Kommentar: Der Glasfaser-Ausbau in Deutschland braucht Geldgeber jenseits der Telekom
Der Telekom-Chef verpasst dem Dax-Konzern ein neues Selbstbild, nach dem der Betreiber nicht mehr alle Netze selbst kontrollieren muss.
Foto: imago images/sepp spieglDeutschland will ein führendes Land bei der Digitalisierung sein. Stand jetzt ist das allerdings nichts anderes als reines Wunschdenken. Schon die digitale Infrastruktur kann mit diesem hohen Anspruch nicht mithalten. Zukunftsfähige Glasfaseranschlüsse gibt es nur selten.
Der wichtigste Grund dafür ist die Wartehaltung der Netzbetreiber – allen voran der Deutschen Telekom. Aber jetzt ändert sich etwas. Konzernchef Timotheus Höttges plant Glasfaseranschlüsse für jeden Haushalt in Deutschland bis 2030. Und dafür will er auch Geld von externen Investoren einsammeln.
Dieser Schritt ist ein Paradigmenwechsel. Bislang wollte die Telekom ihre Netze selbst kontrollieren. Als einstiger Staatskonzern und Monopolist kontrolliert sie bis heute das deutsche Telefonnetz und bietet darüber DSL-Internetanschlüsse an. Doch die sind nicht mehr zukunftsfähig.
Den milliardenschweren Ausbau kann sich die Telekom selbst kaum noch leisten. Seit der Fusion mit dem Rivalen Sprint in den USA im vergangenen Jahr ist der Schuldenberg der Telekom zum Ende des vergangenen Quartals auf den Rekordwert von 128 Milliarden Euro gewachsen. Neue Schulden für den Glasfaserausbau sind nicht drin.
Gleichzeitig traut sich CEO Höttges auch nicht, die Dividende zusammenzustreichen. Also braucht er eine Alternative. Die hat er in externen Investoren gefunden. Derzeit ist die Telekom in finalen Gesprächen mit Geldgebern, um dabei zu helfen, vier Millionen Haushalte mit Glasfaser zu erschließen. Das Investitionsvolumen soll bei rund sechs Milliarden Euro liegen.
Die Partnerschaft mit einem Geldgeber ist lange überfällig. Rivale Telefónica setzt beim Glasfaserausbau in Deutschland bereits auf den Versicherungskonzern Allianz. Für langfristig orientierte Investoren sind Deutschlands digitale Netze ein gutes Geschäft. Sie versprechen langfristig sichere Renditen. Die Telekom muss zwar ihre Erlöse teilen, kann dafür aber den dringend nötigen Netzausbau vorantreiben, ohne alle Kosten selbst stemmen zu müssen.
Neues Selbstbild für die Telekom
Mit der Öffnung für externe Geldgeber vollzieht die Telekom einen großen Wandel. Es geht um mehr als nur darum, ein akutes Geldproblem beim Glasfaserausbau zu lösen. Konzernchef Höttges ist dabei, seinem Konzern mit 220.000 Mitarbeitern ein neues Selbstbild zu verpassen. Beim Kapitalmarkttag im Mai formulierte Höttges bereits das Ziel, die Telekom zu einem „Network Orchestrator“ umzuwandeln.
Mit dem sperrigen Begriff beschreibt der CEO den Ansatz, nicht mehr alle Technologien und Netze selbst zu besitzen, sondern unterschiedliche Lösungen für Kunden anzubieten. Ein Beispiel: Das Satelliten-Internet von Elon Musk will Höttges nicht als Konkurrenzprodukt zu den Breitbandangeboten der Telekom verstehen. Der Dax-Konzern könnte hingegen selbst Kunden Starlink-Lösungen empfehlen, wenn diese am besten zu den Bedürfnissen passen, etwa in ländlichen Gebieten ohne befriedigende Breitbandversorgung.
Dieses neue Selbstbild ist zunächst eine Idee. Von diesem Ziel ist die Telekom noch weit entfernt. Seit Jahren versucht der Konzern, über Partnerschaft die Netze von Konkurrenten mitzunutzen. Stadtnetzbetreiber in vielen Großstädten haben bereits gute Glasfaserinfrastrukturen aufgebaut. Da ergibt es Sinn, dass die Telekom keine parallelen Netze errichtet, sondern einfach gegen Mietzahlungen die Verbindungen mitnutzt. In der Praxis läuft das jedoch schleppend.
Die Richtung ist aber richtig. Externe Geldgeber und Partnerschaften werden dem Glasfaserausbau in Deutschland helfen. Die Telekom und die anderen Netzbetreiber sollten deutlich mehr dieser Deals eingehen.