Coronavirus: Robert-Koch-Institut erhöht Infektionsrisiko für Deutschland auf „hoch“
Berlin . Das Robert Koch-Institut (RKI) hat das Infektionsrisiko für Covid-19 heute auf die Stufe „hoch“ heraufgesetzt – darüber gibt es nur noch die Stufe „sehr hoch“. RKI-Chef Lothar Wieler begründete diesen Schritt mit den gestiegenen Fallzahlen.
Stand Montagabend hat das RKI in Deutschland 6012 Infizierte registriert, 13 Menschen sind gestorben. Dazu komme aber die Tatsache, dass in einzelnen Regionen „selbst gut aufgestellte Gesundheitsämter und Krankenhäuser inzwischen Probleme haben“. Die Daten der John-Hopkins-Universität legen bereits mehr als 7500 Infizierte nahe.
Die am Montag verkündeten drastischen Maßnahmen seien daher absolut notwendig, um die Welle der Epidemie zu verlangsamen. Am Montag hatten sich Bund und Länder geeinigt, die meisten Geschäfte außer Lebensmittelläden und Apotheken zu schließen und die Grenzen – außer für Warentransporte und Pendler – dichtzumachen.
Auch Spielplätze sollen geschlossen werden. Die Umsetzung liegt nun bei den Ländern. „Ohne diese drastischen Maßnahmen hätten wir wahrscheinlich in wenigen Monaten Millionen von Erkrankten in Deutschland“, sagte Wieler und rief erneut dazu auf, vor allem Abstand zu halten und sich häufig die Hände zu waschen.
Bisher geht das RKI weiter davon aus, dass sich etwa 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung anstecken werden. Das könnte etwa im Laufe von zwei Jahren passieren, so Wieler. Aber selbst wenn man von einer Sterblichkeitsrate von einem Prozent ausgehe – was unter Virologen derzeit als eher hoch eingeschätzt wird – „bedeutet das, dass es 99 Prozent überleben“.
An die Ärzteschaft appellierte der RKI-Chef, sich an die differenzierten Empfehlungen des RKI zu halten und Tests ausschließlich „streng strategisch“ einzusetzen. Das bedeute beispielsweise: Jemand, der etwa aus einem Risikogebiet wie Italien oder Tirol komme und Symptome wie Husten, Fieber oder Schnupfen zeige, sollte getestet werden.
Wenn jemand leichte Symptome zeige, aber nicht in einem Risikogebiet war, solle er hingegen nicht getestet werden. Derzeit seien etwa 160.000 Tests pro Woche möglich, „das ist aber noch steigerbar“.
Als weitere Risikogebiete gelten aktuell der Iran, die französische Provinz Grand Est, die chinesische Provinz Hubei, das österreichische Bundesland Tirol, die spanische Region Madrid und in den USA die Bundesstaaten Kalifornien, Washington und New York.
Nur Hälfte der Infizierten werde krank
Die tatsächliche Zahl der aktuell Infizierten sei natürlich wegen der begrenzten Testkapazität und des Verzuges bei der Übermittlung der Daten wesentlich höher als die registrierten 6012, sagte Wieler.
Zudem gehe das RKI derzeit davon aus, dass nur rund die Hälfte der Infizierten überhaupt krank werde. Und von den Erkrankten entwickelten nur zwanzig Prozent starke Symptome. Fast alle Erkrankten, genauer „99 Prozent“, seien danach immun, so Wieler.
Um jedoch für die Intensivfälle die nötigen Behandlungsmöglichkeiten zu schaffen, rief Wieler alle Kliniken im Land dazu auf, die Kapazität an Intensivbetten „möglichst zu verdoppeln“ – auch dort, wo es bisher noch ruhig ist. Es sei auch nötig, dafür zusätzlich einfache Betten vorzusehen, die aber zumindest mit einer Beatmungsmöglichkeit ausgestattet seien. In der chinesischen Provinz Wuhan habe das sehr gut funktioniert.
Landräte und Bürgermeister müssten dafür sorgen, dass die Kliniken sich entsprechend vorbereiteten, sagte Wieler. Und sie müssten „frühzeitig erkennen, wenn Kliniken oder Gesundheitsämter überlastet sind, und entsprechend um Hilfe bitten“. Das RKI sei dabei, ein flächendeckendes Monitoring über die Verfügbarkeit von Intensivbetten auszurollen.
Um die Pandemie möglichst zu verlangsamen, hält der RKI-Chef auch die künftige Kontrolle von Handy-Bewegungsdaten der Patienten für absolut „sinnhaft“. „Das wäre eine enorme Hilfe für die Gesundheitsämter“. Derzeit arbeite ein Team von 25 Experten daran, und er sei „sehr optimistisch, dass wir in Kürze ein sehr überzeugendes Konzept dafür haben“, das sowohl technisch funktioniere als auch den Datenschutz berücksichtige.
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