Hans Oberschulte im Interview: Arbeitgeber-Verhandlungsführer: Hohe Energiepreise treffen Unternehmen wie Beschäftigte gleichermaßen
Wenn man die aktuell überhitzten Preise als Maßstab nehmen würde, dann stünde der Flächentarif vor einer Zerreißprobe, sagte Oberschulte.
Foto: HandelsblattBerlin. Der Verhandlungsführer des Bundesarbeitgeberverbands Chemie (BAVC), Hans Oberschulte, warnt davor, sich bei den anstehenden Chemie-Tarifverhandlungen von den hohen Inflationszahlen leiten zu lassen. „Wenn wir die aktuell überhitzten Preise als Maßstab nehmen, dann steht der Flächentarif vor einer Zerreißprobe“, sagte Oberschulte, der Personalchef bei der BASF SE ist, dem Handelsblatt.
Die Inflation werde wieder sinken, die Frage sei nur, wann und wie schnell es wieder heruntergehe. „Und der Haupttreiber sind momentan die hohen Energiepreise, die Unternehmen wie Beschäftigte gleichermaßen treffen.“
Die Bundestarifkommission der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) hat an diesem Dienstag einstimmig ihre Forderung für die Tarifrunde beschlossen, die rund 580.000 Beschäftigte betrifft. Die Gewerkschaft fordert – wie vom Vorstand empfohlen – ein Entgeltplus oberhalb der Teuerungsrate, aber ohne eine konkrete Prozentzahl zu nennen.
„Wir wollen für unsere Mitglieder ein Bollwerk gegen die Inflation errichten“, sagte IG-BCE-Verhandlungsführer Ralf Sikorski. Außerdem fordert die IG BCE höhere Schichtzuschläge, mehr Ausbildungsanstrengungen der Unternehmen und eine Regelung für mobiles Arbeiten.
Die Gefahr sei, dass bei einer nicht konkret bezifferten Lohnforderung „der Fantasie nach oben keine Grenzen gesetzt sind“, sagte BAVC-Verhandlungsführer Oberschulte. Die Gewerkschaft dürfe sich nicht nur „an einigen großen Flaggschiffen mit guten Ergebnissen“ orientieren. Die Chemiebranche bestehe zu 80 Prozent aus kleinen und mittleren Unternehmen, für die ein Abschluss auch verkraftbar sein müsse.
Auf die Frage, ob die Politik Arbeitnehmer von den hohen Energiepreisen entlasten müsse, etwa durch Steuersenkungen, wollte Oberschulte nicht eingehen. „Die chemische Industrie, deren Tarifbeschäftigte ein durchschnittliches Jahreseinkommen von 64.000 Euro haben, sollte sich hier vielleicht mit Forderungen an die Politik zurückhalten“, sagte der BAVC-Verhandlungsführer.
Die Tarifverhandlungen beginnen am 2. März zunächst auf regionaler Ebene, bevor am 21. März in Hannover erstmals auf Bundesebene gesprochen wird.
Lesen Sie hier das gesamte Interview:
Herr Oberschulte, die IG BCE geht ohne genau bezifferte Lohnforderung in die Tarifrunde. Ist das ein gutes oder ein schlechtes Zeichen?
Die Gefahr ist, dass der Fantasie nach oben so keine Grenzen gesetzt sind. Die IG BCE muss aufpassen, dass sie nicht am Ende überzogene Erwartungen weckt.
„Die Chemie brummt“, sagt der Verhandlungsführer der Gewerkschaft, Ralf Sikorski. Stimmt das nicht?
Mit dieser pauschalen Aussage wird man der Heterogenität unserer Branche nicht gerecht. Wir haben in der Grundstoffchemie seit 2018 ein kleines Produktionsplus von zwei Prozent, in der Gummi und Kunststoff verarbeitenden Industrie steht unter dem Strich ein Minus von zehn Prozent. Und wir dürfen nicht den Fehler machen, uns an einigen großen Flaggschiffen mit guten Ergebnissen zu orientieren. Die Chemiebranche besteht zu 80 Prozent aus kleinen und mittleren Unternehmen.
Unternehmen, die weniger als drei Prozent Umsatzrendite erzielten oder Verluste schrieben, konnten die zweite Erhöhungsstufe des Tarifabschlusses von 2019 verschieben. Wie viele Firmen haben davon Gebrauch gemacht?
Das waren von den 1900 verbandsgebundenen Unternehmen genau 30. Trotz Pandemie haben die Arbeitgeber die vor der Krise vereinbarten Tariferhöhungen nicht infrage gestellt.
Die Gewerkschaft IG BCE will einen Tarifabschluss erreichen, der die Kaufkraft der Beschäftigten trotz stark gestiegener Preise erhält.
Foto: obsDer Beginn der Tarifrunde steht im Zeichen der höchsten Inflationsraten seit Jahrzehnten. Spielt das der Gewerkschaft in die Karten?
Wenn wir die aktuell überhitzten Preise als Maßstab nehmen, dann steht der Flächentarif vor einer Zerreißprobe. Die Inflation wird sinken, die Frage ist nur, wann und wie schnell es wieder runtergeht. Und der Haupttreiber sind momentan die hohen Energiepreise, die Unternehmen wie Beschäftigte gleichermaßen treffen.
Weitergabe von Preissteigerungen
Anders als die Beschäftigten können die Unternehmen die Preissteigerungen an ihre Kunden weitergeben …
Das trifft nur auf einige Firmen zu. In einer Umfrage des Verbands der Chemischen Industrie (VCI) gaben 16 Prozent der Unternehmen an, dass sie gestiegene Preise gar nicht weitergeben können, 67 Prozent nur teilweise. In unserer Industrie sind die tabellenwirksamen Entgelte seit 2010 um 30 Prozent gestiegen, die Preise dagegen um 20 Prozent. Nachholbedarf bei den Löhnen haben wir sicher nicht.
Muss die Politik denn Arbeitnehmer von den hohen Energiepreisen entlasten, etwa durch Steuersenkungen?
Die chemische Industrie, deren Tarifbeschäftigte ein durchschnittliches Jahreseinkommen von 64.000 Euro haben, sollte sich hier vielleicht mit Forderungen an die Politik zurückhalten.
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Müssen die Löhne nicht allein deshalb kräftig steigen, weil die Unternehmen sonst keine Fachkräfte mehr finden?
In der Tat ist der Fachkräftemangel auch in unserer Branche angekommen, selbst bei den großen Unternehmen. Aber attraktive Jobs definieren sich nicht allein über das Entgelt, sondern beispielsweise auch über die Arbeitsplatzsicherheit.
Die IG BCE will, dass die Unternehmen wieder mehr ausbilden, um dem Fachkräftemangel zu begegnen …
Die Gewerkschaft würde uns gern zu einer Mindestzahl an Ausbildungsplätzen verpflichten. Aber das Problem ist nicht der Mangel an Plätzen, sondern an Bewerbern. Im vergangenen Jahr konnten sieben Prozent der freien Lehrstellen nicht besetzt werden.
Eine weitere Gewerkschaftsforderung ist eine Erhöhung der Nachtzuschläge. Wie teuer wird die?
Bisher haben wir Zuschläge von 15 Prozent für regelmäßige und von 20 Prozent für unregelmäßige Nachtarbeit. Die IG BCE fordert einheitlich 25 Prozent und geht davon aus, dass das am Ende 0,3 bis 0,4 Prozentpunkte des Abschlussvolumens ausmacht. Wir gehen da eher vom Doppelten aus, weil die unregelmäßige Nachtarbeit weniger als fünf Prozent ausmacht und wir also für das Gros der Schichtarbeiter von 15 auf 25 Prozent gehen müssten.