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Pro und Contra„An dem Geld klebt Blut“ – Sollten sich deutsche Unternehmen aus Russland zurückziehen?

Mit Putin und seinen Oligarchen darf es keine Geschäfte mehr geben. Müssen aber sämtliche Verbindungen der Unternehmen nach Russland gekappt werden? Zwei Meinungen.Torsten Riecke, Jürgen Flauger 02.03.2022 - 11:48 Uhr Artikel anhören

Eiszeit herrscht in den Beziehungen zwischen Russland und dem Wersten.

Foto: dpa

Pro Rückzug aus Russland: Das Ende der Friedensdividende ist erreicht

In Putins Welt verliert die Wirtschaft ihre Unschuld. An dem Geld, das Unternehmen in Russland verdienen, klebt Blut.

von Torsten Riecke

Die Friedensdividende ist aufgebraucht. Der Angriffskrieg des russischen Präsidenten gegen die Ukraine stellt nicht nur die europäische Politik vor die größte Bewährungsprobe seit dem Mauerfall, auch die Wirtschaft verliert ihre Unschuld in Putins Welt.

Viele Unternehmen haben die Zeichen der Zeit erkannt und beenden ihre Zusammenarbeit mit der Nomenklatura des Kriegstreibers im Kreml. Fast im Stundentakt ziehen sich westliche Konzerne aus Russland zurück, verkaufen ihre Anteile, schließen Büros und Fabriken. Von Ölmultis über Airlines und Staatsfonds bis hin zu Fußballklubs – es findet gerade eine Massenflucht aus Putins Reich statt.

Nur deutsche Energiekonzerne tun sich wieder mal schwer, zwischen Geschäft und Moral zu entscheiden. Dieses Wegducken ist genauso unhaltbar wie das viel zu lange Festhalten an der Ostseepipeline Nord Stream 2.

Wenn es um Krieg und Frieden geht, gibt es für Unternehmen und Manager kein moralisches Niemandsland. Mit Putin und seinen Oligarchen darf es keine Geschäfte mehr geben. An dem Geld, das damit verdient wird, klebt Blut.

„Unhaltbare Position“

„Unsere Position ist unhaltbar geworden“, erklärte der norwegische Energiekonzern Equinor, nachdem er aus dem russischen Joint Venture ausgestiegen war. BP und Shell nehmen für ihren Exit bei den russischen Staatskonzernen Rosneft und Gazprom Milliardenabschreibungen in Kauf. Shell nannte Putins Krieg einen „sinnlosen Akt der militärischen Aggression“.

Solch klare Worte würde man sich auch von jenen deutschen Managern wünschen, die lange ihre Geschäftsbeziehungen mit Putin gepflegt und erst kurz vor dessen Marschbefehl ein Treffen mit dem Despoten „aus Termingründen“ abgesagt haben. Immerhin hat der Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft Putins Angriff auf einen souveränen Staat hinterher verurteilt.

Noch Anfang Februar hatte der Vorsitzende des Gremiums, Oliver Hermes, sich über das „Kriegsgeschrei“ in den Medien beklagt, mit dem eine Invasion in die Ukraine herbeigeschrieben werde.

Die deutschen Unternehmen werden nach der von Bundeskanzler Olaf Scholz konstatierten „Zeitenwende“ nicht einfach so weitermachen können wie bisher. John Chipman, Chef des renommierten International Institute for Strategic Studies (IISS), hat Unternehmen empfohlen, sich über ihre „Außenpolitik“ Gedanken zu machen. Dabei geht es nicht nur um die finanziellen Risiken, die mit einem Engagement in autoritären Staaten wie Russland und China verbunden sind.

Vor allem geht es um die Reputation als einen der wichtigsten Unternehmenswerte.

Deutsche Unternehmen stehen vor dem Problem, ob sie ihre Beziehungen zu Russland abbrechen.

Foto: Handelsblatt

Contra Rückzug aus Russland: Wirtschaftsbeziehungen sind eine wichtige Bande

Deutsche Unternehmen sind seit Jahrzehnten in Russland engagiert. Es wäre fahrlässig für sie, sämtliche Verbindungen zu kappen.

von Jürgen Flauger

Was für ein starkes Signal. Unternehmen wie BP und Shell ziehen sich ohne Wenn und Aber aus Russland zurück – und nehmen dabei große Verluste in Kauf. Die Konzerne flankieren damit die politischen Sanktionen, mit denen sie Russlands Präsident Wladimir Putin an seiner empfindlichsten Stelle treffen.

Aber warum machen das denn nicht alle Unternehmen? Kann man überhaupt noch in einem Land Geschäfte machen, das einen Angriffskrieg gegen einen Nachbarstaat führt?

Ja, man kann – und es ist sogar sinnvoll, die Bande auch in diesen Zeiten aufrechtzuerhalten. Putin ist nicht Russland – und es ist nicht auszuschließen, dass der Präsident, der sich mit seinem Angriffskrieg völlig verkalkuliert hat, bald Geschichte sein wird. Der Westen sollte seine Verbindungen nach Russland nicht komplett kappen – das gilt vor allem auch für die Wirtschaftsbeziehungen.

Nicht jedes Russlandengagement grundsätzlich infrage stellen

Das Primat liegt bei der Politik. Deutschland und die EU müssen in diesen Tagen klare Kante zeigen. Viel zu lange hat vor allem die Bundesregierung gezögert, Putin entschlossen entgegenzutreten. Auch die deutsche Wirtschaft sollte eindeutig Position gegen Putins Krieg beziehen. Leider machen das viel zu wenige Manager in diesen Tagen. Das ist zu kritisieren.

Aber gleich die Russlandengagements der Wirtschaft grundsätzlich infrage zu stellen geht zu weit. Deutsche Unternehmen sind seit Jahrzehnten in Russland engagiert. Natürlich weil sie Geld verdienen wollen. Sie haben sich aber auch um unsere Energieversorgung verdient gemacht.

Die Beteiligung an Gasfeldern und Pipelines hat uns in der Vergangenheit Zugang zu russischem Gas gesichert – und solange wir keine Alternativen haben, sollte das auch in Zukunft so sein.

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Deutsche Unternehmen produzieren aber auch vor Ort oder haben Vertriebsniederlassungen, beschäftigen Tausende Mitarbeiter und sind damit Teil der Gesellschaft. Sie haben einerseits die Chance, unsere Werte nach Russland zu tragen.

Andererseits haben sie auch Verantwortung für Tausende Russen, die selbst unter dem System Putin leiden. Es wäre fahrlässig, sämtliche Verbindungen zu kappen.

Entscheidend ist vielmehr, was die Unternehmen aus dieser Verbindung machen, wie selbstbewusst sie vor Ort, aber auch in Deutschland auftreten. Wirtschaftliche Beziehungen nach Russland sind nicht das Problem.

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Sie sind ein Problem, wenn die Unternehmen so abhängig sind, dass Manager und Eigentümer selbst bei einem Angriffskrieg nicht in der Lage sind, klar und offen Kritik zu äußern.

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