EU-Strategie: Forschungsministerin Karliczek will Europa zum „Kontinent des grünen Wasserstoffs“ machen
Deutschland soll in Sachen Wasserstoff die Funktion der grünen Lokomotive übernehmen.
Foto: imago images/Agentur 54 GradBerlin. Anja Karliczek galt noch bis zur kurzem als Problem-Personalie des Kabinetts Merkel IV. Sogar Bayerns Ministerpräsident Markus Söder forderte offen ihre Ablösung. Doch das hat sich in der Krise geändert. Die Corona-Pandemie verhalf der blassen Newcomerin zu Glanz und Dauerpräsenz in den Medien – von der Impfstoffforschung bis zum Digitalpakt.
Ihren neuesten Coup startet die Westfälin am Dienstag. Gemeinsam mit ihren Amtskollegen will sie Europa zum „Kontinent des grünen Wasserstoffs“ machen – das heißt: globale Wettbewerber abhängen und zugleich das Klima retten. Deutschland soll die Funktion der grünen Lokomotive übernehmen, machte Karliczek am Vorabend des ersten informellen Forschungsminister-Treffens unter deutscher Ratspräsidentschaft in Berlin klar: „Ich möchte die verschiedenen Ansätze zu einem Roadmap-Prozess zusammenführen“, sagte sie dem Handelsblatt. „Wir müssen beim Thema Wasserstoff in Europa gemeinsam ehrgeizig sein.“
Vor kurzem erst hatte die EU-Kommission eine Wasserstoffstrategie vorgestellt. Schön und gut, „es genügt aber nicht, wenn die Kommission einen Ansatz nur verkündet“, sagt Karliczek selbstbewusst Richtung Brüssel. „Wir müssen ihn mit hohem Tempo und mit Ehrgeiz umsetzen.“
Um Wasserstoff schnell zur Energie der Zukunft zu machen, will sie nun eine „Verzahnung der europäischen und nationalen Anstrengungen“ und dazu als erstes die nationale Förderpolitik eng abstimmen. Denn die große Masse der Forschungsmittel vergeben in der EU die Nationalstaaten, die Kommission hat dabei nur einen kleinen Anteil.
Damit hebt Karliczek die deutsche Wasserstoffinitiative auf die europäische Ebene – und sich gleich mit. Gerade erst hat Berlin sieben Milliarden Euro für den Markthochlauf von Wasserstofftechnologien in Deutschland und weitere zwei Milliarden für den Aufbau internationaler Partnerschaften freigemacht. Das will Karliczek nun offenbar orchestrieren.
Schlag auf Schlag
Sie macht erneut deutlich, dass sie ausschließlich grünen Wasserstoff fördert. Anders als Wirtschaftsminister Peter Altmaier, der auch „blauen Wasserstoff“ auf der Basis von Erdgas propagiert. Es geht also Schlag auf Schlag bei Karliczek.
Erst Montagmorgen hatte die 49-Jährige die Verdreifachung der Mittel für die Erforschung des Coronavirus verkündet, die ihr Haus in Rekordzeit vergibt. Umgehend lief die News über die Nachrichtenkanäle. Dabei handelt es sich, gemessen an der knappen Milliarde für die Impfstoffforschung, mit seinem Volumen von 45 Millionen Euro nur um ein kleines Programm.
Daneben bescherte ihr auch das Schuldesaster Bonuspunkte: Während die Länder seit Monaten mit schlechtem Homeschooling und chaotischen Öffnungskonzepten den Zorn der Eltern entfachen, organisierte die Bundesbildungsministerin eine Milliarde Euro zusätzlich für Leih-Laptops und IT-Schultechniker. Es ist ein wenig wie bei Söder: Auch Karliczek hat die Coronakrise bisher geschickt genutzt, um ein neues, professionell-aktives Bild von sich zu zeichnen.