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Epidemiologen warnen vor weiterer AusbreitungAnsteckungswege unklar: In Japan wächst die Angst vor einer Coronavirus-Epidemie

Bereits jetzt ist Japan nach China das Land mit der zweithöchsten Zahl an Infektionsfällen. Mittlerweile rationieren Drogerien die Gesichtsmasken.Martin Kölling 16.02.2020 - 15:21 Uhr

Ein Sicherheitsbeamter steht Wache, während das Kreuzfahrtschiff „Diamond Princess“ im Hafen von Yokohama liegt. In Japan steigt die Angst vor einer weiteren Ausbreitung des Virus.

Foto: dpa

Yokohama. Japans Gesundheitsminister Katsunobu Kato ist kein Mann, der Panik verbreitet. Aber am Wochenende musste auch der Politiker etwas eingestehen, wovor Epidemiologen schon länger warnen: die Gefahr, dass sich das Coronavirus in Japan ausbreitet. „Japan ist anscheinend in einer neuen Phase, in der die Infektionswege einiger Fälle unklar sind“, erklärte der Minister am Wochenende. „Wir können nicht ausschließen, dass sich das Virus wie andere Infektionskrankheiten in der Vergangenheit ausdehnen wird.“ 

Japans Ministerpräsident Shinzo Abe berief daher am Sonntag einen Expertenausschuss ein, um das weitere Vorgehen zu besprechen. Der Chef des Nationalen Instituts für Infektionskrankheiten, Takaji Wakita, ließ nach der Sitzung keinen Zweifel an der Bedeutung der Sitzung: „Mit der Unterstützung der gesamten Nation müssen wir Maßnahmen durchführen, um die Ausbreitung der Krankheit einzudämmen.“ 

Auslöser des plötzlichen Aktionismus sind mehrere Fälle, in denen erstmals Virusträger nicht in China waren oder auch nicht mit Besuchern aus dem Reich der Mitte in Kontakt kamen. Damit ist Japan laut Aussagen von Experten in der Weltgesundheitsorganisation nach China das erste Land, in dem die Ansteckungswege nicht mehr nachvollzogen werden konnten. 

Fünf neue Fälle in Tokio

Japan ist das Land mit der zweithöchsten Zahl an Infektionsfällen. Und dies nicht nur wegen des Kreuzfahrtschiffs „Diamond Princess“, auf dem im Hafen von Yokohama fast 3700 Personen seit dem 3. Februar unter Quarantäne stehen. Dort wurden am Sonnabend 70 neue Infektionen festgestellt, die Gesamtzahl auf dem Schiff stieg damit auf 355 Fälle von 1219 getesteten Schiffsinsassen. Der Rest der Passagiere und der Crew soll in den kommenden Tagen untersucht werden.

Am Sonntag begannen die USA, abreisewillige Bürger von Bord zu holen. Kanada und Hongkong wollen ebenfalls ihre Bürger zurückholen, bevor die offizielle Quarantäne am 19. Februar für die Personen ausläuft, die keinen engen Kontakt mit Infizierten hatten.

Doch auch in Japan selbst steigt die Zahl der Infizierten, eine Rentnerin starb bereits am Virus. Am Sonntag wurden in Tokio fünf Infektionsfälle bekannt, die meistenteils der Sohn der Rentnerin angesteckt hatte. Damit dürften bei fast 60 Bewohnern des Landes der Virus diagnostiziert worden sein. Die neue offizielle Zahl der Infizierten wurde am heutigen Sonntag noch nicht veröffentlicht.

Unklar ist, ob sich das neuartige Virus in den chinesischen Nachbarländern verbreitet hat. In vielen asiatischen Staaten dürften Coronavirus-Infektionen oft unerkannt bleiben, weil schlicht die notwendigen Virentests fehlen. Aber die neue Entwicklung reichte der koreanischen Seuchenkontrollbehörde, nicht nur vor Reisen nach China, Singapur und Thailand, sondern auch nach Japan zu warnen.

Im Reich der Sonne erhöht sich damit die Sorge, zu einem Epizentrum der Epidemie zu werden. Dies zeigt schon die Tatsache, dass eine Institution vorbildlicher japanischer Infektionsprävention seit Wochen Mangelware geworden ist: Gesichtsmasken. Seit Jahrzehnten gehören sie in Japan neben Alkoholsprühern in Lobbys von Behörden oder Büros zum Stadtbild. Viele Menschen tragen sie besonders im Herbst und im Winter, um sich selbst vor Viren zu schützen – oder bei einem Kratzen im Hals die Nachbarn in den Bahnen nicht anzustecken. 

Gesichtsmasken werden zur rationierten Mangelware

Doch nun sind in den Drogerien diese Regale leer. Vorher konnten die Japaner immer zwischen vielen verschiedenen Maskentypen wählen: für Kinder, für Frauen, für Männer, mit bunten Aufdrucken, farbig aus waschbarem Schaum oder in schlichtem Weiß, gefächerte Masken oder neuartig passgenau geformte Masken, in denen eingearbeitete Metallstreifen einen engen Sitz auf dem Nasenrücken gewähren. Und solche, bei denen das ein Schaumstoffteilchen tut. Es gibt sogar welche, die die Atemluft wärmen und befeuchten, mit oder ohne Geruchsaromen.

Stattdessen weist eine Großdrogerie in Yokohama die Kunden darauf hin, dass neue Lieferungen nur rationiert verkauft werden, um das Horten von Masken zu unterbinden: „Pro Familie nur zwei Packungen“, steht auf handgeschriebenen Schildern, die mit Klebefilm an den leeren Flächen befestigt wurden. 

Selbst die sonst oft panikfernen Medien wollen die Sorgen ihrer Leser nicht mehr ignorieren. Die Tageszeitung „Asahi“ mahnt: „Wir müssen von einer heimischen Ausbreitung ausgehen.“ Die Zeitung „Mainichi“ appelliert derweil zwar an ihre Leser, die Lage ruhig zu behandeln. Sie fordert allerdings aktivere Maßnahmen, warnt vor wirtschaftlichen Schäden und kritisiert sogar die Regierung: „Es scheint, als ob die Regierung der Lage einen Schritt hinterherhinkt.“

Die Angst der Menschen steigt

Auch die Menschen reagieren. Ein Vater erzählt auf Twitter unter dem Namen @watasuke221, dass seine Eltern seine Familie von der Reise zu einer buddhistischen Totenmesse ausgeladen haben. Die Begründung: Sie könnten es nicht ertragen, wenn ihr Enkelkind auf der Reise vom Coronavirus infiziert werden würde.

Und dies sind nicht die Einzigen, die inzwischen Angst bekommen. Ärzte und die telefonischen Hilfsstellen, die die Regierung eingerichtet hat, berichten von immer mehr besorgten Anfragen.

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Auch die Regierung reagiert und verschiebt ihren Fokus von Grenzkontrollen auf die Entschärfung einer möglichen Krankheitswelle. Denn die bisherige Isolationsstrategie würde bei einer vollen Epidemie schnell an ihre Grenzen stoßen. Landesweit gibt es laut der Wirtschaftszeitung „Nikkei“ gerade einmal 1871 Betten in Isolierungsabteilungen.

Am Sonntag gab Regierungschef Shinzo Abe bekannt, dass landesweit 536 rund um die Uhr besetzte Informationszentren eingerichtet werden. Außerdem will die Regierung die Zahl der designierten Behandlungszentren für die Viruserkrankung von 726 auf 800 erhöhen. Mediziner rufen die Menschen auf, derweil das zu tun, was seit Jahren zur Vorbeugung bei Grippewellen gepredigt wird: sich regelmäßig die Hände waschen oder am besten mit Alkohol desinfizieren.

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