweit größten Mobilfunkmesse Mobile World hat die Debatte darüber begonnen, wer für die entstandenen Kosten und möglichen Schadensersatzansprüche aufkommen muss. Der größte Kostenblock ist nach Branchenangaben die bereits im Voraus gezahlte Miete für die Messestände: Ein Quadratmeter auf der Messe kostet je nach Lage und Größe rund 1000 Euro.

Allein der Netzbetreiber Ericsson, der seine Teilnahme bereits vor einigen Tagen absagte, hatte einen Pavillon von 6000 Quadratmetern auf der Messe gebucht. Für den weltweit zweitgrößten Netzausrüster bedeutet das allein für die Standmiete Ausgaben von sechs Millionen Euro.

Nach Ansicht eines Juristen in Barcelona, der zahlreiche Kunden berät, die nun von der Absage der Messe betroffen sind, haben Unternehmen wie Ericsson per se schlechtere Chancen, nun ihre Kosten erstattet zu bekommen, da sie aus eigener Entscheidung der Messe fern geblieben sind.

Genauso sieht es für Wettbewerber wie die Deutsche Telekom oder Vodafone aus, die am Mittwoch vor der offiziellen Entscheidung der Veranstalter ihre Teilnahme abgesagt hatten. Bei der britischen BT, die nur als Teilnehmer und nicht als Aussteller nach Barcelona reisen wollte und ebenfalls am Mittwoch abgesagt hatte, hieß es, die Kosten für etwaige Stornos von Flügen oder Hotels werde man wohl selbst tragen.

Aus Kreisen eines anderen Großkonzerns, der seine Teilnahme ebenfalls selbst abgesagt hatte, war zu hören, dass die nun anfallenden Kosten für einen Großkonzern nicht ins Gewicht fielen. In wieweit die GSMA, die den Kongress organisiert, diejenigen Aussteller entschädigen muss, die an der Messe festhalten wollten, wird nun zu klären sein.

Mats Granryd, Generaldirektor der GSMA, erklärte am Donnerstag, man habe die Messe aufgrund von „höherer Gewalt“ abgesagt. Der Ausdruck ist für mögliche Schadensersatzansprüche gegen die GSMA von Bedeutung.

Unternehmen berufen sich auf höhere Gewalt, wenn sie aufgrund von Umständen, die sich ihrer Kontrolle entziehen, die vertraglichen Erwartungen nicht erfüllen können. Der Verband versucht, sich damit vor möglichen Ansprüchen zu schützen.

„Hier gibt es keinen Gesundheitsalarm“

Dazu zählen etwa Kriege und Streiks – aber auch Epidemien. Das Problem im Fall der Mobilfunkmesse aber ist, dass die politischen Verantwortlichen beteuern, die Messe hätte stattfinden können. „Hier gibt es keinen Gesundheitsalarm“, erklärte Barcelonas Bürgermeisterin Ada Colau auf der gemeinsamen Pressekonferenz mit der GSMA am Donnerstagmorgen in Barcelona.

Die ebenfalls anwesende Vertreterin der spanischen Regierung in Katalonien, Teresa Cunillera, sprach von einer „Epidemie der Angst“. Damit erschwert es die Politik den Veranstaltern, sich auf das Konzept der „höheren Gewalt“ zu berufen.

Granryd sieht das jedoch anders. Er erklärte, man habe die Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation befolgt, die dazu rate, große Menschenansammlungen zu vermeiden. Es handele sich zudem um eine Veranstaltung, zu der Besucher aus aller Welt anreisen und die nicht nur von der Gesundheitslage in Barcelona abhänge.

Die Messe hätte vom 24.-27. Februar in Barcelona stattfinden sollen. Vor einigen Tagen hatte als erster der Handyhersteller LG abgesagt, ihm folgten Ericsson und weitere Großkonzerne wie Amazon und Facebook. Nachdem am Mittwochmittag große europäische Netzbetreiber wie die Deutsche Telekom und Vodafone ihre Teilnahme ebenfalls absprangen, traf sich die GSMA zu einer Krisensitzung.

Dabei habe man erwogen, die Messe in kleinerem Rahmen abzuhalten – aber auch dafür hätte es zu viele Absagen gegeben, erklärte die GSMA. Auch eine Verschiebung auf ein anderes Datum war im Gespräch. Da aber unklar sei, wie lange die Sorge vor dem Coronavirus dauere, wäre das ebenfalls keine Option gewesen.

Die Kosten der Absage hat die GSMA nach eigenen Angaben noch nicht kalkuliert. Es gehe bei der Entscheidung aber nicht nur ums Geld, sondern um die Gesundheit aller, beteuerte Granryd. „Wir sind eine Nichtregierungsorganisation. Die Gewinne, die wir mit der Messe erzielen, fließen in die Branche zurück. Wir machen damit kein Geld.“

Auch die Hotels in Barcelona klären nun ihre Ansprüche. 492 Millionen Euro Einnahmen erwartete der Mobile World Congress mit seinen zunächst geplanten 110.000 Teilnehmern in diesem Jahr für die Stadt. 14.000 befristete Arbeitsplätze sollten entstehen.

„Einige Hotels haben bereits Anzahlungen erhalten und müssen nun klären, ob sie die zurückzahlen müssen oder den kompletten Übernachtungspreis fordern können“, erklärt der Jurist aus Barcelona, der lieber ungenannt bleiben möchte.

In Spanien herrscht Unverständnis darüber, dass einige Unternehmen wie Sony, Intel oder Cisco ihre Teilnahme an der Mobilfunkmesse in Barcelona abgesagt haben, derzeit aber an der Techmesse ISE in Amsterdam teilnehmen.

Die spanische Ministerin für Handel, Industrie und Tourismus, Reyes Maroto, sagte am Donnerstag in Madrid, die Firmen des Branche müssten nun erklären, weshalb sie den Mobile World Congress abgesagt haben, nicht aber ihre Teilnahme an anderen ähnlichen Events.

Eine mögliche Erklärung ist, dass den branchenweit so bedeutenden Mobile World Congress zahlreiche Top-Manager besuchen. „Das sind Leute von höchstem Level“, erklärte GSMA-Vorstandschef John Hoffmann. Sie hätten sich gesorgt, dass sie nach dem Besuch in Barcelona womöglich erst in eine Quarantäne gemusst hätten, bevor sie wieder in ihre Unternehmen hätten gehen können.

Viele Veranstaltungen in China abgesagt

Der Mobile World Congress ist nicht die einzige Messe, die aus Angst vor dem Coronavirus ausfällt. Vor allem in China werden Veranstaltungen abgesagt. Am Donnerstag präsentierte der Mobilfunkhersteller Xiaomi sein neustes Smartphone-Modell Mi 10 in Peking nicht live vor Gästen, sondern nur per Online-Übertragung.

Größere Menschenansammlungen durch Konferenzen und Veranstaltungen sollen in Zeiten des Coronavirus-Ausbruchs vermieden werden – so hat es die chinesische Regierung angeordnet.

Das trifft viele Veranstaltungen: Die Kunstmesse Art Basel Hong Kong, die eigentlich Mitte März stattfinden sollte, wurde abgesagt. Die Messe will den Ausstellern 75 Prozent der Standgebühr erstatten. Alle bereits gebuchten Zusatzleistungen würden zu 100 Prozent zurückgezahlt.

Ebenso abgesagt wurde das für Mitte April geplante Formel-1-Rennen in Shanghai sowie das traditionell Ende März stattfindende China Development Forum, an dem Geschäftsführer der großen internationalen Unternehmen teilnehmen.

Der Austragungsort der Kanton-Messe, Chinas ältester und größter Fachmesse, auf der 2019 Verträge im Wert von fast 30 Milliarden Dollar abgeschlossen wurden, wurde erst einmal geschlossen. 

Zwar werden Journalisten noch immer dazu angehalten, sich bis zum 15. Februar für den chinesischen Volkskongress, der Anfang März stattfinden soll, zu akkreditieren. Doch die Nachrichtenagentur Reuters berichtet unter Berufung auf vertraute Personen, dass eine Verschiebung erwogen werde, sollte sich die Situation verschlimmern.

Selbst im Hinblick auf die Automesse in Peking Ende April hat Volkswagen bereits angefangen, für die Eventualität eines Ausfalles zu planen, wie aus Unternehmenskreisen zu hören ist. Auch ein Dutzend Messen von deutschen Veranstaltern in Asien mussten verschoben werden wie die Prolight + Sound und Asiamold.

In Deutschland selbst sind zwar bislang noch keine Messen storniert oder verschoben worden. Doch auch hier gibt es zahlreiche Absagen von Teilnehmern.

So zählten die Süßwarenmesse ISM in Köln und die Spielwarenmesse in Nürnberg kürzlich mehrere Tausend Besucher weniger wegen der Angst vor dem Coronavirus. Oft sind es chinesische Aussteller, die den Veranstaltungen fern bleiben.

Auf der Frankfurter Ambiente fehlten 37 Stände aus China. Für die Euroshop in Düsseldorf haben bisher 42 von 353 chinesischen Ausstellern abgesagt, auf der am Mittwoch angelaufenen Biofach in Nürnberg waren es 31 von 73 angemeldeten Ausstellern aus China. Die Angst hat aber auch erste deutsche Aussteller zu Absagen bewogen.

Getränkehersteller Hassia etwa stornierte seinen Stand mit der Limo-Marke Bionade auf Messe Biofach. Diese Entscheidung sei ausdrücklich rein vorsorglich zum Schutz von Mitarbeitern, deren Familien, Geschäftspartnern und der Allgemeinheit getroffen worden, teilte das Unternehmen mit.

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Messeexperte Udo Traeger von der Beratung Exhibition Doctors sieht die Messeveranstalter in einem Dilemma: „Es eine Abwägung zwischen Schutz der Gesundheit der Messeteilnehmer und unnötigen wirtschaftlichen Einbußen aller Beteiligten.“ Kein Veranstalter könne sich erlauben, trotz Gesundheitsgefahr und vieler Absagen, eine Messe aus finanziellen Gründen durchzuziehen. Das brächte einen hohen Imageschaden.

Zum heutigen Zeitpunkt bestehe noch kein Anlass, Messen in Deutschland im Februar und März abzusagen, betont Traeger. Panik sei fehl am Platze. „Aber letztlich weiß keiner, wie sich das Virus weiter ausbreitet. Ganz sicher ist deshalb nichts.“

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