Autohersteller: Daimler-Chef Källenius baut sein Führungsteam um
Die zuletzt schwächsten Geschäftsfelder werden künftig stärker von der Konzernspitze gelenkt.
Foto: AFPMünchen. Seit Monaten rumort es in der Führungsetage bei Daimler. Doch den offenen Konflikt mit seinen Managern scheute Vorstandschef Ola Källenius. Meetings mit dem Schweden seien trotz der schlecht laufenden Geschäfte stets „von Höflichkeit geprägt gewesen“, berichtet ein Insider. Das sich strukturell wie personell etwas ändern musste, war aber allen klar.
Schließlich lähmte bis zuletzt ein Machtkampf das Finanzressort. Die Van-Sparte nahm trotz Verlusten niemand wirklich an die Kandare. In der Entwicklung optimierten die Chefs der drei Pkw-Baureihen zwar eifrig ihre Fahrzeuge, verloren aber mitunter den Blick für gemeinsame Skaleneffekte und das übergeordnete Ganze. Und die Berichtslinie bei der Strategie war verworren statt klar und direkt.
Källenius änderte daran lange nichts. Er zauderte – so lange, dass selbst ihm Wohlgesinnte dem 50-Jährigen klar signalisierten, er müsse dringend handeln. Einige Investoren forderten sogar öffentlich neue Köpfe im Vorstand und Aufsichtsrat. Nach neun Monaten im Amt greift Källenius jetzt durch – und zwar gründlich.
Konkret wird die kriselnde Autosparte Mercedes mitsamt den strauchelnden Vans künftig noch stärker von der Konzernspitze aus gelenkt. Källenius leitet ab dem 1. April nicht mehr nur die Holdinggesellschaft Daimler AG und das Pkw-Geschäft in Personalunion, sondern verantwortet im Vorstand künftig auch die Transporter-Einheit, wie das Unternehmen am Donnerstag mitteilte.
Personalchef Wilfried Porth, der derzeit noch die Van-Sparte betreut, werde nach dem 828 Millionen Euro teuren Aus des gefloppten Pritschenwagens X-Klasse ein Stück weit entmachtet, verlautet in Konzernkreisen. Offiziell heißt es dagegen, der 61-Jährige konzentriere sich auf „eigenen Wunsch“ hin auf seine Rolle als Arbeitsdirektor.
Für klare Verhältnisse sorgen Källenius und sein Aufsichtsratschef Manfred Bischoff im Finanzressort. CFO Harald Wilhelm übernimmt neben seiner Rolle als Hüter der Zahlen in der Daimler AG auch die Finanzen der Kernsparte Mercedes. Frank Lindenberg, der bisherige CFO der Marke mit dem Stern, wird den Dax-Konzern nach 30 Jahren „im besten gegenseitigen Einvernehmen“ Ende März verlassen, wie es heißt.
Intern ist es freilich ein offenes Geheimnis, dass Lindenberg selbst CFO von Daimler werden wollte und sich durch die Berufung des ehemaligen Airbus-Managers Wilhelm übergangen fühlte. „Wir wollten Frank eigentlich halten, er ist ein absoluter Fachmann“, heißt es in Konzernkreisen. Daher habe man ihm nach der Bestellung von Wilhelm vor fast einem Jahr ein „sensationelles Gehalt“ geboten, um bei Daimler zu bleiben.
Doch schnell zeigte sich: Die beiden Manager können einfach nicht miteinander. „Das war eine Alphamännchen-Geschichte“, konstatiert ein Insider: „Lindenberg stand Wilhelm im Weg.“ Nun werden die Finanzressorts von Daimler und Mercedes unter der Führung von Wilhelm zusammengelegt.
Es ist ein konsequenter und überfälliger Schlussstrich nach den Reibereien. „Ihr seid ein superstarkes Team, und es war mir eine besondere Ehre, euer Kapitän zu sein“, schrieb Lindenberg versöhnlich zum Abschied in einer internen E-Mail an sein Team.
Auch im Reich der Ingenieure und Programmierer nimmt Daimler-Chef Källenius zahlreiche Änderungen vor. Entwicklungsvorstand Markus Schäfer wird zum starken Mann an seiner Seite. Der 54-Jährige übernimmt zusätzlich zu seiner bestehenden Funktion die Aufgabe des Chief Operating Officers (COO).
Schäfer soll künftig auf Konzernebene den technischen Wertschöpfungsprozess der Pkw-Sparte aus einer Hand steuern – von der Entwicklung über den Materialeinkauf bis hin zur Produktion. Dadurch sollen die einzelnen Gewerke ganzheitlich auf Effizienz getrimmt werden.
In der Entwicklung von Mercedes stehe aber noch eine weitere organisatorische Revolution bevor, heißt es in Konzernkreisen. Aktuell arbeiten die drei Baureihenchefs Wolf-Dieter Kurz (Kompakte und SUV), Uwe Ernstberger (S-, E- und C-Klasse) sowie Jörg Bartels (Elektro-Architekturen) weitgehend unabhängig wie Bereichskönige an ihren Fahrzeugen.
Perspektivisch sollen die drei Funktionen aber aufgelöst werden und soll stattdessen ein Chefentwickler alle Baureihen verantworten. Wer die Rolle übernimmt, ist bereits klar: Jörg Bartels werde „Head of Vehicle Integration“ und berichtet direkt an Entwicklungschef Schäfer, verlautet in Konzernkreisen.
Während sich Bartels ums Operative kümmert, soll Wolf-Dieter Kurz künftig die Produktstrategie bündeln. Der Manager ist damit für das gesamte Produktportfolio der Marke mit dem Stern verantwortlich und die Wirtschaftlichkeit der einzelnen Projekte.
Kurz soll für mehr Gleichteile und Verblockungen unter den mehr als 45 Fahrzeugen sorgen und so die Kosten drücken. Er wird direkt an Mercedes-Chef Källenius berichten. Die Berichtslinie in Sachen Strategie sei damit endlich wieder klar geregelt, heißt es in Konzernkreisen. In dem Bereich habe es ein „Führungsvakuum“ gegeben.
„Wir bei Daimler arbeiten mit aller Kraft an unseren großen, strategischen Zielen: dem schrittweisen Umstieg zur CO2-neutralen Mobilität und der vollen Nutzung der Digitalisierung für Produkte und Prozesse“, erklärte Källenius in einem Statement zu den Umbaumaßnahmen. „Die Transformation der Autoindustrie ist eine sehr gute Chance, unser erfolgreiches Geschäftsmodell weiterzuentwickeln. Deswegen stellen wir Abläufe und Führungsstrukturen für die Zukunft auf.“
Ferdinand Dudenhöffer, Leiter des Center Automotive Research (CAR), lobt: „Die Umbauten sind der absolut richtige Schritt. Kompliment an Ola Källenius, dass er entschlossen umsteuert und sich der Baustelle Vans selbst annimmt.“
In der Daimler-Führungsriege werden die personellen und strukturellen Änderungen von Källenius als „überfälliger Befreiungsschlag“ gewertet. Der Schwede trete durch den Personalschnitt ein Stück weit aus dem Schatten seines Vorgängers und Mentors Dieter Zetsche, der 13 Jahre lang in der Stuttgarter Mercedesstraße durchregierte.
„Ola hat sich jetzt ein eigenes Team zusammengesucht, dem er vertrauen kann“, heißt es im Umfeld des Skandinaviers. Dazu zählen auch der mit viel Geld von Bernstein abgeworbene Staranalyst Max Warburton sowie der zuletzt zum Sparkommissar („Head of Transformation“) ernannte M-&-A-Chef Frank-Markus Weber.
Nun habe Källenius die Chance, Mercedes mit einer befreit aufspielenden Managementtruppe aus der Krise zu führen, heißt es in Konzernkreisen. Der Autobauer ist im vergangenen Jahr in turbulentes Fahrwasser geraten. Källenius legte einen nahezu beispiellosen Fehlstart als CEO bei der schwäbischen Industrieikone hin.
Gleich drei Mal musste der Manager in seiner kurzen Amtszeit an der Daimler-Spitze die Ergebnisprognose nach unten korrigieren. Der Gewinn brach 2019 um fast zwei Drittel auf 2,7 Milliarden Euro ein, die Nettoliquidität verringerte sich um 5,3 Milliarden Euro. Die Rendite in der Kernsparte Mercedes hat sich von 7,8 auf lediglich 3,6 Prozent mehr als halbiert.
Gigantische 6,7 Milliarden Euro an Sondereffekten lasten auf dem Betriebsergebnis von Daimler. Darin enthalten sind Geldbußen und Aufwendungen im Dieselskandal, Abschreibungen für die Einstellung der X-Klasse, Restrukturierungskosten beim Carsharing oder Rückrufe wegen mangelhafter Airbags von Takata.
Die Folge: Källenius kürzt den Anteilseignern die Dividende von 3,25 Euro auf 0,90 Euro je Aktie. Die Prämie für die Mitarbeiter sinkt von fast 5 000 auf 1 100 Euro, und auch die Boni für das Management schrumpfen deutlich.
Bis zu 15.000 der 300.000 Stellen weltweit will Källenius bis 2022 streichen, im Einkauf mehrere Milliarden an Kosten drücken und mit seinem Team „rund um die Uhr arbeiten“, um Cashflow und Ergebnis der Stuttgarter wieder in die Höhe zu katapultieren.
Aus Sicht des Daimlerchefs markiert die Bilanz 2019 einen „Wendepunkt“, ab jetzt soll es bergauf gehen. Aber Källenius weiß auch: Der Weg zurück an die Spitze ist steinig. Die immensen Vorleistungen für den Hochlauf der Elektromobilität drücken auf die Rendite, die avisierte Zielmarge von mehr als acht Prozent wird die Premiummarke frühestens 2023 wieder erreichen.
Zudem ist unklar, wie viel Geld der Dieselskandal den Konzern noch kosten wird.