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Umfrage zur CoronakriseReichen die Reserven des deutschen Mittelstands?

Die Corona-Pandemie stellt selbst solide Unternehmen vor Schwierigkeiten. Eine Studie zeigt nun, wie widerstandsfähig der deutsche Mittelstand ist. Anja Müller 17.06.2020 - 14:09 Uhr

Insbesondere bei den Maschinenbauern hat die Coronakrise deutliche Spuren hinterlassen.

Foto: dpa

Düsseldorf. Die Coronakrise belastet auch den deutschen Mittelstand. Doch die kleinen und mittelständischen Unternehmen scheinen auf die aktuelle Krise besser vorbereitet zu sein, als sie es in der Finanzkrise 2008 waren. Die Unternehmen hatten den Abschwung schon länger einkalkuliert, zeigt eine Umfrage der DZ Bank und des Bundesverbands der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR), die dem Handelsblatt exklusiv vorliegt.

Danach lag die Eigenkapitalquote der befragten Unternehmen bei 27,4 Prozent und damit um 0,5 Prozentpunkte höher als im Jahr 2017. Die repräsentative Umfrage wurde bis Ende März bei mehr als 1500 mittelständischen Unternehmen durchgeführt. Darüber hinaus wurden rund 40.000 Jahresabschlüsse aus dem Jahr 2018 ausgewertet.

Die Studie zeigt: Der Mittelstand hat zwar ein finanzielles Polster, doch unklar bleibt, ob das reicht, um unbeschadet durch die Krise zu kommen. Denn der Druck im Markt wächst. Bereits in den ersten Wochen der Pandemie glaubten laut Umfrage immer weniger Mittelständler, höhere Preise am Markt durchsetzen zu können. Jedes zehnte Unternehmen rechnete sogar mit Preissenkungen. Aktuell scheint immer noch unklar, wie sich die Preise entwickeln werden.

Doch die wirtschaftlichen Auswirkungen des Shutdowns und des ausgebremsten Welthandels zeigen sich erst nach und nach. Der voraussichtliche Tiefpunkt liegt wohl im noch laufenden zweiten Quartal, schätzt Studienautor Claus Niegsch von der DZ Bank: „Der Mittelstand dürfte das Tief im zweiten Quartal durchschritten haben. Die Unternehmen profitieren mittlerweile von den Lockerungen. Es wird aber noch lange dauern, bis das Vorkrisenniveau wieder erreicht wird.“

An ihren Zukunftsinvestitionen wollten zu Beginn der Pandemie noch drei Viertel der befragten Unternehmen festhalten. Auch im deutschen Mittelstand arbeiten aktuell viele Mitarbeiter im Homeoffice. Ohne digitale Anstrengungen, also Investitionen in digitale Geschäftsmodelle und Prozesse, wird es auch in der Coronakrise nicht gehen.

Viele Mittelständler hätten bewiesen, dass sie sich den geänderten Gegebenheiten gut anpassen konnten, sagt Niegsch. „Die Coronakrise hat den Unternehmen nochmals verdeutlicht, wie wichtig Digitalisierung schon heute ist. Unternehmen, die hier Nachholbedarf haben und es sich erlauben können, sollten mit den notwendigen Investitionen nicht allzu lange warten.“

Bereits im Mai hatten DZ Bank und BVR zusätzlich eine Sonderauswertung zum Corona-Shutdown bei etwas mehr als 1.000 Befragten der Umfrage veröffentlicht. Danach verschlechterte sich die aktuelle Lage nach dem Shutdown deutlich – und sehr schnell.

Während Mitte März noch die Zuversicht deutlich überwog, änderte sich die Lage nach dem Shutdown am 16. März dramatisch. Die Bewertungen der aktuellen Lage sackten unter das Niveau der Finanz- und Wirtschaftskrise vor elf Jahren. Besonders die Metall-, Automobil- und Maschinenbauindustrie beurteilte die Situation als kritisch.

Auch in der Bauwirtschaft, die sich in einer Sonderauswertung bis zum 20. April noch vergleichsweise optimistisch zeigt, ist Ernüchterung eingekehrt. Das zeigt eine Umfrage des Zentralverbands des deutschen Baugewerbes. 70 Prozent klagten danach über schwere Umsatzrückgänge. Vor allem die gewerblichen Aufträge gingen zurück. Die Lage scheint selbst in eigentlich krisensicheren Branchen äußerst volatil.

Kommt die Pleitewelle?

Viele Mittelständler greifen in der Krise auf staatliche Hilfen zurück. 55 Prozent beantragten Kurzarbeit bei der Bundesagentur für Arbeit, nur 21 Prozent der Befragten nahmen laut DZ Bank und BVR-Studie dagegen Kredite bei der KfW auf. Auch das ist ein Hinweis, dass der Mittelstand vor der Krise offenbar gut aufgestellt war und gute Chancen hat, auch diesen heftigen Einbruch vergleichsweise gut zu überstehen.

Doch auch wenn die DZ Bank und BVR-Umfrage zeigt, dass die Unternehmen bessere Voraussetzungen als während der Finanz- und Wirtschaftskrise haben, ist noch nicht ausgemacht, wie viele Unternehmen trotzdem noch in Schwierigkeiten geraten. Erst vor wenigen Tagen hatte Creditreform die Zahl der Insolvenzen mit 8900 für das erste Halbjahr gemeldet, sie lagen damit unter dem Wert der vorher gegangenen sechs Monate.

Doch das kann sich sehr schnell ändern: Im zweiten Halbjahr laufen viele staatliche Hilfen aus und das zuletzt gelockerte Insolvenzrecht soll ab September wieder uneingeschränkt gelten. Auch wenn in den meisten Unternehmen die Kurzarbeit endet, wird sich offenbaren, ob es zu größeren Entlassungswellen kommt. Von den an der DZ Bank und BVR befragten Unternehmen hatten bereits mehr als acht Prozent mit dem Personalabbau begonnen oder planten dies bereits.

Die Coronakrise erschwert in vielen mittelständischen Unternehmen auch die Nachfolge, so zeigt es die DZ-Studie. Bei rund einem Drittel der Befragten steht in den nächsten zehn Jahren ein Generationswechsel an, bei den Firmen mit weniger als 20 Mitarbeitern sind es sogar fast 60 Prozent. Gerade zu dieser Gruppe gehören auch viele Firmen aus Branchen, die unverschuldet besonders vom Shutdown betroffen sind und oft über eine deutlich geringere Eigenkapitalquote verfügen.

Auch wenn nach wie vor eine Mehrheit von zwei Dritteln der Befragten eine Übergabe in der Familie anstreben, sinkt durch die Krise die Attraktivität der Unternehmen für alle potenziellen Nachfolger - auch solche, die die Unternehmen erwerben möchten.

Uwe Berghaus, Firmenkundenvorstand der DZ Bank, sagte, dass die Firmenbewertungen derzeit stark schwankten und und es für viele Unternehmer schwieriger werde, „ihre Firma zu einem angemessenen Preis zu verkaufen.“

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Für jeden zehnten der befragten Firmenchefs ist es denkbar, seine Firma an ein anderes Unternehmen oder an einen Manager des eigenen Betriebs zu verkaufen, sieben Prozent würden auch an externe Manager verkaufen, rund drei Prozent an Finanzinvestoren.

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