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Aufstand der BevölkerungBerichte über Dutzende Tote und 1000 Verletzte bei Unruhen in Kasachstan – Russland schickt Truppen

Proteste gegen hohe Gaspreise haben in dem rohstoffreichen Land eine schwere Krise ausgelöst. Die Nachrichtenlage ist unklar, fest steht aber: die Gewalt nimmt zu. 06.01.2022 - 17:06 Uhr aktualisiert Artikel anhören

Truppen stellen sich am Donnerstag gegen Demonstrierende.

Foto: Reuters

Almaty. Bei Ausschreitungen in Kasachstans Wirtschaftsmetropole Almaty hat es Berichten zufolge zahlreiche Tote gegeben. Angaben des kasachischen Gesundheitsministeriums zufolge gab es bislang zudem mehr als 1000 Verletzte.

Menschen hätten in der Nacht zum Donnerstag versucht, verschiedene Polizeigebäude zu stürmen, zitierte der kasachische Fernsehsender Khabar 24 einen Sprecher des Innenministeriums, wie die russische Staatsagentur Tass meldete. Dabei seien „Dutzende Angreifer eliminiert“ worden. Deren Identitäten werde nun ermittelt.

Internetseiten kasachischer Medien waren auch am Morgen nicht vom Ausland aus zu erreichen. Die genaue Lage war deshalb unklar.

Offiziellen Angaben zufolge wurden mindestens 18 Sicherheitskräfte getötet. Zu Todesopfern unter Zivilisten gab es bislang keine Angaben. In der vergangenen Nacht schritt das Militär ein. Seither laufen an verschiedenen Stellen der Stadt Almaty in Zentralasien Einsätze gegen Demonstranten, die Berichten zufolge auch bewaffnet sein sollen. Einwohner seien aufgerufen worden, an sicheren Orten zu bleiben und Straßen zu meiden. Bei den Protesten sind nach offiziellen Angaben der Behörden allein in der Millionenstadt Almaty etwa 2000 Menschen festgenommen worden.

Auslöser der größten Protestwelle seit Jahren war Unmut über deutlich gestiegene Treibstoffpreise an den Tankstellen der öl- und gasreichen Ex-Sowjetrepublik mit mehr als 18 Millionen Einwohnern. Viele Kasachen tanken Flüssiggas, weil es billiger als Benzin ist. Zum Jahreswechsel hatte die bisherige Regierung die Deckelung bei Autogas aufgehoben, der Preis stieg auf mehr als das Doppelte.

Russland verlegt Truppen

Am Wochenende begannen die regierungskritischen Proteste. In der Nacht zu Donnerstag schürte die Entsendung ausländischer Soldaten nach Kasachstan durch ein von Russland geführtes Militärbündnis Befürchtungen vor einer weiteren Eskalation der Lage in der früheren Sowjetrepublik. Zwar hieß es, die Soldaten der Allianz sollten für einen begrenzten Zeitraum entsandt werden, „um die Lage in dem Land zu stabilisieren und zu normalisieren“.

Überblick über die deutsch-kasachischen Wirtschaftsbeziehungen
Kasachstan ist der mit Abstand wichtigste deutsche Handelspartner in Zentralasien. In den ersten zehn Monaten 2021 wuchsen die kasachischen Exporte nach Deutschland um knapp 47 Prozent auf drei Milliarden Euro. Die deutschen Exporte dorthin schrumpften gleichzeitig um mehr als sechs Prozent auf 1,1 Milliarden Euro. Damit ist Kasachstan eines der wenigen Länder, mit denen Deutschland ein Handelsdefizit hat.
Kasachstan ist dem Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft zufolge Deutschlands viertgrößter Erdöllieferant. Das Land verfügt über viele andere Rohstoffe, darunter die für die Energiewende und Hochtechnologie wichtigen Seltenen Erden. Deutschland wiederum liefert vor allem Maschinen, chemische Erzeugnisse, Fahrzeuge und elektronische Erzeugnisse sowie Elektrotechnik.
Etwa 480 deutsche Unternehmen sind in dem Land aktiv. Das deutsche Investitionsvolumen liegt bei 1,3 Milliarden Euro, schätzt der Ost-Ausschuss. Prominent vertreten sind auch bekannte Namen wie der Baustoffhersteller Knauf, der Industriegasekonzern Linde, der Landmaschinenhersteller Claas, Siemens Energy und Heidelberg-Cement.
Dünn besiedeltes Land, viel Sonne und Wind: Kasachstan bietet gute Bedingungen für den Ausbau erneuerbarer Energien. So plant der deutsche Investor und Projektentwickler Svevind Energy GmbH mehrere großflächige Solaranlagen und Windparks mit einer Gesamtleistung von bis zu 45 Gigawatt in den ausgedehnten Steppengebieten West- und Zentralkasachstans. Der Strom soll überwiegend für die Herstellung von grünem Wasserstoff genutzt werden, der nach Deutschland exportiert werden kann.
Große Bedeutung hat Kasachstan auch als Transitland. Schließlich führt hier beispielsweise die Eisenbahnlinie von Deutschland nach China, dem wichtigsten deutschen Handelspartner, durch das Land. Kasachstan ist deshalb Teil des chinesischen Großprojekts „Neue Seidenstraße“. Damit sollen die Kosten für den Transport nach Europa gesenkt werden.

Allerdings hatte die kasachische Staatsführung diese Hilfe erbeten, nachdem ihre eigenen Truppen mit Waffengewalt gegen regierungskritische Demonstranten vorgegangen waren. Die Polizei erklärte der Nachrichtenagentur Interfax zufolge, mehrere Unruhestifter seien dabei „eliminiert“ worden.

Russland macht ausländische Kräfte für die Unruhen verantwortlich. Es handele sich um einen aus dem Ausland gesteuerten Versuch, die Sicherheit und Integrität des Landes gewaltsam zu unterwandern, erklärte das Außenministerium am Donnerstag. Russland und seine Partner würden mit Kasachstan über weitere Schritte beraten.

Die USA und die EU riefen alle Seiten zur Mäßigung auf und forderten eine friedliche Beilegung des Konflikts.

Die Massenproteste gegen drastisch gestiegene Treibstoffpreise in Kasachstan waren am Mittwoch in gewaltsame Unruhen umgeschlagen. Da stürmten Demonstranten laut Medienberichten die Residenz des Präsidenten in Almaty und legten dort Feuer, auch das Hauptverwaltungsgebäude mit dem Bürgermeisteramt habe gebrannt.

Das Bild der russischen Nachtrichtenagentur Tass zeigt Sicherheitskräfte die am Donnerstag bei einer sogenannten Antiterroroperation eingesetzt sind, um Massenunruhen zu beenden.

Foto: dpa

Präsident Tokajew kündigte in einer Fernsehansprache „maximale Härte“ gegen „Gesetzesbrecher“ an. Einen bereits für Almaty und die Hauptstadt Nur-Sultan bestehenden Ausnahmezustand wegen der Massenproteste weitete er auf das ganze Land aus. Damit wurde in den beiden Städten eine nächtliche Ausgangssperre verhängt und dort die Bewegungsfreiheit eingeschränkt.

Tokajew ergänzte, die Unruhen würden von „terroristischen Banden“ geführt, die Unterstützung aus nicht näher genannten Ländern erhalten hätten.

Die Menschen in der kasachischen Metropole wehren sich gegen wirtschaftliche Ungleichheit – und einen autoritären Staat.

Foto: imago images/ITAR-TASS

Mehrere kasachische Telegram-Kanäle veröffentlichten in der Nacht zum Donnerstag Videos, die militärisches Vorgehen gegen Demonstranten auch im Stadtgebiet der Wirtschaftsmetropole Almaty zeigen sollen. Auf den Aufnahmen sind Schussgeräusche zu hören sowie schreiende Menschen.

Der kasachische Fernsehsender Khabar 24 meldete am Donnerstagmorgen, die Sicherheitskräfte würden weiter gegen Demonstranten vorgehen. „Die Anti-Terror-Operation zur Herstellung der öffentlichen Ordnung wird in Almaty fortgesetzt“, hieß es dort. Die russische Staatsagentur Ria Nowosti meldete, Militärfahrzeuge hätten Leichen in der Stadt eingesammelt. Banken hätten zudem vorerst ihre Arbeit eingestellt.

Die Lufthansa hat angesichts der schweren Unruhen Flüge nach Almaty gestrichen. „Aufgrund der weiteren Entwicklung hat Lufthansa nun entschieden, bis auf weiteres keine regulären Flüge nach Almaty mehr anzubieten“, teilte die Airline-Gruppe am Donnerstag mit. Am Mittwoch hatten Demonstranten zeitweise den Flughafen in Almaty besetzt. Die Sicherheitskräfte brachten den Airport dann wieder unter Kontrolle. Auch andere Fluggesellschaften wie Flydubai und Air Arabia setzten Verbindungen nach Almaty aus. Am Weltraumbahnhof Baikonur wurden laut der russischen Weltraumbehörde Roskosmos die Sicherheitsvorkehrungen verstärkt.

Kasachstan: Internetblockade sorgt für unklare Informationslage

Erschwert wird die Informationslage durch wiederholte Blockaden des Internets in Kasachstan. Bereits am Mittwoch wurde das Netz über Stunden abgeschaltet – vermutlich, um neue Versammlungen zu erschweren. Mehrere Fernsehsender stellten den Betrieb ein.

In der Nacht zu Donnerstag waren dann erneut Webseiten von Behörden, Polizei und Flughäfen nicht zu erreichen, wie die russische Staatsagentur Tass berichtete. Auch aus Deutschland waren Internetseiten wie die der staatlichen Nachrichtenagentur Kazinform und anderer Medien nicht abrufbar.

Nach anhaltenden Protesten gegen eine Erhöhung der Gaspreise in Kasachstan hat die Regierung geschlossen ihren Rücktritt eingereicht. Es solle gegenseitiges Vertrauen und Dialog statt Konflikte geben, sagte Präsident Kassym-Jomart Tokajew.

In Almaty herrschte laut Tass ein kompletter Internetausfall, soziale Netzwerke als zentrales Koordinierungsinstrument von Demonstranten waren damit lahmgelegt. Auch das Mobilfunknetz in der Wirtschaftsmetropole war demnach tot.

China sieht die Unruhen in seinem Nachbarland als „innere Angelegenheit“ an. „Wir sind zuversichtlich, dass die Behörden angemessen mit der Situation umgehen können“, sagte Außenamtssprecher Wang Wenbin am Donnerstag vor der Presse in Peking. „Wir hoffen, dass sich die Lage stabilisiert und die normale soziale Ordnung wiederhergestellt wird.“

Kasachstan und China pflegten eine umfassende strategische Partnerschaft, hob der Sprecher noch hervor. Auf die Entsendung von Soldaten aus Russland, Armenien, Belarus, Kirgistan und Tadschikistan in das zentralasiatische Land ging Wang Wenbin in seiner kurzen Stellungnahme nicht ein.

Das US-Außenministerium hat Sicherheitskräfte und Demonstranten im zentralasiatischen Kasachstan zur Mäßigung aufgerufen und eine friedliche Beilegung des Konflikts gefordert. „Wir bitten alle Kasachen, die verfassungsmäßigen Institutionen, die Menschenrechte und die Pressefreiheit inklusive einer Wiederherstellung des Internetzugangs zu respektieren und zu verteidigen“, erklärte der Sprecher des Ministeriums, Ned Price, am Mittwoch. Die USA forderten alle Parteien dringend auf, angesichts des Ausnahmezustands eine friedliche Lösung zu finden, so Price.

Die Unruhen haben auf mehrere Städte im Land übergegriffen.

Foto: imago images/ITAR-TASS

Das russische Außenministerium hatte am Mittwoch zu einer friedlichen Lösung aufgerufen. Probleme müssten „im Rahmen der verfassungsmäßigen und gesetzlichen Bestimmungen und durch Dialog und nicht durch Unruhen auf den Straßen“ gelöst werden. „Wir hoffen auf eine rasche Normalisierung der Lage“, hieß es.

Experten werteten Tokajews Hilferuf als Zeichen, dass er sich nicht mehr auf seine Armee verlassen könne. Als Konsequenz aus den Protesten hatte er bereits am Mittwoch die Regierung entlassen und mit einem harten Durchgreifen gegen Demonstranten gedroht.

Zugleich wies Tokajew er die kommissarische Regierung und die Provinzgouverneure an, auch für Benzin, Diesel und andere sozial wichtige Verbrauchsgüter Preisgrenzen einzuführen. Zudem regte er an, die Versorgerpreise einzufrieren und arme Familien bei Mietzahlungen zu unterstützen.

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Das Land mit mehr als 18 Millionen Einwohnern grenzt unter anderem an Russland und China. Es ist reich an Öl- und Gasvorkommen. Die Republik ist auch einer der größten Uranproduzenten der Welt. Trotzdem kämpft Kasachstan mit Misswirtschaft und Armut. In der Rangliste der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen liegt Kasachstan auf Platz 155 von 180 Ländern.

Ausgelöst wurden die Proteste durch die erhöhten Energiepreise.

Foto: Reuters
dpa, ap
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