Autoindustrie: Hymer startet unter dem neuen Eigentümer eine rasante Aufholjagd
Die Coronakrise bescherte nicht nur Shutdowns, sondern auch neue Trends.
Foto: Erwin Hymer GroupStuttgart. Das Geschäft mit Reisemobilen boomt in der Pandemie mehr denn je. Urlaub auf vier Rädern und möglichst unabhängig von anderen Menschen und öffentlichen Toiletten bekommt zu Coronazeiten einen ganz neuen Reiz.
Bob Martin macht aus dem Wechselbad der Gefühle keinen Hehl: „2020 ist das verrückteste und interessanteste Jahr, das ich in der Branche erlebt habe“, sagt der Chef von Thor Industries. Das Unternehmen ist seit der Übernahme der oberschwäbischen Erwin Hymer Group 2019 mit einer Jahresproduktion von rund 250.000 Fahrzeugen unangefochtener Weltmarktführer in der Wohnmobil- und Caravan-Branche. „Bei uns war die Produktion sechs Wochen geschlossen. Seit die Händler im Mai wieder geöffnet haben, boomt die Nachfrage“, sagt Martin dem Handelsblatt.
Die Amerikaner, die unter anderem die Marken Airstream, Dutchmen und Jayco übernommen haben, veröffentlichen die Zahlen für ihr am 31. Juli zu Ende gegangenes Geschäftsjahr erst im Oktober. Nach neun Monaten steht ein Umsatz von 5,8 Milliarden Euro zu Buche bei einer Bruttorendite von gut 13 Prozent.
Lediglich im Quartal von Februar bis April, mitten in der Coronakrise, lagen die Umsätze fast eine Milliarde Euro unter Vorjahr. Aber das Geschäft zieht seit Mai wieder kräftig an. „30 bis 50 Prozent sind dabei absolute Neukunden, die sich vorher noch nie für Wohnmobile und -wagen interessiert haben. Wir haben teilweise Probleme, mit den Lieferungen nachzukommen, und arbeiten inzwischen auch samstags“, berichtet Martin.
Und die Dynamik nimmt zu: „Jede Woche ab Juni war stärker als im Vorjahr. Wir haben kein Geld verloren und holen schnell auf. Da geht es uns besser als vielen anderen Branchen in den USA und weltweit“, sagt Martin. Die Aktie spiegelt das wider. Seit dem Coronatief im März hat sich der Kurs wieder mehr als verdoppelt auf über 90 Euro.
Thor Industries wurde im August 1980 gegründet, als Wade F. B. Thompson und Peter Busch Orthwein die Kultmarke Airstream übernahmen. Der Name Thor kombinierte die ersten beiden Buchstaben der Namen beider Unternehmer. 1984 ging das Unternehmen an die Börse und ist seit 1986 an der New Yorker Börse gelistet. Es wuchs immer wieder durch Zukäufe.
Bilanzskandal überschattete Übernahme
Ganz reibungslos verlief die spektakuläre Übernahme der Hymer-Gruppe im vergangenen Jahr mit damals rund 2,5 Milliarden Euro Umsatz nicht. Zunächst war es im September 2018 eine freundliche Übernahme durch den US-Konkurrenten Thor. Doch dann gab es Bilanzfälschungen bei Hymers Nordamerikatochter Roadtrek, die erst drei Jahre zuvor zugekauft worden war. Die Hymer-Übernahme stand kurzzeitig auf der Kippe.
Thor prüfte die Bücher in Europa nochmals genauer – mit herben finanziellen Konsequenzen: Familie Hymer bekam 170 Millionen Euro weniger und blieb auf 180 Millionen Euro Schulden sitzen. Der Kaufpreis fiel deutlich unter die ursprünglichen 2,1 Milliarden Euro. Roadtrek ging insolvent, alle 850 Mitarbeiter verloren den Job.
Eineinhalb Jahre danach sind alle wieder glücklich. „Wir sind sehr zufrieden mit der Akquisition der Erwin Hymer Group. Wir haben uns den europäischen Markt erschlossen und unsere Weltmarkführung ausgebaut“, sagt Thor-Chef Martin.
Die Amerikaner haben einen Marktanteil im Rest der Welt von knapp 50 Prozent. Mit der Hymer-Gruppe und ihren Marken wie Hymer, Dethleffs, Bürstner und Eriba bekamen die Amerikaner ein Viertel des europäischen Marktes auf einen Schlag hinzu.
Seit vergangenem Jahr gehört die Hymer-Gruppe zum US-Unternehmen Thor Industries.
Foto: Calvin Mueller / Erwin Hymer Group SEDie Coronakrise bescherte nicht nur Shutdowns, sondern auch neue Trends: Wohnmobile werden zum Homeoffice auf Rädern. „In den USA arbeiten immer mehr Leute aus dem Wohnmobil. Unsere Fahrzeuge verfügen über modernstes WLAN“, sagt Martin.
In Zeiten von Homeschooling könne die ganze Familie bequem von unterwegs arbeiten und lernen. Der Trend zeigt sich vor allem bei der Nobelmarke Airstream. Die abgerundeten Alu-Wohnwagen haben in den USA Kultstatus und sind auch bei Computernerds aus dem Silicon Valley sehr beliebt. „Wir bewerben das nicht aktiv, stehen aber in Kontakt mit Bloggern, die das Homeoffice auf Rädern zum Thema machen“, erklärt der US-Manager.
Zudem gibt es bei den kleineren Camper-Vans einen starken Trend bei jüngeren Kunden, die den preisgünstigen Einstieg suchen, und eher überraschend bei älteren Leuten, die von den großen Wohnmobilen zu den kleineren, wendigeren Fahrzeugen wechseln.
Aber natürlich hat die Branche auch mit negativen Corona-Folgen zu kämpfen. „Wir haben einige Einbußen durch das schwächere Vermietungsgeschäft, vor allem an kühleren Urlaubszielen wie Island oder Skandinavien, wo die Kunden hinfliegen und sich vor Ort ein Fahrzeug leihen“, betont Martin Brandt, Chef der Hymer-Gruppe
Der 60-jährige Manager ist nun nicht mehr Unternehmenschef, sondern nur noch Europachef des US-Konzerns. Auch bei der Hymer-Gruppe stand die Produktion je nach Standort vier bis sechs Wochen still. „Im Sommer haben wir die Werksferien der 6500 Beschäftigten von sechs auf zwei Wochen verkürzt, um das durch Corona verlorene Geschäft wieder aufzuholen. Der Markt kam sofort zurück, vor allem in Deutschland gab es einen Boom“, sagt Brandt.
Fernbleiben vom Branchentreff
Der Nachholeffekt erscheint gewaltig. Die Neuzulassungen von Wohnwagen legten in Deutschland laut Branchenverband CIVD im Juni um 20 Prozent zu, die Neuzulassungen von Reisemobilen schossen gar um mehr als 65 Prozent in die Höhe. Trotz Corona-Pandemie bleibt in Deutschland im ersten Halbjahr insgesamt ein Rekordwert von fast 55.000 Fahrzeugen – vier Prozent mehr als im Vorjahr.
Aber Brandt dämpft die Euphorie: „Die Hymer-Gruppe konnte die Ausfälle durch die Schließungen im Ende Juli abgeschlossenen Geschäftsjahr nicht mehr aufholen, sodass mit einem Umsatzrückgang zu rechnen ist.“ Als Grund nannte er Auftragsverschiebungen in die zweite Jahreshälfte. Die Auslastung reiche jetzt über das Kalenderjahr hinaus, was für die Branche ungewöhnlich sei. Mit der Senkung der Mehrwertsteuer gibt es in der zweiten Jahreshälfte einen zusätzlichen Anreiz, ein Freizeitfahrzeug zu erwerben.
Dabei fährt die Branche seit Jahren von Rekord zu Rekord, wobei der größte Schwung von den Reisemobilen kommt. Seit 2014 ist der Absatz der motorisierten Eigenheime in Deutschland verdoppelt worden. 2019 gab es eine gewisse Beruhigung des Booms.
Gradmesser für mobiles Reisen war in den vergangenen Jahren immer die Leitmesse Caravan Salon in Düsseldorf. Vom 4. bis 13. September soll sie tatsächlich als erstes große Event nach dem Lockdown und der Verschiebung vieler Großveranstaltungen stattfinden. Die Besucherzahl der Messe ist auf 20.000 am Tag begrenzt. Tickets kann man ausschließlich online kaufen. Eine Reihe von Ausstellern hat abgesagt, ihre Zahl sank von 645 im Rekordjahr 2019 auf nun knapp 350.
Auch die Hymer-Gruppe spart und bleibt der Messe in diesem Jahr fern. Brandt räumt ein, dass dadurch Geschäft verloren gehe. Aber man habe eben früh entschieden, auf Nummer sicher zu gehen. Eine Rückkehr im kommenden Jahr schließt Brandt aber nicht aus.