Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Studie des Roman-Herzog-Instituts Die deutsche Mittelschicht: stabil, aber verunsichert

Die Coronakrise sorgt für Abstiegsängste bis in die Mitte der Gesellschaft hinein. Die hat sich bis zum Ausbruch der Pandemie aber erstaunlich stabil gezeigt, wie eine Studie zeigt.
11.06.2020 Update: 11.06.2020 - 17:08 Uhr Kommentieren
Die deutsche Mittelschicht ist verunsichert. Quelle: dpa
Frau im Homeoffice

Die deutsche Mittelschicht ist verunsichert.

(Foto: dpa)

Berlin Wie kurz der Weg von einem Leben in materieller Sicherheit und bescheidenem Wohlstand zum Sozialamt sein kann, hat selten etwas so drastisch vor Augen geführt wie die Coronakrise. Selbstständige ohne Aufträge werden auf Grundsicherung zurückgeworfen, gut bezahlte Industriearbeiter müssen fürchten, dass aus Kurzarbeit irgendwann Arbeitslosigkeit wird. Beschleunigt das Virus das „Ende der Mittelschicht“, das schon vor Corona in einem gleichnamigen Buch beschworen wurde?

Schon bevor die Pandemie die Welt veränderte, war die Angst vor der Erosion der Mitte weit verbreitet, die AfD verdankte ihren Erfolg lange auch dem Spiel mit der Abstiegsangst. Doch wie eine neue Studie des Roman-Herzog-Instituts zeigt, ist die Mittelschicht seit der Wiedervereinigung nur marginal geschrumpft. Und die Daten deuteten darauf hin, dass es mehr Aufstiege nach oben als Abstiege nach unten gegeben hat, heißt es in der Untersuchung, die dem Handelsblatt exklusiv vorliegt.

Die Forscher fürchten aber, dass die Statusverunsicherung in der Bevölkerung in diesem Jahr durch Corona „sprunghaft ansteigen“ wird. Kleine Selbstständige mit geringer Beschäftigtenzahl könnten zu den größten Verlierern zählen.

Die Sorge der Autoren: Beschäftigte, die wegen der wirtschaftlichen Folgen der Pandemie um ihren Job fürchten, könnten dafür auch die Globalisierung verantwortlich machen – und diese zurückdrehen wollen. Auch könnte die Verunsicherung dazu führen, dass Populisten stärkeren Zulauf haben.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Der Vorstandsvorsitzende des Roman-Herzog-Instituts, Randolf Rodenstock, mahnt deshalb, die Menschen mit ihren Sorgen nicht allein zu lassen: „Wir müssen den Tendenzen der Verunsicherung, die allenthalben spürbar sind, entgegenwirken, um demokratiefeindlichen Strömungen, Links- oder Rechtsextremismus und Rassismus vorzubeugen.“

    Die Studie des Instituts war allerdings vor Ausbruch der Coronakrise weitgehend abgeschlossen und lässt daher noch keine direkten Rückschlüsse zu, wie sich die Pandemie auswirkt.

    Im Unterschied zu Studien, die das Einkommen als Maßstab nehmen, grenzen die Soziologen Holger Lengfeld und Jessica Ordemann die Schichtzugehörigkeit über den ausgeübten Beruf ab. Er sei „die zentrale Ressource der Menschen zur Herstellung und Aufrechterhaltung ihres sozialen Status“, schreiben sie.

    Die Mittelschicht wird dabei in drei Untergruppen unterteilt: Oben stehen Akademiker in Jobs ohne Personalverantwortung, in der Mitte Angestellte mit Berufsausbildung und kleine Selbstständige. Beruflich qualifizierte Arbeiter und Meister sowie gelernte Handwerker und Kleingewerbetreibende ohne Beschäftigte runden das Spektrum nach unten ab.

    Nach bis zum Jahr 2018 vorliegenden Daten des sozio-ökonomischen Panels (SOEP), einer regelmäßigen Bürgerbefragung, gehörten zuletzt knapp 58 Prozent der erwachsenen Bevölkerung der so definierten Mittelschicht an. Kurz nach der Wiedervereinigung waren es drei Prozentpunkte mehr.

    Allerdings ist im Untersuchungszeitraum von 1991 bis 2018 der Anteil der Oberschicht, die sich aus Akademikern in Jobs mit Führungsverantwortung und Freiberuflern rekrutiert, von knapp zehn auf gut 13 Prozent gestiegen. Der Anteil der geringqualifizierten Angestellten und an- und ungelernten Arbeiter war über die Jahre relativ stabil und lag zuletzt bei 29 Prozent.

    Innerhalb der Mittelschicht sind aber durchaus Verschiebungen zu beobachten. So ist durch den Trend hin zur Dienstleistungsgesellschaft ein starker Rückgang des Anteils der Industriefacharbeiter zu verzeichnen, der ausgeprägter ausfällt als bei den geringqualifizierten Arbeitern. Dafür gibt es heute deutlich mehr Angestellte mit Hochschulabschluss als nach der Wiedervereinigung.

    Die Studie untersucht auch, ob sich Abstiegsängste, hier definiert als die Angst vor dem Jobverlust, in der Mittelschicht anders entwickelt haben als in den anderen Bevölkerungsgruppen. Hier zeigt sich aber ein annähernder Gleichlauf, der der konjunkturellen Entwicklung folgt.

    Entwicklungen wie die Globalisierung mit stärkerer weltweiter Konkurrenz, aber auch die Zunahme flexibler Beschäftigungsformen wie befristete oder Minijobs haben bis Mitte der 2000er-Jahre die Sorgen um den eigenen Job immer größer werden lassen. Mit dem dann folgenden beispiellosen Aufschwung haben sich aber auch diese Ängste verflüchtigt.

    Angst vor Jobverlust vor Corona stark gesunken

    Zuletzt hatten nur noch 28 Prozent der Erwerbstätigen Angst vor dem Jobverlust, die zudem mit dem beruflichen Status abnimmt. In Ostdeutschland lag die Quote nach der Wiedervereinigung noch bei 82 Prozent. Die Verunsicherung der Mitte basiert dabei nach Einschätzung der Forscher weniger auf realen Erfahrungen, sondern vielmehr auf einer diffusen Sorge, die Arbeitslosigkeit könnte sich bis in die Mitte der Gesellschaft ausbreiten.

    Gründe für Verunsicherung gab es auch schon vor Corona. Die Forscher Stefan Hradil, Judith Niehues und Theresa Eyerund zeigen auf, dass sich gerade Angehörige der unteren Mittelschicht tendenziell schwertun mit Grenzöffnungen jeder Art.

    Das gilt für die Globalisierung ebenso wie für die Zuwanderung oder die Ehe für alle. Sie sind anfällig für populistische Versuchungen und Extremismus jeglicher Couleur.

    Grafik

    Angehörige der oberen Mittelschicht sind dagegen eher unter den Demonstranten zu finden, die für Umwelt- und Klimaschutz auf die Straße gehen. Auch sie sehen die Globalisierung durchaus kritisch – wenn auch aus anderen Gründen als die geringer Qualifizierten.

    Deshalb müssten die Politik, aber auch die Wirtschaft auch die negativen Folgen von Trends wie Globalisierung, Liberalisierung oder Individualisierung in den Blick nehmen und etwa durch Qualifizierung und Weiterbildung dafür sorgen, dass Beschäftigte nicht abgehängt werden.

    Denn es seien diese Entwicklungen gewesen, die es ermöglicht haben, „Wirtschaftsunternehmen gewinnbringend zu führen, den Wohlstand der großen Bevölkerungsmehrheit zu heben, sozialen Ausgleich auch für die unteren Schichten zu finanzieren und Deutschland die längste Phase der Prosperität seit der Nachkriegszeit zu bescheren“, schreiben die Autoren. Abschottung könne keine Lösung sein.

    Genau die wird aber auch angesichts der Ausbreitung des Coronavirus, das sich seinen Weg um den ganzen Erdball gesucht hat, wieder diskutiert. Rodenstock empfiehlt deshalb, dass sich auch die Führungskräfte in den Unternehmen stärker in den öffentlichen Diskurs einbringen, um „das Vertrauen in unsere Gesellschaft und unsere Wirtschaftsordnung zu stärken“.

    Mehr: Gastkommentar John Pearson: Wir brauchen mehr, nicht weniger Globalisierung

    Startseite
    Mehr zu: Studie des Roman-Herzog-Instituts - Die deutsche Mittelschicht: stabil, aber verunsichert
    0 Kommentare zu "Studie des Roman-Herzog-Instituts: Die deutsche Mittelschicht: stabil, aber verunsichert"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%