Dax aktuell: Dax schließt mit größtem Tagesverlust seit fünf Wochen
Die Frankfurter Benchmark hat in diesem Jahr bereits mehrfach eine neue Bestmarke erreicht.
Foto: dpaDüsseldorf. Die Kursverluste am deutschen Aktienmarkt gingen auch am heutigen Handelstag weiter. Abends schließt der Dax 4,2 Prozent bei 11.560 Punkten. Erstmalig seit Mitte Mai ist der Index damit wieder unter die Marke von 12.000 Punkten gerutscht. Das Tagestief liegt bei 11.457 Zählern, mehr als 600 Punkte unterhalb der gestrigen Schlussnotierung.
Bereits die ersten beiden Handelstage der Woche waren an der Frankfurter Börse ein Desaster. Am Montag verlor der Leitindex 3,7 Prozent, am gestrigen Dienstag waren es weitere 0,9 Prozent mit einem Schlussstand von 12.063 Zählern.
Laut technischer Analyse ist ein Ende der Kursverluste noch nicht in Sicht. Das neue Ziel liegt bei 11.000 Zählern, erst Notierungen oberhalb von 12.200 Punkten würden die Lage verändern.
Bei Kursen unterhalb von 11.000 Punkten, genauer bei 10.768 Zählern, würde der deutsche Leitindex wieder in den Bärenmarkt übergehen. Derzeit ist es noch eine Korrektur. Das Minus beträgt vom Corona-Hoch, das bei 13.460 Zählern liegt, bei rund 14 Prozent. Laut Markttechnik gelten Verluste von mehr als zehn Prozent als Korrektur, ein Einbruch um mehr als 20 Prozent als Bärenmarkt.
Neben den Diskussionen über einen „Lockdown light“, der aber Rücksicht auf die Wirtschaft nehmen dürfte, belastet vor allem die US-Wahl am 3. November die Aktienmärkte.
Der Ausgang der US-Wahl ist vielen Investoren egal, die Börsen können sowohl mit Joe Biden als auch mit Donald Trump als Wahlsieger leben. Angst herrscht eher vor einer langen Auseinandersetzung über den Wahlausgang. Die Behörden in den USA bereiten sich bereits auf den schlimmsten Fall vor: gewalttätige Unruhen am und nach dem Wahltag.
Für das Szenario eines ungewissen Wahlausgangs gibt es bereits eine Blaupause an den Aktienmärkten. Das war die Wahl im Jahr 2000. Damals dauerte es nach der Stimmabgabe am 7. November rund fünf Wochen, bis der Sieger feststand.
Der Republikaner George W. Bush setzte sich nach einem juristischen Tauziehen und einer erneuten Stimmauszählung im Bundesstaat Florida gegen den US-Demokraten Al Gore durch. Das alles verlief aber friedlich.
Auf solch eine Ungewissheit reagierten die Aktienmärkte im Jahr 2000 nach dem üblichen Muster: Nach der Wahl ohne Endergebnis bis zum Ende des juristischen Auseinandersetzung fielen der deutsche Leitindex Dax und das US-Auswahlbarometer rund zwölf Prozent. Wohlgemerkt, bei einem friedlichen Streit.
Exakt 20 Jahre später wollen Anleger solch hohe Kursverluste vermeiden und verkaufen bereits im Vorfeld der Wahl. Das war im Jahr 2000 noch anders. Anleger freuten sich auf die US-Wahl und sorgten in den beiden Wochen vor der Abstimmung für ein Plus von rund sieben Prozent beim Dax und S&P 500.
Der Wirtschaftshistoriker Barry Eichengreen hat für solch ein Verhalten einen Satz geprägt: „Die Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich.“
Zu den größten Verlierern am heutigen Handelstag gehörten der Autosektor angesichts der Angst vor neuen Einschränkungen. Der europäische Branchenindex fiel um fünf Prozent auf den tiefsten Stand seit knapp fünf Wochen. Zu den stärksten Verlierern zählten französische Hersteller und Zulieferer: Valeo, Renault und Faurecia fielen um bis zu sieben Prozent. Im Dax gaben Daimler, BMW und VW bis zu sechs Prozent ab.
Blick auf die Einzelwerte
Deutsche Bank: Dank des boomenden Kapitalmarktgeschäfts übertrifft Deutschlands größtes Geldhaus im dritten Quartal die Erwartungen – und denkt jetzt offenbar sogar wieder über Zukäufe nach. Die Aktie erlebte eine Achterbahnfahrt. Nach deutlichen Verlusten zum Handelsauftakt und zwischenzeitlichen Gewinnen von plus zwei Prozent schloss das Papier 1,9 Prozent im Minus.
BASF: Der Chemiekonzern BASF bekräftigt trotz steigender Infektionszahlen und Sorgen wegen eines weiteren Lockdowns seine Jahresziele. Allerdings unter der Prämisse, dass es nicht zu erneuten starken Einschränkungen der wirtschaftlichen Aktivität zur Eindämmung der Pandemie, zum Beispiel durch Shutdowns, kommt. Das führte zu einem Minus von 6,7 Prozent bei dem Papier.
Puma: Die Aktie büßte 3,7 Prozent an Wert ein. Zwar kehrte der Sportartikelhersteller im dritten Quartal auf den Wachstumspfad zurück, doch Vorstandschef Björn Gulden blieb angesichts der steigenden Infektionszahlen vorsichtig. Einen Ausblick auf das Gesamtjahr lieferte Puma weiterhin nicht.
Beiersdorf: Größter Dax-Verlierer war zwischenzeitlich die Aktie des Konsumgüterkonzerns, wurde später aber von Infineon abgelöst. Das Beiersdorf-Papier schloss aber immer noch 6,49 Prozent im Minus. Beiersdorf konnte den Umsatz zwischen Juli und September stabilisieren und das desolate zweite Quartal ein Stück weit kompensieren. Doch der Konzern stellte sein mittelfristiges Gewinnziel infrage, was wohl der Grund für den Ausverkauf war.
Cancom: Eine weniger optimistische Gewinnprognose als erhofft hat bei Anlegern von Cancom am Mittwoch für lange Gesichter gesorgt. Die Aktien des Münchner IT-Beratungshauses schlossen mehr als 13,1 Prozent im Minus. Damit notierten sie so tief wie seit mehr als sieben Monaten nicht mehr. Statt eines erwarteten moderaten Ergebniswachstums geht das Unternehmen nun von einem Rückgang aus.
Dieser Kursrutsch dürfte vor allem Shortseller gefreut haben, die angefangen haben, auf Kursrückgänge von Gewinner-Aktien der Coronakrise wie Cancom zu setzten. Die sogenannte Leerverkaufsquote bei Cancom beträgt laut der Website Shortsell.eu 8,92 Prozent aller frei handelbarer Aktien. Das ist im Vergleich zu den anderen Papieren ein hoher Wert.
Blick auf andere Assetklassen
Es vergeht kaum ein Handelstag, an dem Euro und Dollar nicht ein neues Rekordhoch gegenüber der türkischen Lira erreichen. Das ist auch am heutigen Mittwoch der Fall.
Gegenüber dem Dollar liegt der neue Rekordwert bei 8,2706 Lira, gegenüber dem Euro bei 9,7105 Lira. Zur Erinnerung: Erst am Montag dieser Woche wurde erstmals die Marke von acht Lira gegenüber dem Dollar überwunden. Gegenüber dem Euro hat die türkische Währung seit Jahresanfang mehr als 44 Prozent nachgegeben.
- Aktionäre weltweit bauen ihre Dax-Anteile seit Jahren aus. Deutsche Anleger investieren aber immer weniger in die erste Börsenliga. Warum das so ist und über Chancen und Risiken haben wir in unserem täglich erscheinenden Podcast „Handelsblatt Today“ mit Aktienanalyst Ulf Sommer gesprochen.
Angesichts solch eines dramatischen Einbruchs sind exakte Kursprognosen, wie tief die Lira noch fallen könnte, nicht seriös. Aber neue Rekordmarken von zehn Lira gegenüber dem Euro und neun gegenüber dem Dollar dürften bald erreicht werden. Die türkische Zentralbank hatte zuvor ihre Inflationserwartungen für 2020 um mehr als drei Prozentpunkte auf 12,1 Prozent angehoben.
Vor allem zwei Fragen drängen sich auf: Was kann die Regierung gegen den Verfall tun? Und ab welch einem Wechselkursniveau kommt es zu erheblichen Zahlungsausfällen?
Die erste Frage ist schnell beantwortet: Für den Commerzbank-Devisenanalysten Tatha Gose, der bereits seit mehreren Jahren die türkische Finanzpolitik kritisch beurteilt, wäre das eine große Not-Zinserhöhung – ähnlich wie während der vergangenen Währungskrise im Jahr 2018. Solch eine große Not-Zinserhöhung wäre keine langfristig glaubwürdige Politikreaktion. „Dennoch, eine Not-Zinserhöhung ähnlich wie damals könnte der wahrscheinlichste Versuch sein, die Abwertungsdynamik zu brechen“, meint Ghose.
Die Frage nach den Zahlungsausfällen ist schwierig zu beantworten. Nach Ansicht von Ghose gibt es keine „klare Grenze“, sondern eher „Verteilung“ der Fremdwährungsverbindlichkeiten. Möglicherweise könne bereits ein gewisser Prozentsatz nicht mehr bedient werden.
Reagiert die Politik darauf? Oder hofft die Türkei auf ein Nachlassen der Corona-Pandemie und auf eine politische Entspannung zwischen der EU und der Türkei, die den Wechselkurs stärken könnte?
In der Zwischenzeit könnte die Politik Liquiditätslinien bereitstellen, mit denen diejenigen, die diese Wechselkursniveaus in Notlagen bringen, nicht Zahlungsunfähigkeit anmelden müssen.
Der Ölpreis gibt deutlich nach. Die Nordseesorte Brent verbilligte sich um 5,4 Prozent auf rund 38,97 je Barrel (159 Liter). Der Preis für US-Leichtöl WTI fiel zeitweise um mehr als 5,6 Prozent auf 37,94 Dollar. Der drohende Nachfragerückgang infolge der Pandemie bei gleichzeitig wachsendem Angebot laste auf den Kursen, sagten Börsianer. In dieses Bild passten auch überraschend stark gestiegene US-Lagerbestände.
Was die Charttechnik sagt
Nach dem Kursrutsch am gestrigen Dienstag unter den Bereich von 12.200 Zählern, in dem sich viele wichtige Widerstände befinden, hat der Dax ein neues Kursziel aktiviert. Nach Meinung der HSBC-Analysten ergibt das ein rechnerisches Abschlagspotenzial von gut 1.200 Punkten, das wäre ein Kursziel von rund 11.000 Punkten.
Auf dem Weg in diese Region markiert das Juni-Tief mit 11.598 Punkten ein wichtiges Etappenziel. Eine Besserung der Lage würde sich erst ergeben, wenn der Dax wieder den Bereich um 12.200 Zähler überwinden würde.
Darüber liegt dann eine neue Abwärtskurslücke, die am Montag dieser Woche aufgerissen wurde. Solche Abwärtskurslücken entstehen, wenn der tiefste Punkt eines Handelstags über der höchsten Notierung des Folgetags liegt.
Im konkreten Fall lag die tiefste Notierung am vergangenen Freitag bei 12.515 Zählern, der höchste Kurs am gestrigen Montag bei 12.405 Punkten. Laut Chartanalyse gilt dies als wichtiger Widerstand. Im konkreten Fall wäre dieser überwunden, wenn der Dax über 12.515 Zähler klettern würde.
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