1. Startseite
  2. Meinung
  3. Kommentare
  4. Die steigenden Aktienkurse erwecken einen falschen Eindruck

KommentarDie steigenden Aktienkurse an der Wall Street setzen die falschen Anreize

Der Stand der US-Börsen erweckt den Eindruck, als würden Politiker und Unternehmen das Richtige tun. Doch tatsächlich ist die Entwicklung frustrierend.Astrid Dörner 22.05.2020 - 00:43 Uhr

Die US-Aktienmärkte haben sich schneller erholt als die in Europa.

Foto: Reuters

Es ist gerade einmal zwei Monate her, da herrschte Panik an den US-Aktienmärkten. Der Leitindex Dow Jones verlor an den schlimmsten Tagen im März acht, zehn und dreizehn Prozent. Es ging so schnell abwärts wie nie zuvor. In nur 20 Handelstagen verlor der Dow mehr als 20 Prozent vom letzten Allzeithoch und läutete damit den ersten Bärenmarkt seit elf Jahren ein. Börsenchefs und Politiker diskutierten öffentlich darüber, die Märkte zu schließen, um noch mehr Schaden zu vermeiden.

Mittlerweile dominiert das andere Extrem: Die US-Märkte haben sich schneller erholt als die in Europa. Das führt dazu, dass Portfoliomanager aus der ganzen Welt so viel in amerikanische Aktien investieren wie lange nicht mehr. Und das, obwohl die Wirtschaftsleistung im zweiten Quartal um 38 Prozent einbrechen könnte, wie Schätzungen der Budgetbehörde des Kongresses zeigen. Notenbankchef Jay Powell warnt indes immer wieder, dass die Folgen der Coronakrise die Wirtschaft noch auf Jahre belasten werden.

Die Märkte, so viel ist klar, sind kein Spiegel der Wirtschaft mehr. Der breit gefasste Index S&P 500 wird dominiert von den fünf großen Technologiekonzernen Alphabet, Amazon, Apple, Facebook und Microsoft, die wegen ihrer hohen Marktkapitalisierung besonders stark ins Gewicht fallen. Apple, Microsoft und Amazon sind jeweils mehr als eine Billion Dollar wert, doch sie beschäftigen vergleichsweise wenige Mitarbeiter.

Früher war das anders. 1962 waren bei den damals wertvollsten börsennotierten Unternehmen, dem Telefonkonzern AT&T und dem Autobauer General Motors, insgesamt 1,2 Millionen Menschen angestellt. Die Konzerne leisteten damit einen Beitrag, den Wohlstand in Amerikas Mittelschicht zu fördern. Die beiden wertvollsten Unternehmen Ende 2019, Microsoft und Apple, hatten da gerade einmal 280.000 Mitarbeiter, wie eine Studie des Thinktanks Brookings zeigt.

Die großen fünf Tech-Werte gelten als Allwetteraktien. Schon vor Corona waren sie die unangefochtenen Börsenstars. Dass sie jetzt als Krisengewinner hervorgehen werden, fördert die gute Stimmung an den Märkten, genauso wie die billionenschweren Rettungspakete der Notenbank und der Regierung und die Aussicht, dass noch mehr Geld ins Finanzsystem gepumpt werden könnte. Doch die Diskrepanz zwischen der Wirtschaft und der Wall Street setzt genau die falschen Anreize.

Die europäische Wirtschaft ist kein Rennwagen

Steigende Aktienkurse erwecken den Eindruck, als würden Politiker in den USA genau das Richtige tun. Dass es kein gutes soziales Netz gibt, Unternehmen kaum reguliert werden und ein paar Wenige die Macht über die Verbraucher unter sich aufteilen, ist Nebensache. Hauptsache, die Atmosphäre an den Aktienmärkten stimmt. Das gilt unter Präsident Trump mehr denn je, der seinen politischen Erfolg gern an den Börsenkursen misst.

Es erweckt auch bei den Unternehmen den Eindruck, dass sie das Richtige tun. Das soziale Netzwerk Facebook kommt mit immer neuen Datenskandalen davon. Der Online-Händler Amazon fing viel zu spät an, seine Mitarbeiter zu schützen und Abstandsregeln in seinen Lagern einzuführen. Der Mitarbeiter, der in New York einen Protestmarsch organisierte, erhielt sofort die Kündigung. Konsequenzen für das Management? Keine. Die Amazon-Aktie hat seit Jahresbeginn mehr als 30 Prozent zugelegt. In den großen Fleischverarbeitungsfabriken wurden Tausende infiziert.

Kündigungsschutz, Kurzarbeit und eine gesetzliche Krankenversicherung, wie in Deutschland und anderen europäischen Ländern, schützt vor allem die einkommensschwächeren Teile der Bevölkerung. Die europäische Wirtschaft ist kein Rennwagen, wie der Nobelpreisträger Joseph Stiglitz es gern über die US-Wirtschaft sagt. Dafür hat die hiesige Ökonomie ein Ersatzrad. Doch das ist teuer und wird von den Aktienmärkten nicht goutiert. Das Geld der Fondsmanager fließt nach Amerika.

Diese Entwicklung ist gerade jetzt besonders frustrierend. Schließlich zeigt die Coronakrise, wie wichtig es ist, dass Arbeitgeber und Regierungen die Menschen nicht im Stich lassen und wie wichtig eine gute Gesundheitsversorgung ist.

Verwandte Themen
Amazon
Apple
Microsoft
Facebook
USA
Europa

Im vergangenen August haben knapp 200 US-Konzerne angekündet, dass sie sich nicht mehr vom Prinzip des Shareholder-Value, also von Aktionärsinteressen, leiten lassen wollen, sondern auch die Interessen ihrer Mitarbeiter und Umweltaspekte stärker berücksichtigen wollen.

Von diesem Stakeholder-Kapitalismus ist im Moment noch nicht viel zu erkennen. Gerade jetzt wäre er dringend nötig. Doch gerade jetzt will kein CEO mit teuren Maßnahmen seinen Aktienkurs gefährden. Es geht schließlich längst nicht allen Unternehmen so gut wie den Tech-Giganten. Und wer weiß schon, wie lange die Feierstimmung an der Wall Street anhält.

Mehr zum Thema
Unsere Partner
Anzeige
remind.me
Jetziges Strom-/Gaspreistief nutzen, bevor die Preise wieder steigen
Anzeige
Homeday
Immobilienbewertung von Homeday - kostenlos, unverbindlich & schnell
Anzeige
IT Boltwise
Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik
Anzeige
Presseportal
Direkt hier lesen!
Anzeige
STELLENMARKT
Mit unserem Karriere-Portal den Traumjob finden
Anzeige
Expertentesten.de
Produktvergleich - schnell zum besten Produkt