Kommentar: Die Coronakrise ist für die Autobauer Dilemma, Herkulesaufgabe und Chance zugleich
Die Herausforderungen sind so groß, weil die Autobauer neben der Krise den Wandel hin zu E-Mobilität, automatisiertem Fahren, Digitalisierung und Vernetzung hinkriegen müssen. Dazu kommen die Überkapazitäten, vor allem in Europa.
Foto: dpaDüsseldorf. Das zweite Quartal zeigt schonungslos, wie hart die Coronakrise die drei deutschen Autobauer trifft. Alle stecken mehr oder minder tief in den roten Zahlen: Unterm Strich reicht das Minus von 230 Millionen Euro bei BMW über 1,6 Milliarden Euro beim Volkswagen-Konzern bis hin zu zwei Milliarden Euro bei Daimler.
Bei BMW brach der Auto-Absatz um 25 Prozent ein, bei VW um rund 28 und bei Daimler um 29 Prozent. BMW-Chef Oliver Zipse spricht vom schlimmsten Quartal, das die Münchener je erlebt hätten. Auch für den Volkswagen-Konzern war das erste Halbjahr „eines der herausforderndsten in unserer Unternehmensgeschichte“.
Die schwerste Krise seit 1945 ist für die Autobauer Dilemma und Herkulesaufgabe zugleich, aber auch eine Chance. Deutschlands Vorzeigebranche steckt so tief in der Misere, weil sie neben den Folgen der Pandemie obendrein den Wandel zur E-Mobilität, zu neuen Antrieben, zum automatisierten Fahren, zur Digitalisierung und Vernetzung hinbekommen muss.
Die Hersteller sind mitten im Strukturumbruch, der hohe Investitionen erfordert, gezwungen, jeden Cent umzudrehen. Lange Entwicklungszyklen und hohe Fixkosten machen sie zusätzlich angreifbar.
Dazu kommen die Überkapazitäten in Europa, die schon seit vielen Jahren ein Problem sind – aber nie konsequent genug angepackt wurden.
Die sogenannten Überschusskapazitäten in der EU könnten laut einer Analyse des CAR-Instituts in diesem Jahr auf fast sieben Millionen Fahrzeuge steigen.
Experten rechnen mittelfristig damit, dass eine Reihe von Produktionsstätten geschlossen wird. So hart das ist, so richtig ist es. Der Anpassungs- und Innovationsdruck ist enorm – und das Momentum muss jetzt genutzt werden, steigt mit der Not doch auch die Akzeptanz für schmerzhafte Einschnitte.
All das muss auf einmal, beherzt und zügig bewältigt werden. Es ist die berühmt-berüchtigte Herkulesaufgabe, denn die Aussichten sind düster: Zwar sehen die Auto-Chefs bereits Anzeichen einer Erholung, vor allem in China, und hoffen auf eine Wiederbelebung der Märkte in der zweiten Jahreshälfte.
Es wird aber noch einige Zeit dauern, bis das Vorkrisenniveau auch nur halbwegs wieder erreicht ist. Und es bleibt die große Unsicherheit der zweiten Infektionswelle.
Die Kunst besteht nun darin, an den richtigen Stellen und mit den richtigen Maßnahmen zu sparen und damit den Wandel zu finanzieren – und die Mannschaft bei der Stange zu halten.
Die drei Auto-Chefs können zeigen, was in ihnen steckt. Und das ist am Ende des Tages trotz aller Widrigkeiten auch eine Chance.