Geldanlage: Welche Renditen sich jetzt mit Biotech-Aktien erzielen lassen
Test für ein mögliches Mittel gegen Covid-19 bei Sinovac: Die Börse spekuliert bereits auf mögliche Impfstoff-Gewinner der Coronakrise.
Foto: AFPFrankfurt. Darauf hoffen Milliarden Menschen: einen Impfstoff gegen Covid-19. Kein anderes medizinisches Thema beschäftigt Fachwelt und Öffentlichkeit in den vergangenen Wochen mehr als dieses. „Wir sind im Krieg gegen das Virus, und dafür brauchen wir Waffen“, sagt Rudi Van den Eynde, Fondsmanager für Biotech-Aktien beim Vermögensverwalter Candriam.
Labore rund um den Globus suchen das erlösende Mittel – auch deutsche Firmen. Der Wettlauf um den Sieg über Corona ist kein Sprint, eher ein Marathon. Es braucht Zeit, einen Impfstoff zur Vorbeugung und Medikamente für schon Betroffene zu entwickeln.
Der große Wettlauf wird jedoch an der Börse längst gehandelt. Es ist eine Zukunft mit einer Perspektive weit über die neue Lungenkrankheit hinaus. „Corona kam wie ein Schock, aber das Virus hat die Aufmerksamkeit wieder auf den Biotechsektor gelenkt“, erkennt Van den Eynde.
Der Mann aus Brüssel übersetzt das in eine Einsicht, die auch die Börsianer umtreibt: „Wir haben schlagartig erkannt, wie sehr wir ein gutes und innovatives Gesundheitssystem brauchen.“ Es geht dabei um mehr als den Kampf gegen eine einzelne Krankheit. Es geht um Gesundheit generell und damit um ein Fundament der Gesellschaft, in das künftig mehr Geld investiert werden dürfte als heute – unabhängig von der Konjunkturlage.
Das spiegelt sich an den Finanzmärkten wider. Während die globalen Aktien in den ersten vier Monaten des Jahres fast zehn Prozent verloren, haben die Titel von Biotech-Unternehmen an der Wall Street über sechs Prozent gewonnen.
Auswahl an Papieren ist überschaubar
Denn seit Wochen arbeiten viele junge Firmen fieberhaft an Mitteln gegen das Virus. Wer wird die Nase vorne haben? Ein Erfolg verspricht ein Milliardengeschäft. Vielen gelten die Biotech-Firmen dabei als Hoffnungsträger – was sich auch in den Kursen niederschlägt.
Die Trendwende ist augenfällig: Der Vorsprung der Biotechbranche an der Börse ist neu. In den vergangenen Jahren war die Gunst noch anders verteilt und die Aktien der Branchenvertreter keine großen Gewinnbringer. Doch Corona hat die Karten neu verteilt.
Die Auswahl an Papieren ist allerdings überschaubar. Interessierte Anleger haben es mit einem Nischenmarkt zu tun. In Deutschland können sie lediglich 20 Fonds mit einem verwalteten Volumen von acht Milliarden Euro kaufen.
Angebote mit mindestens mittleren Ratings erzielten allein in den ersten vier Monaten dieses Jahres Renditen zwischen knapp drei und zehn Prozent. Die Kosten der Produkte sind für Anleger hoch.
Im Schnitt fallen bei den aufgelisteten Fonds Jahresgebühren um die zwei Prozent an, die allerdings in den angegebenen Wertentwicklungen bereits enthalten sind. Deutlich weniger verlangt nur der einzige schon länger kaufbare Indexfonds des Vermögensverwalters Invesco. Dieser Fonds ist zusammengestellt wie der Biotech-Index an der US-Börse Nasdaq.
Labore beflügeln die Fantasie
Im Aktienmarkt für Gesundheitswerte im weiteren Sinne sind deutlich mehr Vermögensverwalter aktiv und betreuen hier auch mehr Kundengeld. Hier stehen dann vor allem Pharmakonzerne, Hersteller von medizinischen Geräten und entsprechende Dienstleister auf den Kauflisten.
Die aktuelle Börsen-Fantasie fokussiert sich jedoch eher auf die Labore der Biotech-Firmen. Deren Aktien haben zuletzt sogar deutlich besser abgeschnitten als die Werte aus dem ebenfalls populären Gesundheitsbereich.
Im Lichte der jüngsten Tendenzen scheint es so, als wäre die Leidenszeit der Biotech-Aktionäre vorbei. Als Stimmungsdämpfer hatte ein berühmter Tweet der US-Politikerin Hillary Clinton Anfang der zweiten Hälfte des abgelaufenen Jahrzehnts gewirkt.
„Da war von Halsabschneiderei bei Medikamentenpreisen die Rede, danach ging die Angst vor einer Preiskontrolle in den USA um, und das ist der wichtigste Markt“, erinnert sich Lydia Haueter, die für Pictet Asset Management den Fonds „Pictet Biotech“ steuert. Außerdem seien manche Produkte gefloppt, einige Investoren mit Einzelinvestments auf die Nase gefallen.
Der Sektor eignet sich deshalb nur für Anleger mit Mut zum Risiko. Das betonen auch unabhängige Beobachter. „Der Trend der Branche zeigt zwar nach oben, aber es gibt im Einzelfall immer das Risiko des Scheiterns“, warnt Karen Anderson, Analystin bei der Fondsratingagentur Morningstar in Chicago.
Gerade kleinere Firmen seien oft abhängig vom Erfolg eines einzelnen Medikaments in ihrer Pipeline. „Wenn ein Konkurrent auftaucht oder Sicherheitsfragen das Produkt infrage stellen, droht dem Unternehmen ein Desaster.“ Unabhängig davon könnten neue Medikamente an vielen Stellen scheitern: in den klinischen Tests, wenn die Gesundheitsbehörden die Zulassung verweigerten, wenn Ärzte oder Patienten lieber auf Alternativen auswichen.
Pictet-Managerin Haueter kennt die Fallstricke in der Branche. Die Expertin in Zürich stellt jedoch den allgemeinen Stimmungswechsel in den Vordergrund: „Die Biotechbranche ist jetzt nicht mehr der Sündenbock, sondern wird als Teil der Lösung wahrgenommen.“ Sie kann sich unter dem Corona-Druck eine Reform des wichtigen US-Gesundheitswesens vorstellen.
Zu wenige Menschen hätten Zugang, eine Behandlung ende für viele Privatleute wegen der hohen Kosten im Bankrott. Künftig könnten vielleicht Staat und Pharmasektor Teile dieser Kosten übernehmen. Zwar seien Preisrückgänge denkbar. Aber das könne die Branche durch höhere Umsätze wettmachen.
Viele Krankheiten im Fokus
Die angebotenen Fonds sind sehr unterschiedlich ausgerichtet. Der „Pictet Biotech“ etwa steckt ein Drittel seiner Gelder in Firmen mit Fokus auf Krebsbekämpfung. Managerin Haueter nennt als Beispiel Turning Point Therapeutics.
Ein zweites Drittel konzentriere sich auf Unternehmen im Bereich der seltenen Erkrankungen, beispielsweise Biomarin. Die restlichen Mittel seien in Firmen angelegt, die sich Erkrankungen des Nervensystems wie Demenz oder Alzheimer widmeten. Hier nennt Haueter Namen wie Biogen oder Denali.
Vor allem auf kleine Firmen setzt der Fonds „Medical Biohealth“ von Medical Strategy, eines auf Gesundheitsthemen ausgerichteten Beratungsunternehmens. Der Fonds deckt laut Analyst Mario Linimeier die Bereiche Krebsbekämpfung, seltene Krankheiten und Gentherapien ab.
Im großen „Candriam Equities Biotechnology“ sind die bekanntesten Namen unter den wichtigsten Fondspositionen zu finden. Dazu gehören Vertex Pharmaceuticals, Biogen, Gilead Sciences, Amgen und Regeneron Pharmaceuticals.
Die Top-Fünf-Bestände sind identisch mit denen im Konkurrenzprodukt „HBM Global Biotechnology“. Hier entscheiden die Experten des auf Gesundheitsanlagen ausgerichteten schweizerischen Beratungshauses HBM Partners über die Depot-Zusammenstellung. Ziel ist eine bessere Wertentwicklung als der entsprechende Branchenindex der US-Börse für Technologieaktien, der Nasdaq. Dieses Ziel haben die Strategen von HBM Partners zumindest in den vergangenen Jahren erreicht.
Gilead Sciences gehört zu jenen Unternehmen, die sich von einem bereits existierenden Medikament für eine andere Krankheit auch einen Beitrag zur Covid-19-Behandlung ausrechnen. „Weltweit sind über 300 Medikamente und Impfstoffe in der Entwicklung – und täglich werden es mehr“, sagt Linimeier. Im Rennen sind große Konzerne wie Johnson & Johnson, Sanofi oder Roche. Es gehören aber auch typische Biotechadressen dazu wie Moderna oder die deutschen Häuser Biontech und Curevac.
Moderna ein Börsen-Highflyer
Es sind solche Stories, die für Börsenfantasie sorgen. Der Kurs von Gilead Sciences ist momentan ein Fünftel höher als zu Jahresbeginn. Die Notierung von Biontech hat sich in den vergangenen Wochen fast verdoppelt. Als Überflieger präsentierte sich Moderna. Die US-Firma testet einen Impfstoff bereits an Patienten.
Deshalb ist die Aktie mehr als drei Mal so teuer wie noch im März. Eine echte unternehmerische Chance für Biontech und Moderna sieht auch Expertin Haueter. Aber die Kursanstiege haben Spuren hinterlassen: „Beide Aktien sind uns zu teuer, das ist eine Bewertungsfrage, deshalb haben wir sie nicht in unserem Fonds.“
So bleibt die Frage, welche langfristigen Renditen mit einem breit gestreuten Biotech-Aktiendepot denkbar sind. Candriam-Mann Van den Eynde wagt eine Antwort: „Wenn ich an die Alterung der Gesellschaften und die medizinischen Innovationen denke, dann könnten jährlich zehn Prozent Ertrag möglich sein.“ Einige der genannten Fonds haben solche Erträge längerfristig schon geschafft. Dahinter allerdings stehen zeitweise sehr unterschiedliche Ergebnisse in unterschiedlichen Zeitperioden.
Nach Meinung von Van den Eynde hat die Gesellschaft keine Alternative zu deutlich höheren Gesundheitsinvestitionen. Die neue Lungenkrankheit mache das notwendig. Dazu reiche die Erinnerung an einige Infektionskrankheiten in diesem Jahrtausend.
Ein Horrorbeispiel sei das Ebola-Virus, das sich allerdings nie zu einer Pandemie ausgeweitet habe. Die meisten damit Infizierten seien gestorben. Der Gesundheitssektor werde deshalb perspektivisch an Bedeutung gewinnen: „Beim jetzigen Coronavirus mit seiner leichten Übertragbarkeit, aber mit so hoher Sterblichkeit wie bei Ebola, wären wir zurück im Mittelalter – unsere einzige Waffe dagegen ist die Technologie.“