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TourismusReiseziel Europa: Erneuter Dämpfer für die Tourismusbranche in diesem Sommer

Hohe Airline-Kapazitäten, steigende Preise: Nach den Problemen durch die Pandemie hätte 2022 ein gutes Jahr für den Tourismus werden sollen. Doch der Ukrainekrieg verändert die Aussichten.Gerd Höhler, Tanja Kuchenbecker, Sandra Louven und Christian Wermke 07.03.2022 - 12:11 Uhr Artikel anhören

Normalerweise ist die Türkei ein beliebtes Ziel bei russischen Touristen – die aber in diesem Jahr wegen des Krieges vielleicht zuhause bleiben.

Foto: dpa

Athen, Paris, Madrid, Rom . Nach zwei Jahren mit herben Verlusten sah es bis vor Kurzem so aus, als könnte die europäische Tourismusbranche die Pandemie endlich abhaken. Nach Daten der Tourismusberatung Mabrian befinden sich die Flugkapazitäten zu den Zielen Griechenland, Portugal, Italien und Spanien in diesem Jahr wieder auf Vorkrisenniveau. Allein Frankreich liegt noch 19 Prozent darunter.

Allerdings dürfte der Krieg in der Ukraine die Reiselust vieler Menschen erneut schmälern. Carlos Cendra, Marketingchef von Mabrian, sagt dazu: „Die neue Instabilität gefährdet die Erholung des europäischen Tourismus“, sagt er.

So steigen durch die russische Invasion in der Ukraine die Rohölpreise – was sich wohl auch auf die Ticketpreise der Airlines niederschlagen wird. Als Reaktion gegen den Angriffskrieg Russlands ist inzwischen ein Importstopp für russisches Öl im Gespräch. Das hat die Ölpreise zum Wochenauftakt auf den höchsten Stand seit 2008 getrieben. Wer bis jetzt noch nicht gebucht hat, tut es womöglich nicht mehr.

Besonders groß ist das Risiko für Länder, die wie zum Beispiel die Türkei einen hohen Anteil russischer Gäste haben. Ein Überblick, was die wichtigsten europäischen Ziele für diesen Sommer erwartet.

Türkei: Beliebt bei Reisenden aus Russland

Aus Russland kamen im vergangenen Jahr 4,5 Millionen Urlauber in die Türkei, in diesem Jahr sollten es noch mehr werden. Der Krieg in der Ukraine und die demonstrative Unterstützung Ankaras für Kiew dürften jedoch Russinnen und Russen von einer Reise in die Türkei abhalten.

Neben den russischen Gästen werden der Türkei vor allem Urlauber aus der Ukraine fehlen. Im Jahr 2021 verbrachten rund zwei Millionen Ukrainer ihre Ferien in der Türkei, dieses Jahr wurde mit einer Steigerung gerechnet.

Die Krise dürfte die sehr optimistischen Pläne durchkreuzen, die der türkische Tourismusminister Mehmet Ersoy für dieses Jahr hatte: Er wollte den vor der Pandemie erreichten Rekord knacken und peilte 35 Milliarden US-Dollar Umsatz in der Branche für 2022 an. „Die Buchungen vor allem aus dem Vereinigten Königreich und aus Balkanländern sind schon jetzt sehr hoch“, wurde Ersoy vor dem Ukrainekrieg von türkischen Medien zitiert.

Helfen könnte die schwache Lira. Die Landeswährung hat seit Oktober rund die Hälfte ihres Werts verloren. Dadurch wird der Urlaub an der Türkischen Riviera deutlich günstiger als zum Beispiel in Spanien oder auf einer griechischen Insel.

Andererseits grassiert die Inflation in dem Land und hat mit knapp 49 Prozent ein 20-Jahres-Hoch erreicht. Alles wird teurer, auch die Löhne für Angestellte. Darauf müssen Hoteliers unter Umständen kurzfristig reagieren, etwa mit Lohnerhöhungen oder Kündigungen. Wie sich das auf das Preis-Leistungs-Verhältnis auswirkt, werden die nächsten Monate zeigen.

Zypern: Sanktionen als Rückschlag

Für die Tourismusbranche auf der Mittelmeerinsel Zypern bedeuten die Sanktionen des Westens gegen Russland einen schweren Rückschlag. Russische Touristen stellten 2021 mit einem Anteil von knapp 20 Prozent die zweitgrößte Urlaubernation nach den Briten. Der zyprischen Regierung fiel es deshalb nicht leicht, die von der EU-beschlossene Sperrung des Luftraums für russische Flugzeuge umzusetzen.

Außenminister Ioannis Kasoulides meldete im EU-Rat Vorbehalte an und hält sich eine Hintertür offen: Sollte die Türkei ihren Luftraum für russische Flugzeuge nicht ebenfalls schließen, will auch Zypern seine Flughäfen wieder öffnen.

Dieser Fall könnte schon bald eintreten, denn das NATO-Land Türkei lehnt Sanktionen gegen Russland bisher prinzipiell ab. Der russische Botschafter in Nikosia verhöhnte die Zyprer bereits: „Wollt ihr, dass die russischen Touristen in die Türkei fliegen und ihr Geld dort ausgeben? Der Sommer kommt, und Ihr schließt euren Luftraum. Ihr schießt Euch selbst ins Bein!“, so der Diplomat.

Griechenland: Starke Saison erwartet

Schon am 1. März wollte Griechenland in diesem Jahr offiziell in die Reisesaison starten, früher als je zuvor. Die Vorzeichen waren gut: Im Januar hat sich die Zahl der aus dem Ausland an den griechischen Flughäfen ankommenden Passagiere im Jahresvergleich bereits mehr als verdreifacht.

Laut Tourismusminister Vasilis Kikilias liegen die Buchungen derzeit 30 Prozent über dem Vorjahresniveau. Besonders gefragt sind die Inseln Kreta, Rhodos, Mykonos und Santorin sowie Kos und Korfu.

Schon das vergangene Jahr übertraf alle Erwartungen. Die Zahl der Besucher verdoppelte sich gegenüber 2020. Die Deutschen stellten die meisten Reisenden, gefolgt von Briten und Franzosen. Die Tourismuseinnahmen stiegen um 147 Prozent.

Das zeigt einen Trend: Urlauber machen längere Reisen und gönnen sich mehr. So sind die für den Sommer gebuchten Reisen bei Tui, Europas größtem Reiseveranstalter, im Durchschnitt 23 Prozent teurer als vor einem Jahr.

Tui will nach den Worten seines CEO Fritz Joussen in diesem Jahr drei Millionen Urlauber nach Griechenland bringen. Das wären doppelt so viele wie im vergangenen Jahr und mehr als im bisherigen Rekordjahr 2019.

Hafen auf der griechischen Insel Thassos: Das Land beginnt die Urlaubsaison dieses Jahr schon im März.

Foto: Caro / Oberhaeuser

Das griechische Wirtschaftsforschungsinstitut IOBE rechnet damit, dass der Tourismus im Land in diesem Jahr 90 Prozent des Vorkrisenniveaus von 2019 erreichen wird. Helfen soll dabei nicht nur der frühe Start Anfang März. Reiseveranstalter und Fluggesellschaften wollen die Saison bis in den Dezember strecken, sagt Tourismusminister Kikilias.

Italien: Preise für den Sommer sind um neun Prozent gestiegen

Italiens Tourismus, der gut 13 Prozent der Wirtschaftsleistung ausmacht, hat in den vergangenen zwei Jahren stark gelitten. 2021 lag der Umsatz ungefähr 30 Prozent unter dem Wert von vor der Pandemie.

Die Tourismusverbände hoffen, in diesem Jahr wieder ungefähr auf das Vor-Corona-Niveau zu kommen. Die Trendwende bringen soll das Ausland: Kamen im vergangenen Jahr 26 Millionen ausländische Touristen, sollen es in 2022 rund 37 Millionen werden.

Russland spielt dabei keine große Rolle. Reisende aus dem Land machen nur etwa 2,5 Prozent aller Touristen aus. Allerdings gehören sie zu den spendierfreudigsten: 2019 gaben die 185.000 Russen, die die Shopping-Hochburg Mailand besuchten, im Schnitt 2000 Euro aus.

Einen Schub könnte der Tourismusbranche das Auslaufen des Corona-Notstandes Ende März geben. Damit könnte auch die Nachweispflicht über Impfung oder Genesung bei Hotelübernachtungen wegfallen.

Noch hat sich die Regierung nicht endgültig entschieden. Die Tourismusverbände bestehen aber vehement auf das Ende der 2G-Regel, um das Geschäft in den Osterferien zu retten. Ihre Befürchtung: Viele Reisende könnten in andere Urlaubsländer ausweichen, wo ähnliche Regelungen schon längst gekippt wurden.

Die Hotelbetreiber zeigen sich trotz allem optimistisch. Schon jetzt seien die Preise für die Sommersaison im Schnitt um neun Prozent gestiegen.

Spanien: Komplette Erholung erst 2023

Die spanische Tourismusbranche rechnet für dieses Jahr mit einer deutlichen Entspannung. Die Branche werde rund 88 Prozent ihres Umsatzes von 2019 erreichen, erwartet der spanische Tourismusverband Exceltur.

Der Tourismus werde damit in diesem Jahr 10,5 Prozent der spanischen Wirtschaftsleistung ausmachen. Im vergangenen Jahr waren es 7,4 Prozent, vor der Krise lag der Wert bei 11,7 Prozent.

Die komplette Erholung erwarten die Unternehmen erst im kommenden Jahr und machen dafür die heftige Omikron-Welle in Spanien verantwortlich. Zudem hätten die hohen Energiepreise auch ohne Ukrainekrieg die Reiseaktivitäten ausgebremst, heißt es vom Tourismusverband.

Für Ziele im Grünen, an den Küsten und auf Inseln rechnet die Branche mit Einnahmen von rund 90 Prozent des Vorkrisenniveaus, in den Städten liegt der erwartete Wert mit 76 bis 89 Prozent leicht darunter.

Die Hoffnung liegt dabei vor allem auf der Nachfrage der heimischen Touristen, während bei ausländischen Besuchern das Vorkrisenniveau Schätzungen zufolge noch um knapp ein Fünftel verfehlt wird.

Portugal: Buchungen von Briten und Iren stark gestiegen

Die portugiesische Regierung geht davon aus, dass der Umsatz der Tourismusbranche in diesem Jahr 85 Prozent des Niveaus von 2019 erreichen wird. In der Touristen-Hochburg Algarve im Süden des Landes ist der Optimismus noch größer.

Dort hofft die Branche, Einnahmen wie vor der Pandemie 2019 zu erreichen – dem bisher besten Jahr der Region. Der Vorsitzende des Tourismusverbands in der Algarve, João Fernandes, sagte, die Buchungen von britischen und irischen Touristen für Ende Februar und Ostern seien seit der Lockerung der Reisebeschränkungen deutlich gestiegen.

Auch auf den Azoren herrscht Optimismus. Mário Mota Borges, Regionalsekretär für Verkehr, Tourismus und Energie, geht davon aus, dass die Inselgruppe in diesem Jahr ihre Kapazitäten wieder ähnlich stark auslasten könne wie 2019, „wenn nichts Unvorhergesehenes passiert“. Dies sagte er allerdings vor dem Ausbruch des Ukrainekriegs.

Frankreich: Viele buchen früher und geben mehr Geld aus

In Frankreich erwarten Experten einen Anstieg von 21,8 Prozent der Tourismuseinnahmen. Viele Urlauber hätten in der Pandemie Geld gespart und seien nun bereit, sich etwas zu gönnen, so die Prognose.

Neu ist, dass nun viele früher reservieren. Didier Arino, Chef der Beratungsfirma Protourisme, zufolge reservierten die Menschen während der Pandemie oft im letzten Moment.

Nun scheinen die Urlauber angesichts der Lockerungen sichergehen zu wollen, dass nicht schon alle attraktiven Angebote ausgebucht sind. Besonders beliebt sind die Bretagne, Südfrankreich, die Atlantikküste und die Mittelmeerküste.

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Auch die Ferienhaus-Vermietung Gîtes de France hat bereits viele Reservierungen für Juli und August erhalten. Chefin Solange Escure berichtet je nach Region von 30 bis 40 Prozent mehr Reservierungen als 2021 und 15 bis 20 Prozent mehr Reservierungen als 2019.

Die Zahlen zeigen zudem, dass die Urlauber mehr Geld in ihre Reise investieren: Bei Gîtes de France geben Reisende zehn bis 15 Prozent mehr aus als sonst. Selbst für Paris, wo die asiatischen Touristen noch fehlen, erwartet das Touristenbüro Zahlen wie 2019.

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