Chemiekonzern: Clariant untersucht mögliche Bilanzmanipulation – Aktie bricht um 20 Prozent ein
Der Chemiekonzern prüft, ob Mitarbeiter die Rückstellungen und Abgrenzungen falsch verbucht hätten, um die Ergebnisse des Unternehmens so zu steuern, dass Finanzziele erreicht werden.
Foto: ReutersZürich, Düsseldorf. Der Spezialchemiekonzern Clariant hat eine Untersuchung wegen einer möglichen Manipulation wichtiger Bilanzkennziffern eingeleitet und daher seinen Jahresabschluss verschoben. Die Aktie brach daraufhin am Montagmorgen um nahezu 20 Prozent ein und notierte am Nachmittag noch 15 Prozent niedriger.
Bei der Überprüfung geht es um die Verbuchung von Rückstellungen und Abgrenzungen in den Haushaltsjahren 2020 und 2021, wie das Schweizer Unternehmen am Montag mitteilte. Clariant prüfe, ob Mitarbeiter die Rückstellungen und Abgrenzungen falsch verbucht hätten, um die Ergebnisse des Unternehmens so zu steuern, dass Finanzziele erreicht wurden. Die möglichen Bilanztricksereien sollen keinen Einfluss auf Umsatz und Cashflow gehabt haben. Allerdings sollen Margen aufpoliert worden sein.
Auslöser der Überprüfung waren den Angaben zufolge Informationen von internen Hinweisgebern. Die interne Untersuchung läuft bereits seit September vergangenen Jahres und wird von der Prüfungsgesellschaft Deloitte und der Kanzlei Gibson, Dunn & Crutcher begleitet.
Der Abschlussprüfer von Clariant, PwC, hat dem Chemiekonzern nun mitgeteilt, dass man die Bilanz für 2021 ohne das Ergebnis nicht testieren will. Noch ist unklar, wann die Firma einen abgezeichneten Jahresabschluss vorlegen kann. Als Folge der Untersuchung könnte Clariant gezwungen sein, zuvor veröffentlichte Finanzberichte anzupassen, hieß es weiter. Auch die Hauptversammlung muss das Unternehmen verschieben.
Vorläufigen Zahlen zufolge ist der Umsatz der fortgeführten Geschäftsbereiche 2021 in Lokalwährungen um 15 Prozent auf 4,37 Milliarden Franken gestiegen. Die operative Marge (Ebitda) dürfte zwischen 16 und 17 Prozent liegen.
Einer der größten Spezialchemiehersteller in Europa
Clariant ist einer der größeren Spezialchemiehersteller in Europa. Entstanden ist die Firma 1995 als Abspaltung vom damaligen Pharmahersteller Sandoz. Die Schweizer sind sehr stark in Deutschland vertreten. 1997 übernahm Clariant das Spezialchemiegeschäft der Hoechst AG und 2011 die Münchener Süd-Chemie AG.
Die möglichen Bilanztricksereien geben den Verantwortlichen nach wie vor Rätsel auf. Peter Steiner, Chef des Prüfungsausschusses im Verwaltungsrat, sagte, eine kleine Gruppe von Mitarbeitern stehe im Verdacht, Rückstellungen falsch oder verzögert verbucht zu haben, um die Margenziele zu erreichen. Einen persönlichen Vorteil hätten sie davon nicht gehabt.
Die Vorwürfe der Manipulation sind ein Rückschlag beim groß angelegten Umbau des Konzerns für Unternehmenschef Conrad Keijzer. Er ist seit Anfang 2021 CEO und sollte Ruhe bei Clariant reinbringen. Finanzvorstand Stephan Lynen ist seit Februar 2020 an Bord.
Keijzer sprach von einem Kulturproblem: „Offenbar gibt es Menschen bei Clariant, die glauben, dass es gut ist, das System auszutricksen, um die Ziele zu erreichen.“ Er werde weiter daran arbeiten, dass die Unternehmenskultur künftig den höchsten ethischen Standards entspreche.
„Wir werden den Vorwürfen auf den Grund gehen“, betonte Keijzer. Er zeigte sich erleichtert, dass die Tricksereien von Mitarbeitern aufgedeckt wurden. Sein Hinweis auf kulturelle Probleme kommt einer indirekten Kritik am früheren Management gleich. Clariant wurde von 2008 bis Ende 2020 nahezu durchgehend von CEO Hariolf Kottmann geführt, der zwischenzeitlich an die Spitze des Verwaltungsrats wechselte, dann aber als Interims-CEO in die operative Führung zurückkehrte.
Turbulente Jahre
Kottmann verließ 2021 auf Drängen des Clariant-Großaktionärs Sabic den Verwaltungsrat. Der saudi-arabische Chemiekonzern hält ein Viertel der Anteile an dem Unternehmen. Unter Kottmanns Führung haben die Schweizer turbulente Jahre erlebt: 2017 platzte die geplante Großfusion mit dem US-Konzern Huntsman. Danach stiegen die Saudis bei Clariant ein, die Spezialchemiegeschäfte mit den Schweizern fusionieren wollten. Auch dieses Vorhaben scheiterte.
Vor allem wegen der internen Konflikte hatte der Konzern in der Vergangenheit Vertrauen am Kapitalmarkt eingebüßt. Analyst Markus Mayer von der Baader Bank wertet die mögliche Bilanzmanipulation als negative Überraschung, die die gerade wieder gewachsene Reputation von Clariant unter Investoren und Analysten bedrohen könnte.
Allerdings hält Mayer den massiven Kursverlust der Clariant-Aktie für übertrieben. Der Grund: Zum einen dürfte der Effekt möglicherweise falsch verbuchter Rückstellungen eher klein sein, denn bei größeren Auswirkungen auf die Performance hätte Clariant schon früher über derartige Probleme berichten müssen.
Zum anderen seien die möglichen Effekte nicht cashwirksam, sondern würden nur einzelne Bilanzpositionen betreffen. Der Analyst geht auch davon aus, dass es keine Auswirkungen auf die Bewertungen bei dem zuletzt getätigten Verkauf von Unternehmensteilen gebe.
Dennoch zeugt der starke Kurseinbruch am Montag von einer weiter vorhandenen Skepsis der Investoren gegenüber dem Konzern. Die Clariant-Aktie hat sich schon in dem für die Chemiebranche erfolgreichen Jahr 2021 sowie auch im Jahr 2020 schlechter entwickelt als die anderer Spezialchemiefirmen in Europa.
Dabei lockt das neue Konzernmanagement um CEO Keijzer mit einem ambitionierten Wachstumsplan für die kommenden Jahre. Clariant will bis 2025 im Schnitt um vier bis sechs Prozent jährlich beim Umsatz zulegen. Angestrebt wird bis dahin eine Gewinnmarge (Ebitda) von 19 bis 21 Prozent. Diese Ziele will der Konzern aus eigener Kraft und ohne größere Zukäufe erreichen.