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DevisenDie Türkei steht nach dem Lira-Verfall vor schmerzhaften Schritten

Die türkische Lira steht massiv unter Druck. Es gibt zwei Lösungsansätze – doch die widersprechen völlig der ökonomischen Logik von Präsident Erdogan.Jürgen Röder und Jan Mallien 02.11.2020 - 18:27 Uhr Artikel anhören

Wertet die Lira gegenüber Währungen wie Euro und Dollar ab, steigt die Last ihrer Schulden.

Foto: Bloomberg

Düsseldorf, Frankfurt. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hat eine eigenwillige Erklärung für die aktuelle Schwäche der Landeswährung Lira. Die Türkei befinde sich in einem „Wirtschaftskrieg“ gegen ein „Teufelsdreieck“ aus Zinssätzen, Wechselkursen und Inflation, sagte er am Wochenende. Erdogan hat sich wiederholt für niedrige Zinsen ausgesprochen, weil er entgegen der gängigen ökonomischen Lehre die Position vertritt, dass dies zu einer niedrigeren Inflation führt.

Die Märkte überzeugt diese Strategie bisher nicht: Der Wechselkurs der Lira fällt ungebremst weiter. Im Oktober hat die türkische Währung den höchsten monatlichen Verlust seit zwei Jahren erlitten. Allein gegenüber dem Euro wertete sie in diesem Zeitraum um sieben Prozent ab.

Auf Jahressicht belaufen sich die Verluste auf rund 46 Prozent gegenüber dem Euro – und etwa 40 Prozent im Vergleich zum Dollar. Die Lira steckt damit in einer gefährlichen Abwärtsspirale: Denn je höher die Verluste, desto größer die Panik – was zu weiteren Verlusten führt.

Analyst Tatha Ghose von der Commerzbank hält es für möglich, dass die Lira in den kommenden Wochen oder Monaten die Marke von neun Lira pro Dollar überschreitet – aktuell liegt der Kurs zur US-Währung bei etwa 8,40 Lira und zum Euro bei 9,75 Lira. Aus seiner Sicht gibt es keinen einfachen Ausweg, um den Negativtrend zu stoppen. Alle Optionen sind schmerzhaft.

Was noch entscheidender ist: Alle Optionen widersprechen völlig der ökonomischen Sichtweise von Erdogan. Er selbst hat sich wiederholt als „Zinsfeind“ bezeichnet und auch ein Rettungsprogramm des Internationalen Währungsfonds (IWF) wiederholt ausgeschlossen. Zudem stellt sich die Frage: Kann Erdogan solch ein IWF-Programm überhaupt politisch überleben?

„Eine Not-Zinserhöhung könnte der wahrscheinlichste Versuch sein, die Abwertungsdynamik zu brechen“, sagt Ghose. Er ist jedoch skeptisch, ob das ausreicht. „Eine grundlegendere Lösung wäre nur zu erwarten, wenn die Politik sich dem Problem wahrhaftig stellen würde.“ Sein Kollege Sören Hettler von der DZ-Bank hält neben einer Zinserhöhung auch ein Ende der diplomatischen Auseinandersetzungen mit der EU und den USA für wichtig.

Mit der EU streitet die Türkei derzeit um Gebiete im östlichen Mittelmeer, die die EU-Mitglieder Griechenland und Zypern beanspruchen. Das Land hat jüngst erneut ein Gaserkundungsschiff in das Gebiet geschickt, wodurch sich die Fronten noch mehr verhärtet haben. Auch das Verhältnis zu den USA ist angespannt.

Zudem unterstützt die Türkei derzeit Aserbaidschan im Konflikt mit Armenien. Damit nehmen auch die Auseinandersetzungen mit Russland zu, das sich als Schutzmacht Armeniens versteht. Die angespannten Beziehungen zu so vielen Ländern sorgen für Unsicherheit, die auf der Lira lastet.

Noch wichtiger aber sind wirtschaftliche Gründe. Eigentlich wäre eine Zinserhöhung das klassische Mittel, um die Abwertung der Lira zu stoppen. Denn wenn in der Türkei die Zinsen steigen, wird es für internationale Investoren attraktiver, dort in Zinspapiere zu investieren.

Aktuell liegt der Leitzins bei 10,25 Prozent. Auf den ersten Blick scheint dies hoch. Doch der Wert liegt unterhalb der Inflationsrate, die die Commerzbank für das Gesamtjahr 2020 auf zwölf Prozent prognostiziert. Angesichts des Lira-Verfalls rechnet das Institut für nächstes Jahr außerdem mit einer noch höheren Inflation. Durch den niedrigen Lira-Kurs werden Importe in der Türkei teurer.

Die türkische Notenbank geht in ihrer jüngsten Prognose ebenfalls davon aus, dass die Inflation bis Ende des Jahres auf 12,1 Prozent steigt. Auf mittlere Sicht erwartet sie jedoch wieder einen geringeren Wert.

Höhere Zinsen sind politisch schwer durchzusetzen

Wer momentan in der Türkei spart, muss also letztlich draufzahlen, weil die Zinsen nicht den Kaukraftverlust durch die Inflation kompensieren. Das klassische Rezept gegen eine hohe Inflation wären höhere Zinsen. Die meisten Ökonomen gehen davon aus, dass höhere Zinsen zu einer höheren Sparquote führen. Wenn mehr gespart und weniger ausgegeben wird, drückt dies das Wachstum und die Inflation.

Höhere Zinsen sind politisch jedoch sehr schwer durchzusetzen. Bereits 2018 war die Lira in eine gefährliche Abwärtsspirale geraten, die die türkische Notenbank nur mit drastischen Zinserhöhungen bis auf 24 Prozent stoppen konnte. Der Preis dafür war jedoch hoch, denn höhere Zinsen drücken Konsum und Investitionen durch höhere Finanzierungskosten. Die Wirtschaft stürzte damals in eine tiefe Rezession.

Doch dieses Szenario dürfte sich nicht so einfach wiederholen. Denn dieser Schritt kostete im Sommer 2019 den damaligen Zentralbankchef Murat Cetinkaya den Job. „Auch das spricht dafür, dass die Schmerzgrenze der aktuellen Währungshüter, eine Geldpolitik gegen den Willen der Regierung zu betreiben, eher noch höher sein dürfte als in der Vergangenheit“, lautet die Sicht der Commerzbank.

Als der neue Zentralbank-Chef die Zinsen drastisch senkte, drängte die Regierung die Banken zu einer höheren Kreditvergabe – die daraufhin in die Höhe schoss. Das half zunächst der Wirtschaft. Der Kreditboom verwässerte aber den Wert des Geldes, und die Ökonomie geriert stärker aus dem Gleichgewicht. Vor allem Importe aus dem Ausland haben seither stark zugenommen.

Gleichzeitig hat die Corona-Pandemie den Exportsektor und den Tourismus hart getroffen, wodurch die Leistungsbilanz, also der Saldo im Handel von Waren mit dem Ausland, ins Minus rutschte. Der Internationale Währungsfonds (IWF) sagt für die Türkei in diesem Jahr ein Defizit von 3,7 Prozent der Wirtschaftsleistung voraus. Um es zu decken, ist das Land auf Kapitalzuflüsse aus dem Ausland angewiesen – das setzt die Lira unter Druck.

Zudem haben sich viele Unternehmen und zum Teil auch der Staat in ausländischer Währung verschuldet. Sie sind im Falle einer stärkeren Abwertung der Lira besonders anfällig: Wertet die Lira gegenüber Währungen wie Euro und Dollar ab, steigt die Last ihrer Schulden.

Die Abwärtsspirale lässt sich aus Sicht vieler Experten nur mit einer Zinserhöhung stoppen. Im September hat die türkische Notenbank bereits einen Schritt in diese Richtung unternommen, indem sie den Leitzins überraschend von 8,25 auf 10,25 Prozent anhob. DZ-Analyst Hettler hält dieses Niveau allerdings noch längst nicht für ausreichend. Er geht davon aus, dass ein Leitzins von 15 Prozent nötig wäre, um die Lira zu stabilisieren.

Die Wirkung von Zinserhöhungen könnte auch deshalb geringer sein, weil Investoren nach 2018 gesehen haben, dass hohe Zinsen politisch nur schwer über längere Zeit durchzuhalten sind. Die Reputation der türkischen Notenbank hat durch den politischen Einfluss Erdogans stark gelitten. Viele Marktakteure zweifeln an ihrer Unabhängigkeit.

Eine Strategie der Zinserhöhungen stehe eindeutig im Widerspruch zu den Überzeugungen von Präsident Erdogan, urteilt Commerzbank-Experte Tatha Ghose. „Der Devisenmarkt wartet nun darauf, dass der Präsident seinen Protest äußert und die Notenbank dazu genötigt ist, ihre Politik wieder zurückzudrehen.“ Auf dieser Basis könne sich die Lira unmöglich stabilisieren.

Erst ein Politikwechsel, beispielsweise durch ein IWF-Hilfsprogramm, könnte aus seiner Sicht „die Glaubwürdigkeit der Geldpolitik irgendwann wiederherstellen“. Der türkische Präsident Erdogan hat dies aber mehrfach ausgeschlossen. Finanzhilfen des IWF sind in der Regel mit harten Auflagen verbunden, die politisch sehr unangenehm sind.

Ob die Türkei um schmerzhafte Mittel wie stärkere Zinserhöhungen oder ein IWF-Programm umhinkommt, dürfte auch davon abhängen, wie lange die Corona-Pandemie die Wirtschaft noch belastet. Fallen zum Beispiel im wichtigen Tourismussektor noch länger die Erträge weg, wird es umso schwerer, die Leistungsbilanz auszugleichen und die Lira zu stabilisieren.

Wie stark die Zinsen in der Türkei steigen müssen, um den Lira-Verfall zu stoppen, ist unter Ökonomen umstritten. Die Abwertung der Lira hilft schon jetzt dabei, Importe und Exporte wieder stärker ins Gleichgewicht zu bringen. Exporte aus der Türkei werden dadurch auf dem Weltmarkt günstiger und damit attraktiver – dagegen verteuern sich Importe.

Der Chefvolkswirt des Institute of International Finance (IIF), Robin Brooks, verweist darauf, dass die starke Zunahme der Kreditvergabe in der Türkei der Haupttreiber für das Leistungsbilanzdefizit und den Verfall der Lira ist. Im dritten Quartal sank die Kreditvergabe aber im Vergleich zum Vorquartal deutlich. Die Folge dürfte aus Sicht von Brooks eine schwere Rezession sein, aber eine Stabilisierung der Lira.

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Noch ist davon allerdings am Devisenmarkt nichts zu spüren. Aktuell zeigt der Trend für die Lira weiter klar nach unten. Ändert sich das nicht bald, dürften sehr schmerzhafte Maßnahmen wie weitere deutliche Zinserhöhungen oder sogar ein IWF-Hilfsprogramm nur schwer zu vermeiden sein.

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