Prüfers Kolumne: Dank Corona erfahren wir, wie es bei Kollegen daheim aussieht
Tillmann Prüfer ist Mitglied der Chefredaktion des „Zeit-Magazins“.
Foto: HandelsblattAlle Betriebe machen jetzt nur noch Videokonferenzen. Die haben den Vorteil, dass sie keinerlei Kontakt voraussetzen. Man kann dabei nicht einander anhusten oder anfassen. Und man kann diese Art von Konferenzen ohne Probleme erledigen, während man irgendwo anders weilt.
Man könnte eine Videokonferenz also theoretisch auch vom Bett aus machen. Im Schlafanzug oder nackt. Was wiederum ein Problem ist, denn so ganz problemlos in Lumpen vor dem Bildschirm zu hocken geht ja auch nicht.
Bei der Videokonferenz ist das Bild, das man abgibt, ja umso wichtiger. Die voll geräumte Arbeitsecke, in der sich schmutzige Tassen stapeln, ist im Hintergrund sichtbar und Teil der persönlichen Visitenkarte. Jeder Konferenzteilnehmer wird sich mit diesem Bildausschnitt beschäftigen und denken: So sieht es also bei demjenigen zu Hause aus!
Und man hat auch recht viel Zeit, die Umgebung des Konferenzpartners zu betrachten, denn ansonsten passiert ja nicht viel. In den meisten Videokonferenzen sitzt man vor allem vor dem Bildschirm und versucht, seine Gesichtszüge zu kontrollieren.
Denn reden tut nur einer, und meist sind es dieselben. Der Rest muss sein Gesicht in die Kamera halten. Es ist schwer, während der ganzen Zeit konzentriert zu bleiben, denn Videokonferenzen sind lang.
Es gab früher unter Kindern ein Spiel: Man musste ganz stillhalten, und wer sich als Erster bewegte, hatte verloren. So sind Videokonferenzen auch. Die Gesichter der teilnehmenden Mitarbeiter reihen sich auf dem Bildschirm auf wie bei einer Ahnengalerie. Alle gucken irgendwohin, aber nicht in die Kamera.
Und wenn irgendwer anfängt, sich irgendwie zu bewegen, dann zieht er sofort die Aufmerksamkeit auf sich: Wenn man sich in das Gesicht fasst, im Ohr bohrt oder die Nase kratzt. Oder irgendetwas anderes macht, was man normalerweise macht, wenn man sich einen Moment unbeobachtet fühlt. Bei einer Videokonferenz ist man unter Vollüberwachung.
Dazu stört immer irgendetwas. Irgendjemandem springt eine Katze auf die Tastatur. Oder das Kind schreit. Oder das Mikro hat eine Rückkopplung. Manche atmen auch die ganze Zeit in das Mikrofon, und es klingt, als hätten sie Sex.
Andere halten das Handy am ausgestreckten Arm, und es wirkt, als wären sie auf einem Schiff in schwerer See. Manche ändern ihren Standort vom Sofa zum Schreibtisch, dann sieht es aus wie während eines Erdbebens.
Und dann ist da noch das Problem, wie man selbst aussieht: Entweder man erscheint als schwarzer Scherenschnitt, weil man vor einem Fenster sitzt. Oder man sieht wegen schlechter Übertragungsrate aus wie jemand, der aus Legosteinen nachempfunden wurde. Das sind die besseren Fälle.
Meistens wird man in der Fischaugenperspektive gestreamt. Die Nase etwas nach vorne gezogen, der Schädel etwas ins Mausartige verformt. Oder man wird leicht von unten gezeigt, so dass das Doppelkinn gut erfasst wird und der Inhalt der Nasenlöcher. Man muss versuchen, das eigene Bild, so gut es geht, auf dem Kontrollbildschirm in den Griff zu kriegen.
Ein Vorteil solcher Konferenzen ist, dass man sich nicht vorbereiten muss. Denn dass es bei einer Videokonferenz auch um etwas Inhaltliches gehen könnte, ist ausgeschlossen.