Risikokapital: Corona schockt den Markt für Venture Capital
Die zuvor positive Stimmung auf dem Venture-Capital-Markt ist seit Ausbruch des Coronavirus deutlich eingetrübt.
Frankfurt. Die deutschen Start-ups und ihre Geldgeber stehen in ihrer härtesten Bewährungsprobe. Denn die ungewissen Auswirkungen der Corona-Pandemie haben den deutschen Markt für Venture Capital verunsichert. Das Geschäftsklima ist in den ersten drei Monaten auf ein Allzeittief abgestürzt.
Im ersten Quartal 2020 gibt der Geschäftsklimaindikator „German Venture Capital Barometer“ für das sogenannte Frühphasensegment um 72,3 Zähler auf minus 61,3 Punkte nach – ein in dieser Größenordnung noch nie da gewesener Einbruch.
Die Bewertungen sowohl der aktuellen Geschäftslage als auch der Geschäftserwartungen der Wagnisfinanzierer haben sich massiv verschlechtert. Der Indikator für die aktuelle Geschäftslage fällt ebenso ins Minus wie der Indikator für die Geschäftserwartungen.
Fast alle Klimaindikatoren des von der Förderbank KfW und dem Branchenverband BVK erstellten Barometers fallen im ersten Quartal deutlich in den roten Bereich. So hat sich die Stimmung bezüglich des Fundraisings – also der Aufnahme neuer Finanzmittel durch die Fonds – sowie der Exitmöglichkeiten, der Neuinvestitionen und der erwarteten Wertberichtigungen stark verschlechtert. Einzig die Beurteilung der Einstiegsbewertungen – erfahrungsgemäß ein gegenläufiger Indikator – verbesserte sich.
Aufgrund der ungewissen weiteren Entwicklung der Corona-Pandemie haben sich die wirtschaftlichen Aussichten stark eingetrübt, eine Rezession zeichnet sich ab, heißt es in der Analyse. Auch die weltweiten Aktienmärkte und somit die Bewertungsmaßstäbe sind hohen Schwankungen unterworfen.
Rückgang bei Venture Capital moderat
Ein deutlich gestiegener Druck auf Portfolio- und Einstiegsbewertungen ist deshalb nachvollziehbar, so die Analyse. Auch die Zurückhaltung bei Neuinvestitionen sei ein bekanntes Phänomen.
Eine solche krisenbedingte Schockstarre gab es schon nach dem Ende des New-Economy-Booms um die Jahrtausendwende sowie in der Finanzkrise 2008/2009, als sich die Investoren mit Neuengagements zurückgehalten haben und sich vorübergehend auf die Unterstützung ihrer Portfoliounternehmen beschränkten.
Der Bedarf an Venture Capital ist aktuell allerdings nicht eingebrochen. Zwar beurteilen die Risikokapitalgeber die Höhe und Qualität ihres Dealflows sowie deren Innovationen schlechter als im Vorquartal, der Rückgang ist aber vergleichsweise moderat.
Die Zeit der übertriebenen Preise und der „Einhörner“ mit Bewertungen von mindestens einer Milliarde Euro dürfte aber der Vergangenheit angehören.
„Das ist ohne Zweifel so. Zumindest wird es beziehungsweise gibt es schon jetzt erhebliche Bewertungsanpassungen nach unten und Ausfälle. Aber es wird auch einzelne Unternehmen geben, die vor der Krise stark genug finanziert waren und ausreichende Rücklagen haben und solche, die die Chancen der Krise nutzen können, die gestärkt daraus hervorgehen können“, sagt Paul-Josef Patt, Vorstandschef der eCapital Entrepreneurial Partners AG.
Neue Fonds haben es schwer
„Die aktuelle Krise ist die erste große Bewährungsprobe für das deutsche Start-up-Ökosystem. Viele Geschäftsmodelle basieren auf bekannten Konsum- und Verhaltensmustern. Jedoch wird auch auf längere Sicht nicht klar sein, ob und wie sich diese Muster durch die Pandemie verändern“, sagt Jan Brorhilker, Partner bei der Unternehmensberatung EY (Ernst & Young). Für neue Fonds beziehungsweise neue Fondsmanager werde es sehr schwierig sein, Geld zusammenzubekommen, da Geldgeber jetzt mehr Sicherheit suchten als je zuvor.
Venture Capital von Konzernen – sogenanntes Corporate VC – werde viel weniger bereitgestellt, weil das Geld in der aktuellen Lage eher in „Fließbänder“ als in Start-ups gehe. „Ich rechne damit, dass mit zunehmender Dauer der Krise vor allem Übernahmen von liquiditätsschwachen Start-ups kommen werden“, meint der EY-Experte.
Außerdem würden Investoren nur noch in Start-ups von Top-Gründern investieren. „Die Finanzierungsrunden werden kleiner, und schließlich werden wir weniger Investitionen in frühe Phasen sehen, da das Risiko zu hoch ist“, ergänzt Brorhilker.
„Die Ankunft der Corona-Pandemie in Deutschland hat der sehr guten Stimmung auf dem Venture-Capital-Markt ein jähes Ende bereitet“, sagt Friederike Köhler-Geib, Chefvolkswirtin der KfW. Die Erfahrung zeige, dass sich die Investoren in Krisen auf die Portfoliopflege konzentrierten und sich vorerst mit Neuinvestitionen zurückhielten. Das drücke aufs Investitionsniveau.
Es sei aber gerade jetzt wichtig, die sehr guten Start-ups, die noch auf der Suche nach Investoren sind, nicht im Regen stehen zu lassen. Denn sie würden die kapitalintensive „Time-to-Market“ sonst schwerlich überstehen.
„Eine Start-up-Generation zu verlieren wäre ein harter Schlag“, so die Expertin. „Die Nachfrage nach Venture Capital dürfte durch die Pandemie nicht merklich sinken“, ergänzt Ulrike Hinrichs, geschäftsführendes BVK-Vorstandsmitglied.
Die Herausforderung werde darin bestehen, die Weiterfinanzierung der Start-ups sowohl in der Breite als auch bei den großen Vorzeige-Gründern sicherzustellen. Ansonsten drohten irreparable Schäden am über die letzten Jahre mühsam aufgebauten Ökosystem. Die Venture-Capital-Branche sei aber gut kapitalisiert. Zudem habe die Bundesregierung reagiert und bereits ein Start-up-Programm zur Unterstützung aufgelegt.
„Ich glaube, der Staat hat schon unglaublich viel in kürzester Zeit geleistet, und in Teilen vielleicht auch schon mehr, als dauerhaft verkraftbar ist. Wir sind froh, dass mit den unterschiedlichen Konzepten inzwischen auch Lösungsansätze nicht nur für Konzerne und Mittelständler, sondern auch für die in der Regel nicht bankfähigen Start-ups in unterschiedlichen Finanzierungsphasen vorliegen“, sagt Patt von eCapital.