Kommentar: Warren Buffett legt den Finger in die Wunde
Der Starinvestor plädiert für strengere Kontrolleure.
Foto: APWarren Buffett ist der am längsten amtierende Vorstandschef eines amerikanischen Unternehmens. Er führt das Konglomerat Berkshire Hathaway seit 55 Jahren, er selbst feiert im August seinen 90. Geburtstag. Seine rechte Hand, Charlie Munger, ist gerade 96 geworden.
Sein Alter mache ihn nicht zu den weitsichtigsten Technologieinvestoren, wie Buffett selbst einräumt. Doch seine Erfahrung macht ihn zu einem weitsichtigen Unternehmenschef, der schon so manche Krise erlebt hat. Immer wieder hat er – zu Recht – die Wall Street für ihr kurzfristiges Denken kritisiert. Hat gezeigt, dass Hedgefonds oft schlechtere Renditen einfahren, als wenn Anleger einfach in den breit gefassten Aktienindex S&P 500 investiert hätten.
Buffetts am Samstag veröffentlichter Aktionärsbrief ist gerade wegen seiner Weisheiten abseits des Berkshire-Geschäfts einer der am meisten gelesenen seiner Art. Die neueste Warnung des Starinvestors sollte daher in den Chefetagen zwingend Gehör finden: Vorstandschefs brauchen strenge Kontrolleure.
Solche, die Rückgrat haben und sich gegen den CEO stellen, wenn ein Unternehmen einen ungesunden Kurs einschlagen will. Solche, die keine Angst haben, unbequem zu sein, und ihre Argumente auch gegen großen Widerstand vertreten.
Eine ganze Reihe von Skandalen hat in den vergangenen Monaten gezeigt, wie wichtig ein starker Verwaltungsrat ist und wie teuer es werden kann, wenn er fehlt. Die Skandale beim Büroanbieter WeWork, beim Flugzeughersteller Boeing und beim sozialen Netzwerk Facebook sind prägende Beispiele.
„Wenn CEOs Verwaltungsräte suchen, dann wollen sie keinen Pitbull, sondern lieber einen Cockerspaniel“, gab Buffett zu bedenken. Das macht das Leben eines CEOs einfacher, doch im Krisenfall kommt das sowohl die Unternehmen als auch die Aktionäre teuer zu stehen. Eine Patentlösung liefert der Starinvestor nicht. Doch es ist gut, dass Buffett den Finger in die Wunde legt.