Marta Ortega: Tochter von Inditex-Gründer rückt beim Zara-Mutterkonzern auf – Aktie sackt ab
Die Gründertochter tritt in große Fußstapfen.
Foto: ImagoMadrid. So frostig hat sich Marta Ortega ihr Debüt auf ihrem neuen Posten wohl nicht vorgestellt: Die Aktien des Zara-Mutterkonzerns Inditex brachen am Dienstag um fast sechs Prozent ein. Zuvor hatte der Konzern überraschend verkündet, dass die Tochter von Firmengründer Amancio Ortega ab dem kommenden April die Führung des Verwaltungsrats übernimmt. Zwar war intern damit gerechnet worden, dass die 37-Jährige eines Tages auf den Posten rücken würde. Doch gleichzeitig tauschte Inditex auch den CEO aus.
Den Posten übernimmt ab sofort Óscar García Maceiras, der erst seit dem vergangenen März Chefberater bei Inditex ist und dort Carlos Crespo nach nur zweieinhalb Jahren im Amt ablöst. Crespo wird COO und kehrt damit zu seinem alten Job zurück. „Die negative Reaktion der Börse beruht auf diesem doppelten Wechsel an der Spitze“, sagt Philip Moscoso, Einzelhandelsexperte bei der Business-School IESE. „Der neue CEO muss sich erst noch beweisen.“
Mit den Personen ändert sich auch die Organisation der Unternehmensspitze. Der bisherige Verwaltungsratschef Pablo Isla hatte zugleich exekutive Funktionen ausgeübt und war damit die klare Nummer eins im Konzern. In vielen spanischen Unternehmen ist diese Machtkonzentration noch üblich. Marta Ortega wird aber keine exekutiven Aufgaben übernehmen, sondern ähnlich wie eine deutsche Aufsichtsratschefin eher kontrollierende Funktionen ausüben, während der CEO das tägliche Geschäft verantworten wird.
Marta Ortega tritt in große Fußstapfen
Auf die 37-Jährige wartet eine schwere Aufgabe – die Fußstapfen von Pablo Isla sind groß. In seinen mehr als zehn Jahren an der Konzernspitze hat er die weltweite Expansion verantwortet und die Zara-Mutter von einem Verkaufsrekord zum nächsten geführt. Der Unternehmenswert hat sich in seiner Amtszeit auf 91 Milliarden Euro versechsfacht.
An der Börse sorgte der Doppelwechsel an der Unternehmensspitze für Verunsicherung.
Foto: ReutersDoch Marta Ortega kennt den Konzern genau – sie hat ihr gesamtes Berufsleben bei Inditex verbracht und den Weg an die Spitze genau vorbereitet. „Ich lebe und atme dieses Unternehmen seit meiner Kindheit, und ich habe von all den großartigen Fachleuten gelernt, mit denen ich in den letzten 15 Jahren zusammengearbeitet habe“, teilte sie am Dienstag mit.
Nach dem Internat in der Schweiz und einem Studium an der European Business School in London hat sie mit 23 Jahren in einem Zara-Laden in London begonnen. Es folgten verschiedene internationale Stationen in Läden und Niederlassungen des Konzerns.
Allerdings ist unklar, was genau Ortega bislang im Konzern gemacht hat. Inditex erklärte in der Mitteilung zum Wechsel nur, sie habe zuletzt das Markenimage von Zara gestärkt und die Modeauswahl von Zara verantwortet – eine Aufgabe, die sie auch künftig beibehalten werde.
„Ihre Fähigkeiten als Managerin sind noch nicht bekannt“, sagt Experte Moscoso. So wisse man nicht, ob sie große oder kleine Teams geleitet hat und über welche Budgets sie verfügt hat. „Aber in einem Familienkonzern wie Inditex ist ihr Aufstieg an die Verwaltungsratsspitze eine absolut natürliche Entwicklung. Sie ist auf der Position die Vertreterin des Mehrheitsaktionärs, ihres Vaters.“ Der besitzt noch 59 Prozent der Aktien. Seinen Posten als Verwaltungsratschef hat er im Jahr 2011 aufgegeben. Mit der Berufung seiner Tochter werde der Generationswechsel nun vollendet, erklärte Inditex.
Passionierte Springreiterin
Moscoso geht davon aus, dass Marta Ortega verstärkt auf die Bereiche achten wird, in denen sie auch aktiv war. Der neue CEO wiederum, ein ehemaliger Staatsanwalt, der zuvor bei zahlreichen Banken beschäftigt war, ergänze ihr Profil mit seiner Finanzexpertise.
Die neue Verwaltungsratschefin hatte ihre Pläne in einem Interview mit dem „Wall Street Journal“ im vergangenen August skizziert: „Man weiß nie, was die Zukunft bringt, und ich bin offen dafür“, sagte sie. „Aber um ehrlich zu sein, würde ich gern in der Nähe des Produkts bleiben. Ich glaube, das hat mein Vater immer getan.“
Ihre Passion gilt dem Springreiten – sie ist selbst in internationalen Wettbewerben geritten und hat offenbar kurzzeitig mit einer Sportkarriere geliebäugelt. Die zweite Passion ist jedoch die Haute Couture. Die künftige Verwaltungsratschefin ist regelmäßig auf den Shows von großen Modedesignern anzutreffen. Bei Zara hat sie 2018 eine limitierte Luxus-Linie auf den Markt gebracht – SRPLS.
Wie ihr Vater verzichtet sie auf ein eigenes Büro. Der Gründer saß in der Firmenzentrale im nordspanischen Arteixo bei der Hauptmarke Zara Woman stets an einem riesigen Tisch mit Dutzenden Verantwortlichen der einzelnen Bereiche. Mit seinen 85 Jahren schaut der Gründer heute noch regelmäßig im Büro vorbei.
„Marta ist sehr bescheiden“
Auch die Bescheidenheit hat Marta Ortega vermutlich von ihrem Vater, den der Erfolg von Inditex zum reichsten Mann Spaniens gemacht hat. „Sei groß in der Arbeit und klein im Leben. Das ist eines der besten Dinge, die ich je gehört habe“, sagt sie. Sie ist wie ihr Vater ihren Wurzeln treu geblieben und lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern in La Coruña in der Nähe der Firmenzentrale.
Obwohl sie da auch alle kennen, könne sie immer noch in Ruhe auf der Straße spazieren gehen, erzählte Ortega dem „Wall Street Journal“. „Marta ist sehr bescheiden, aber hat gleichzeitig eine starke Meinung zu verschiedenen Themen“, sagt Pablo Isla über seine Nachfolgerin.
Ihr Tagesablauf glich bislang dem von anderen Berufstätigen: Morgens brachte sie ihren Sohn zur Schule, bevor es in die Firma ging. Dort traf sie sich zunächst mit dem Finanzchef und anderen Managern des Konzerns, um die Verkäufe zu analysieren. Inditex reagiert mit seinen Kollektionen enorm schnell darauf, was bei den Kunden gut ankommt und hat damit das Modell der schnellen und erschwinglichen Mode perfektioniert.
Inzwischen ist der Konzern mit Marken wie Zara, Massimo Dutti, Bershka oder Pull & Bear in 216 Märkten rund um den Globus vertreten. Der Umsatz lag 2019 – im Jahr vor der Pandemie – bei rund 28 Milliarden Euro. Die Pandemie hat die Online-Integration von Inditex beschleunigt: Der Nettogewinn im zweiten Quartal 2021 lag mit 850 Millionen um vier Prozent über dem entsprechenden Quartal 2019.
Die guten Zahlen nannte Isla als Grund für den nun eingeleiteten Führungswechsel. „Wir machen das jetzt, weil es der optimale Moment ist“, sagte er am Dienstag auf einer Pressekonferenz. „Wir sind sehr solide und haben eine gut definierte Strategie und fantastische Teams in jedem Bereich.“