Interview: Ex-Wirecard-Chef James Freis: „Nach einer Stunde war mir klar, dass es Betrug ist“
Über Nacht kam der Amerikaner ins Amt des Wirecard-CEOs.
Foto: Thorsten JansenDüsseldorf, Frankfurt. Das Abenteuer Deutschland hat James Freis vorerst beendet. Der letzte Vorstandsvorsitzende der insolventen Wirecard AG sitzt heute in Washington. Per Videokonferenz spricht er das erste Mal über den turbulenten Sommer 2020, als er in den Wirecard-Vorstand einzog und kurzfristig sogar CEO wurde. Wirecard brach nach Bekanntwerden von milliardengroßen Bilanzlöchern in dieser Zeit zusammen.
Seinem Vorgänger Markus Braun wirft Freis große Versäumnisse vor. „Es scheint mir schwer vorstellbar, dass ein langjähriger CEO von einem Betrug in diesem Ausmaß nichts mitbekommen haben könnte“, sagte Fries im Gespräch mit dem Handelsblatt. „Ich fragte mich, warum ich der erste war, der das gesehen hat“, sagte Freis.
Auch andere Führungskräfte und die Wirtschaftsprüfer hätten versagt. „Wirtschaftsprüfer, Rechtsberater, aber auch interne Mitarbeiter hätten den Betrug erkennen und Alarm schlagen sollen. Wenn sie die Umstände in Frage gestellt hätten, oder nicht mit Scheuklappen gearbeitet hätten, wäre der Skandal weit früher ans Licht gekommen“, sagte Freis.
Der Amerikaner kam von der Gruppe Deutsche Börse und übernahm am 18. Juni 2020 das Recht- und Compliance-Ressort im Vorstand von Wirecard. Am selben Tag wurde publik, dass die Beratungsfirma EY die Bilanz 2019 von Wirecard nicht testieren würde – nachdem sie zuvor jahrelang Testate gegeben hatte. Einen Tag später wurde der langjährige Wirecard-Chef Markus Braun zum Rücktritt gedrängt und Freis übernahm dessen Job.