Vermögensverwalter: Ohne Tech geht nichts: Auf diese Aktien setzen die erfolgreichsten Fondsmanager
Die Aktie des iPhone-Herstellers eilte zuletzt von Rekord zu Rekord.
Foto: ReutersFrankfurt. Was für eine Achterbahnfahrt an den Weltbörsen: Nach einem langen, scheinbar unaufhaltsamen Anstieg über Jahre hinweg der Absturz im Corona-Lockdown. Und danach eine kaum glaubhafte Erholung, die sich von den Grundlagen der realen Wirtschaft zu lösen scheint. Aktien haben in diesem Jahr krasse Kursausschläge nach unten gezeigt, sich aber letztlich zum Teil erstaunlich gut gehalten.
Internationale Indizes dokumentieren die Spannbreite: Der US-Index Nasdaq und der weltweite MSCI All Country Index für Wachstumswerte notieren im Vergleich zum Jahresbeginn deutlich im Plus. Der breite MSCI ACI, der europäische Stoxx 600 oder der deutsche Dax liegen dagegen noch klar im Minus. Das heißt auch: Investoren, die ihr Kapital gewichtig in Technologieaktien gesteckt haben, konnten die extremen Kursausschläge der vergangenen Monate wenig anhaben. Andere spüren dagegen Verluste im Depot.
Dies spiegeln auch Halbjahresbilanzen namhafter Aktienfonds am deutschen Markt wider. Die besten Fondsmanager schafften einen Wertzuwachs von bis zu 15 Prozent, die schwächsten liegen ähnlich deutlich im Minus. Für Anleger bedeutet das, dass sie nicht einfach großen Namen vertrauen können, sondern sich die Strategien der Fondsmanager anschauen sollten.
„Extreme Zeiten“, kommentiert Ali Masarwah, Analyst beim Fondsratinghaus Morningstar, die Halbjahreszahlen der globalen Aktienfonds. Nur wer auf die Tech-Branche setzte, steht gut da.
Sie ist ohnehin seit rund einer Dekade im Kommen. In der jüngsten Krise gewinnt sie noch mehr, weil sich in der Phase der Abschottung nach Ausbruch der Virus-Pandemie der Trend zur Digitalisierung beschleunigt hat. Dabei gehe es nicht nur um die typischen, bekannten Riesen aus den USA wie Apple und Alphabet, betont Marsawah. „Der Trend der Digitalisierung durchzieht nahezu die gesamte Wirtschaft, das gilt es abzubilden“, sagt er.
Barbara Claus, Analystin beim Ratinghaus Scope, bestätigt: „Große Aktienfonds haben sich ordentlich geschlagen, wenn sie auf Sektoren mit starkem Wachstum gesetzt haben – typischerweise Technologie und Gesundheit.“ Konjunktursensible Sektoren wie Rohstoffe und Energie, die zuletzt gelitten haben, meiden sie.
Außerdem profitieren erfolgreiche Aktien-Flaggschiffe davon, keinen Schwerpunkt im aktuell schwächeren europäischen Markt zu haben, wie die Analystin betont. Diese Vorliebe für den Heimatmarkt sei dagegen oft bei den aus verschiedenen Anlageklassen gemischten Fonds zu beobachten, die gern privaten Anlegern als Vermögensverwaltung verkauft werden.
An der Spitze der Erfolgsliste findet sich der gut elf Milliarden Euro schwere „MS INVF Global Opportunity“ der Fondssparte der US-Bank Morgan Stanley mit einer Wertsteigerung von 15,3 Prozent im ersten Halbjahr und auch der längerfristig höchsten Rendite. Der mehrfach mit Preisen ausgezeichnete Fondsmanager Kristian Heugh und sein Team stellen ein konzentriertes Portfolio von aktuell knapp 40 Papieren zusammen. Rund die Hälfte des Vermögens ist in IT und Kommunikationsdiensten investiert, ein Viertel in Anbietern von konjunkturabhängigen Konsumgütern.
Ähnlich geht Fondsmanager Jack Neele vom niederländischen Anbieter Robeco im „Robeco Global Consumer Trends“ vor. Seine „strukturellen Wachstumswerte“ profitieren von der Digitalisierung des Konsums, etwa im Video- und Musik-Streaming, sowie bei Online-Essenslieferungen, E-Commerce und kontaktlosen Zahlungen. „Diese Trends haben sich durch Covid-19 beschleunigt, und solche Unternehmen haben sich infolgedessen sehr gut entwickelt“, sagt er.
Aktien aus den Bereichen pflanzliche Lebensmittel, Gesundheit und Hygiene sieht Neele als gute Ergänzung. Auch der britische Vermögensverwalter Terry Smith von Fundsmith investiert in „langfristige Wachstumsstorys“ mit Schwerpunkt USA, aber auch Großbritannien, wie Masarwah sagt. Smith liegt in diesem Jahr noch minimal im Minus, schneidet aber über mehrere Jahre überdurchschnittlich ab.
Pragmatische Ansätze in Deutschland
Zu den Gewinnern der Digitalisierung gehören Mastercard, Paypal und Adyen im Zahlungsverkehr, aber auch Taxivermittler Uber und die Tal Education Group, ein Anbieter von Nachhilfeprogrammen für Schüler aus China. „Damit investieren die Fondsmanager breit, auch wenn sie thematisch auf Technologie setzen“, erklärt Masarwah. Das schaffe trotz des Fokus auf Tech eine Streuung der Verlustrisiken.
In diese Richtung geht auch David Older, Aktienchef des französischen Anbieters Carmignac im Flaggschiff „Investissement“: Older hat den gut drei Milliarden Euro schweren Fonds „fokussiert“, wie Morningstar-Mann Masarwah sagt. So setzt er vor allem auf Aktien der Sparten Technologie, Konsum und Gesundheitswesen. Im Gesundheitswesen mag er „disruptive Teilsektoren“ wie Roboter-Operationen, Biotechs und Medizintechnik. Dabei spielen US-Firmen die Hauptrolle. Immer stärker investiert Older in China, „wo sich der Konsum rapide digitalisiert und die Bevölkerung immer älter wird“.
In diesem Jahr überrascht der Fonds als einer der besten seiner Kategorie mit einer Rendite von 7,6 Prozent. In der Vergangenheit hat sich der Fonds durch teure Kurssicherung zum Teil die Rendite verdorben, weiß Masarwah. Er sagt: „Die Performance muss sich verstetigen. Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer.“
Flaggschiffe großer deutscher Anbieter setzen ebenfalls auf den Tech-Boom, legen nach Einschätzung von Scope-Analystin Claus aber etwas „pragmatischer“ an. Bei der Deutschen-Bank-Fondstochter DWS stehen ebenfalls die USA im Fokus mit rund 70 Prozent, sagt Lars Ziehn, Co-Manager des „DWS Vermögensbildung I“. Er investiert in die „vielen überproportional gut aufgestellten Firmen aus dem Technologie- und Gesundheitssektor“. Aktien aus den Sparten Energie und Versorger hat er untergewichtet.
Zahlungsdienstleister sind Teil des Trends zur Digitalisierung.
Foto: ReutersMarc Hellingrath, Fondsmanager des „UniGlobal“ vom genossenschaftlichen Anbieter Union Investment hat früh konjunktursensible Branchen wie Banken, Energie und Industrie reduziert, im Gegenzug Wachstumstitel gekauft und Liquidität gehalten. Nach dem Kursrutsch bis Mitte März hat Hellingrath nach eigener Aussage wieder das gesamte Kapital in Aktien investiert.
Scope hat das Rating für beide Fonds kürzlich auf die Bestnote „A“ angehoben. Claus gefällt die Ausrichtung der Fonds, die konsequente Analyse und die mit knapp 1,5 Prozent moderaten Gebühren. Beim DWS-Fonds sei die Performance aber noch etwas besser und das Management stabiler, meint sie. In diesem Jahr sind beide Fonds noch leicht im Minus.
Schlecht liefen dagegen andere Strategien. MFS-Meridian-Fondsmanager Ryan McAllister gewichtet Firmen der Sparten Gesundheit, Industrie und Verbrauchsgüter über, aber IT unter. Mit minus 9,3 Prozent schneidet er relativ schwach ab. Der Fokus auf Luxusgüterhersteller und das Untergewicht von US-Aktien sei in diesem Jahr schwierig gewesen, sagt Masarwah.
Noch schlechter steht ein anderer US-Vermögensverwalter da: Dodge & Cox aus San Francisco. Fondsmanager Charles Pohl setzt gern auf Firmen, deren Aktien offenbar verkannt werden. In diesem Jahr sorgen Energie, Rohstoffe und Finanzen aber für massive Verluste von über 17 Prozent. Auch längerfristig ist die Rendite gering.
Zeitenwende in der Geldanlage?
Ein Problemfall ist auch der einst berühmte Templeton Growth Fonds mit seinem Ansatz, zu niedrig bewertete Firmen zu kaufen. Der neue Fondsmanager Peter Moeschter, seit Anfang 2020 im Amt, erklärt die schwache Performance unter anderem mit dem relativ geringen Anteil an IT- und US-Aktien und hoher Liquidität. „Wir laufen teuer bewerteten Aktien nicht hinterher“, betont er.
Der Fonds macht mit seinem traditionellen Konzept aber seit Jahren Verluste. Für Masarwah ist dies ein Anlass, darüber nachzudenken, ob nicht eine Zeitenwende bei der Geldanlage, weg von einem solchen Substanzwerteansatz, angebracht wäre. „Disruptive Entwicklungen können auch alte Weisheiten außer Kraft setzen“, sagt der Analyst.
Wie geht es weiter an den Märkten? Strategen zumindest hoffen auf eine Erholung der Konjunktur, wenn sich die Coronakrise abschwächt. Andreas Wex, Leiter Kapitalmarktstrategie bei der Commerzbank sagt: „Das Virus muss unter Kontrolle bleiben, und die Frühindikatoren müssen weiter steigen. Die Gewinnentwicklungen könnten für eine positive Überraschung sorgen.“ Dass Aktien im Zinstief weiter Kurspotenzial haben, steht für viele außer Frage. Wex sagt: „Die Positionierung vieler Investoren ist immer noch recht defensiv, es liegt noch viel Geld an der Seitenlinie.“ Da es keine Zinsen mehr gebe, spreche alles für Aktien.
Eine Menge Investoren, die zuletzt den Einstieg verpasst haben, dürften jetzt auch auf konjunktursensible, zyklische Werte setzen. So justieren die Lenker großer Fonds ihre Strategien nach, behalten ihre grobe Richtung aber bei.
Older von Carmignac hat in Europa einige konjunktursensiblere Positionen verstärkt. Neele von Robeco kauft verstärkt Online-Essenslieferanten, bei denen es zuletzt viele Fusionen und Übernahmen gegeben hat. Auch Unternehmen mit Bezug zu Haustieren hält er für attraktiv und wenig krisenanfällig: An ihren Lieblingen sparen die Besitzer nicht. Ziehn von der DWS hat Sektoren mit „strukturell positiven Folgen der Krise“ verstärkt, wie Online-Einzelhandel und Halbleiter.
Ein breiter Fokus auf Digitalisierungssieger scheint somit ein Erfolgsgarant zu sein. Wer sich nicht die Mühe machen möchte, die verschiedenen Strategien der Fondsmanager zu prüfen und die höheren Gebühren aktiver Fonds nicht zahlen will, kann Index nachbildende ETFs kaufen. Dort sind gewichtige, stark wachsende Unternehmen ebenfalls vertreten, aber auch andere Segmente der Wirtschaft.
Mitarbeit: Andreas Neuhaus