Mobilfunk: „Nicht zu unterschätzendes Risiko“: Warum 5G den US-Luftverkehr stören kann
Eine Sendestation des Mobilfunkanbieters Verizon in den USA.
Foto: ReutersFrankfurt. Ein temporärer Verzicht soll den seit Wochen schwelenden Streit zwischen US-Mobilfunkanbietern und der Luftfahrtbranche entschärfen. Die beiden US-Mobilfunkanbieter AT&T und Verizon erklärten sich am Montag dazu bereit, die lange geplante Einführung eines neuen 5G-Standards zumindest rund um Flughäfen in den Staaten um sechs Monate zu verschieben. Gleichzeitig lehnen sie es aber ab, grundsätzlich an dem Zeitplan für 5G zu rütteln.
Größere Einschränkungen bei der vorgesehenen Nutzung des C-Band, also des besonders schnellen Frequenzbereichs, seien nicht hinnehmbar, heißt es in einem Schreiben der beiden Konzerne. Es würde sich um „einen unverantwortlichen Verzicht“ handeln, begründeten die Telekomfirmen ihre Haltung mit Blick auf den scharfen internationalen Wettbewerb.
Nicht nur die US-Luftfahrtaufsicht FAA und Arbeitnehmervertreter von Airlines warnen seit Längerem davor, dass 5G beim Radar Störungen verursachen könnte. Auch die beiden großen Flugzeughersteller Airbus und Boeing hatten kürzlich Bedenken angemeldet. Interferenzen könnten die Fähigkeit von Flugzeugen, sicher zu fliegen, beeinträchtigen, schrieben Topmanager beider Konzerne an den US-Verkehrsminister Pete Buttigieg.
Der neue Mobilfunkstandard rückt in den Augen von Luftfahrtexperten mit Frequenzbändern, die teilweise über 3,7 Gigahertz reichen, bedenklich nah an den Bereich heran, den auch die Radarhöhenmesser in Verkehrsflugzeugen nutzen. Sie greifen auf das Band zwischen 4,2 und 4,4 Gigahertz zurück.
Eine speziell für das Thema einberufene Gruppe mit Experten aus den USA und aus Europa hatte bereits vor fast zwei Jahren vor einem „nicht zu unterschätzenden Risiko“ gewarnt. Die FAA hat zudem in einer sogenannten Lufttüchtigkeitsanweisung darauf hingewiesen, dass die Empfänger der Radarhöhenmesser in der Regel zwar sehr genau arbeiten würden, es aber nicht ausgeschlossen werden könne, dass „Funkemissionen“, die aus anderen Frequenzbereichen stammen, Fehler verursachen.
Großer Zeitdruck in den USA
Dass das Problem jetzt vor allem in den USA so heftig diskutiert wird, hat zwei Gründe: Zum einen wollen die US-Mobilfunkanbieter in den USA auch das schnelle C-Band nutzen, das oberhalb von 3,7 Gigahertz sendet.
Das ist in Deutschland anders. So hat die Deutsche Flugsicherung DFS vor einiger Zeit darauf hingewiesen, dass hierzulande für 5G bloß Frequenzbereiche unterhalb von 3,7 Gigahertz genutzt werden können. Damit sei dieser Wert noch weit genug von den Bereichen der Höhenmesser entfernt, es gebe nicht die Gefahr störender Funkemissionen.
Zum anderen wollen die Mobilfunkanbieter in den USA das C-Band am 5. Januar starten. Die Zeit drängt also. Der Airline-Verband Airlines for America hat die US-Telekommunikationsbehörde (FCC) aber aufgefordert, den Einsatz des C-Bandes rund um Flughäfen zu stoppen. Die Gruppe will sogar vor Gericht ziehen, sollte die FCC nicht tätig werden.
Am vergangenen Freitag hatten US-Verkehrsminister Buttigieg und der Leiter der US-Luftsicherheitsbehörde FAA, Steve Dickson, ihrerseits einen Kompromissvorschlag unterbreitet. Danach sollten AT&T und Verizon den Start von 5G vorerst um zwei Wochen verschieben, um mehr Zeit zu gewinnen. Sie scheiterten aber damit.
Telekom funkt am BER bereits mit 5G
In Deutschland hat die Deutsche Telekom am neuen Hauptstadtflughafen BER mittlerweile eine 5G-Antenne in Betrieb genommen. Diese sendet nach Unternehmensangaben auf 3,6 Gigahertz.
An anderen Flughäfen können die Kunden auf Leistungen weiter entfernter Funkmasten zugreifen, die teilweise sogar auf noch niedrigeren Frequenzen senden. Sowohl die europäische Luftfahrtaufsicht EASA als auch die DFS hatten zuletzt erklärt, bisher keinerlei Störungen durch 5G festgestellt zu haben. Aber man werde die Situation weiter beobachten.
Je leistungsfähiger das 5G-Netz in Europa werden wird, desto stärker dürfte auch hier wieder über mögliche Folgen des 5G-Netzes diskutiert werden. So gibt es zahlreiche Bürger, die wegen des neuen Funkstandards um ihre Gesundheit fürchten. Gleichzeitig wird es im Laufe der Zeit immer mehr Erkenntnisse und Studien darüber geben, welche Folgen 5G wirklich hat.
Denn das ist in der aktuellen Debatte das wohl größte Problem: Es gibt noch zu wenig belastbare Informationen und Fakten zu möglichen „Nebenwirkungen“ des neuen Funkstandards. So hat das deutsche Bundesamt für Strahlenschutz zwar kürzlich notiert, dass es bisher keine Hinweise auf mögliche negative Folgen für die Gesundheit gebe. Gleichzeitig fordern die Experten aber weitergehende Forschungen.