Coronavirus: Bei der Suche nach einem Corona-Impfstoff stehen zwei deutsche Firmen im Fokus
Düsseldorf, Frankfurt. An den weltweiten Börsen stürzten die Kurse auch am Montag weiter ab – doch ein Unternehmen verzeichnete an der Wall Street einen riesigen Kurssprung: Die Mainzer Biotechfirma Biontech hat nach eigenen Angaben „rapide Fortschritte“ bei der Entwicklung eines Impfstoffs gegen das Coronavirus gemacht.
Biontech ist seit Herbst 2019 an der US-Börse Nasdaq notiert, die Aktie schoss am Montag in New York um 30 Prozent in die Höhe. Damit ist die Erwartung verbunden, dass die deutsche Firma mit einem Corona-Impfstoff gute Geschäfte machen wird – und dass dieses Mittel bereits in einigen Monaten zur Verfügung stehen könnte.
Weltweit arbeiten Pharma- und Biotechfirmen intensiv an der Entwicklung eines Mittels, das die Menschen vor Infektionen und der Lungenkrankheit Covid-19 schützen soll. Nach Recherchen des Verbands der Forschenden Pharmaunternehmen (VFA) sind derzeit 40 Impfstoffprojekte gegen die neue Infektionskrankheit angelaufen. Bei der Jagd nach dem Corona-Impfstoff stehen zwei deutsche Unternehmen im Fokus: Biontech und die Tübinger Firma Curevac.
Curevac gehört zur Biotech-Holding des SAP-Gründers Dietmar Hopp und kommt ebenso wie Biontech bei der Suche voran. „Wir sollten im Frühsommer bei Curevac einen Impfstoffkandidaten gegen Corona haben, der dann in die klinische Entwicklung gehen kann“, sagte Friedrich von Bohlen, Geschäftsführer bei Hopps Beteiligungsgesellschaft Dievini, dem Handelsblatt.
Was Trump von Curevac will
Die optimistischen Töne aus Dietmar Hopps Umfeld haben auch andere aufhorchen lassen – in den vergangenen Wochen sogar das Weiße Haus in Washington. Dorthin hatte US-Präsident Donald Trump Anfang März führende Vertreter von Pharma- und Biotechunternehmen eingeladen, die sich allesamt auch mit der Entwicklung von Impfstoffen beschäftigen. Auch Curevac gehörte zum Kreis der Teilnehmer in Washington.
Nach dem Treffen sollen die Amerikaner noch interessierter an der Expertise und den Technologien der Tübinger gewesen sein. Trump soll die Firma mit hohen Geldbeträgen gelockt haben – möglicherweise mit dem Ziel, einen Impfstoff vor allem in den USA verfügbar zu haben, hieß es in Medienberichten vom Wochenende. Sogar von einer Kaufofferte war die Rede.
Bohlen unterstreicht: „Es hat kein Angebot gegeben, die Firma von amerikanischer Seite kaufen zu wollen.“ Das sei in einem Teil der deutschen Medien nicht korrekt dargestellt worden. Was Trumps Regierung generell interessiere, sei die rasche Verfügbarkeit von Impfstoffen und Therapeutika aus einer Hand und in einer Prozesskette. Das betreffe auch Produktionskapazitäten.
„Bei Investitionen in bisher ja nicht vorhandene Produktionssysteme reden wir über dreistellige Millionenbeträge“, sagt Bohlen. „Jedes Unternehmen muss offen sein, wenn Investitionsinteresse herangetragen wird.“
Zugleich unterstreicht er aber die Überzeugung von Investor Hopp, die für einen Corona-Impfstoff wie für alle Mittel aus den Labors seiner Biotechfirmen gilt: Sie sollen Menschen auf der ganzen Welt zur Verfügung stehen und die Technologien dafür möglichst in Deutschland etabliert werden.
„Wir würden uns freuen, wenn die deutsche und die europäische Politik das auch so sehen und finanziell entsprechend unterstützen“, sagt Bohlen. Innovation habe ihren Preis, vor allem aber habe sie großen Wert.
Der Vorstoß von Trump hat in Berlin für Empörung gesorgt. Das Thema stand am Montag auf der Agenda des Corona-Krisenstabs der Bundesregierung. Sie will die Impfstoffentwicklung auf jeden Fall im Land halten – auch mit finanzieller Hilfe.
Die EU-Kommission bot Curevac am Montagabend einen Kredit von bis zu 80 Millionen Euro an, um die Entwicklung und Produktion eines Impfstoffs gegen das Coronavirus in Europa zu beschleunigen. Zuvor hatten Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und die Curevac-Führung über die Lage beraten.
Bohlen räumt mit Gerüchten auf, der in der vergangenen Woche bekannt gewordene Wechsel an der Firmenspitze von Curevac habe mit dem Vorgang im Weißen Haus zu tun. „Es ist eher eine Koinzidenz, dass wir uns letzte Woche im gegenseitigen Einvernehmen getrennt haben. Curevac hat ein starkes Team, das mit absolutem Hochdruck an der Entwicklung des Impfstoffs und entsprechenden Produktionskapazitäten arbeitet.“
Gründer Ingmar Hoerr hatte den seit 2018 amtierenden Daniel Manichella vergangenen Mittwoch überraschend mit sofortiger Wirkung als CEO abgelöst.
Nun kann aber auch Hoerr vorerst nicht als Chef weitermachen, wie Curevac am Montagabend mitteilte. Die Firma nannte dafür „medizinische Gründe“, die aber nichts mit Corona zu tun hätten. Nun wird der stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden Franz-Werner Haas die CEO-Rolle bis zur Rückkehr Hoerrs übernehmen.
Curevac wird ebenso wie Biontech von der internationalen Impf-Initiative CEPI finanziell unterstützt. An dem globalen Entwicklungsprogramm sind China, die USA, mehrere europäische Länder sowie die Bill & Melinda Gates Foundation und der Wellcome Trust beteiligt.
China spielt bei der weiteren Erforschung des Biontech-Mittels eine große Rolle. Das Mainzer Unternehmen wird eng mit der chinesischen Fosun Pharma kooperieren. Gemeinsam wollen sie Biontechs Impfstoffkandidaten in der Volksrepublik weiterentwickeln. Für die Forschung erhält Biontech bis zu 120 Millionen Euro, davon 44 Millionen Euro im Zuge einer Beteiligung von Fosun Pharma an dem Mainzer Unternehmen in Höhe von 0,7 Prozent.
Schafft der Impfstoff aus den Biontech-Labors die Testphase und die Zulassung, sei die weltweite Verfügung gesichert, teilte die Firma mit. Die Mainzer besitzen die vollen Rechte außerhalb Chinas, innerhalb des Landes wird Fosun das Mittel vermarkten.
Die Chinesen sollen aber nicht der einzige Partner bleiben. Denn eine Vermarktung und aufwendige Entwicklung des Mittels weltweit kann Biontech selbst kaum stemmen. Deswegen kooperieren die Deutschen zugleich auch mit dem US-Pharmakonzern Pfizer.
Beide Firmen vereinbarten am Montagabend einen Materialaustausch und die Vernetzung ihrer Entwicklungskapazitäten. Die gemeinsame Vermarktung soll für alle Länder außer China gelten. Finanzielle Details werden erst in den kommenden Wochen festgezurrt
Biontech und Curevac arbeiten an einem Impfstoff, der auf einer ähnlichen Technologie beruht. Es geht dabei darum, dass der Körper angeregt wird, eigene Wirkstoffe gegen eine Krankheit zu produzieren.
In der Medizin ist diese Immuntherapie ein großer Hoffnungsträger insgesamt. Bringt man etwa den Körper dazu, Krebs als Gefahr zu erkennen, könnte er die Krankheit mit seinem eigenen Immunsystem bekämpfen. Ähnlich soll es bei einem Corona-Impfstoff ablaufen, und zwar über einen Botenstoff, der Geninformationen in den Zellen in Eiweißstoffe (Proteine) übersetzt. Bei der Impfstoffentwicklung versucht man, diesen Effekt zu nutzen, indem man Zellen dazu bringt, unschädliche Bestandteile des Virus zu produzieren.
Gegen diese im Körper erzeugten Virusteile soll das Immunsystem dann Antikörper generieren, sodass sich ein Schutz gegenüber dem echten Virus entwickelt. Der Vorteil der Technologie besteht darin, dass derartige potenzielle Impfstoffe relativ schnell gefertigt werden können, wenn die Gensequenz des Erregers bekannt ist.
Biontech will im April Testphase starten
Ob das Konzept tatsächlich funktioniert, ist bisher allerdings noch nicht belegt. Bislang wurden weder Medikamente noch Impfstoffe auf Basis dieser sogenannten mRNA-Technologie zugelassen.
Biontech will noch im April in die Testphase am Menschen gehen, bei Curevac laufen die Planungen auf Frühsommer hinaus. Das US-Unternehmen Moderna ist schon weiter. Dessen ebenfalls auf der mRNA-Technik basierender Wirkstoff soll schon in dieser Woche an Freiwilligen getestet werden.
Das heißt aber noch längst nicht, dass die Mittel schnell am Markt sein werden. Denn die Phase von den ersten Tests bis zur Zulassung dauern in der Pharmaentwicklung Monate bis Jahre. In dieser Zeit soll herausgefunden werden, wie wirksam das potenzielle Mittel beim Menschen tatsächlich ist.
Zum anderen wird beobachtet, welche Nebenwirkungen auftreten. Beide Ergebnisse sind dann Grundlage für die Zulassung.
Bei den Corona-Impfstoffen besteht die Hoffnung, dass dieser Zulassungsprozess deutlich beschleunigt wird – auch vonseiten der Gesundheitsbehörden in den USA und Europa. Sie müssen dabei aber immer auch die Sicherheitsaspekte wegen potenzieller unerwünschter Nebenwirkungen im Auge behalten. Die können äußerst gefährlich sein.
Normalerweise bewirkt ein Impfschutz, dass der Körper über Gegenmittel gegen ein Virus verfügt und es so erfolgreich und schnell bekämpfen kann. Eine der größten Gefahren ist aus Sicht von Medizinern, dass ein Corona-Impfstoff nicht zu diesem Erfolg führt, sondern die Krankheit im Gegenteil noch verstärkt.
Neben den Biotechfirmen bauen auch die großen Pharmakonzerne die Impfstoffsuche aus und greifen dabei auf bewährte Technologien zurück. Die britische GSK arbeitet mit einem chinesischen Partner an einem Hilfsstoff, der die Wirkung eines Arzneimoleküls verstärkt. Sanofi aus Frankreich nutzt seine bestehende Technologieplattform für künstlich zusammengesetzte DNA bei der Suche nach einem Corona-Impfstoff.
Der US-Pharmakonzern Johnson & Johnson greift auf einen Mechanismus zurück, der schon beim Impfstoff gegen das Ebola-Fieber eingesetzt wird. Dabei kommen sogenannte harmlose Viren zum Einsatz, die von den Forschern mit gentechnischen Mitteln als Coronavirus verkleidet werden. Wer damit geimpft wird, baut einen Immunschutz auf, der auch eine echte Infektion abwehren kann.
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