Ukraine-Krieg: Wirtschaftskanzleien beenden ihre Russland-Mandate
Die Kanzlei Freshfields beendet ihre jahrelange Geschäftsbeziehung mit dem russischen Energieriesen.
Foto: ReutersKöln. Es ist nicht lange her, da brüsteten sich Wirtschaftskanzleien mit ihren Beziehungen zu russischen Klienten. Mandanten wie Gazprom oder Nord Stream galten als Ausweis besonderer Expertise. Diese Zeiten sind spätestens seit der Invasion Russlands in die Ukraine am vergangenen Donnerstag vorbei. Die internationale Staatengemeinschaft reagierte auf den Angriff mit harten wirtschaftlichen Sanktionen.
Plötzlich sind viele russische Mandanten auch für Anwälte toxisch – und einige Kanzleien haben reagiert und Beziehungen gekappt. So hat die deutsch-britische Kanzlei Freshfields Bruckhaus Deringer nach Informationen des Handelsblatts die Arbeit für Nord Stream 2 eingestellt – trotz einer langjährigen, intensiven Mandantenbeziehung.
Freshfields hatte für Nord Stream 2 unter anderem gegen Regulierungsauflagen gekämpft. Als die Pipeline der EU-Gasmarktregulierung unterworfen werden sollte, argumentierten die Freshfields-Anwälte noch Ende 2020, Nord Stream 2 sei „von essenziellem Interesse der europäischen Industrie und europäischen Gaskunden“. Zwar sei das wirtschaftliche Interesse der Ukraine, auch künftig vom Gastransit zu profitieren, nachvollziehbar. Das könne aber „nicht die Realisierung einer modernen, effizienten Infrastruktur infrage stellen, die den Gastransport verbilligt und sicherer macht“.
Vor wenigen Tagen hat Bundeskanzler Olaf Scholz die Bundesnetzagentur veranlasst, die Genehmigung der umstrittenen Pipeline zu stoppen. Damit ist es höchst unwahrscheinlich geworden, dass jemals russisches Gas durch die Röhre strömen wird. Das elf Milliarden Euro teure Projekt dürfte als eines der größten Investitionsruinen in die Geschichte Europas eingehen.
Freshfields wollte sich zu dem Nord-Stream-2-Mandat mit Blick auf die „strengen Vertraulichkeitsverpflichtungen gegenüber unseren Mandanten“ nicht äußern. Allerdings habe man in einigen Fällen bereits auf den Krieg reagiert – sowohl in Bezug auf laufende Mandate als auch in Bezug auf neue Mandatsanfragen. „Wir kommen im Einklang mit unseren Werten und ungeachtet der geschäftlichen Auswirkungen den gesetzlichen und berufsrechtlichen Verpflichtungen nach“, sagte ein Kanzleisprecher dem Handelsblatt.
>> Lesen Sie dazu: So verändert der Ukrainekrieg die deutsche Energiepolitik
Wie Freshfields berät auch Wettbewerberin Gleiss Lutz im Energierecht und hat Mandate mit Russlandbezug. Einige Gesellschaften der Gazprom-Gruppe setzen auf den Rechtsrat von Gleiss. Außerdem beriet die Kanzlei die schweizerische Nord Stream, ein Joint Venture von Gazprom und der vier europäischen Konzerne Eon, Wintershall Dea, Gasunie und Engie – nicht zu verwechseln mit Nord Stream 2, einer 100-prozentigen Tochter des russischen Staatskonzerns Gazprom.
„Wir nehmen keine neuen russischen Mandanten an“
Gleiss betont, nur ganz wenige weitere russische Unternehmen zu beraten. Die Kanzlei verurteile die Invasion in die Ukraine durch Russland auf das Schärfste. „Daher haben wir sofort beschlossen, keine neuen Mandate für russische Mandanten anzunehmen“, sagte eine Sprecherin. Laufende Fälle würden sorgfältig daraufhin geprüft, ob es rechtlich möglich ist, sie niederzulegen. „Wir erbringen, während wir die Niederlegung der Mandate prüfen, keinerlei Beratungsleistungen für Gazprom oder eine der Tochtergesellschaften“, betonte die Sprecherin.
Man müsse allerdings sicherstellen, dass ein geordneter Ausstieg aus dem Mandat erfolge. „Dabei gibt es standesrechtliche Fragen zu beachten, aber auch andere rechtliche Aspekte. In diesen sehr wenigen Fällen geht es ausschließlich um rein regulatorische Verfahren, die seit Jahren laufen“, sagte die Sprecherin. Gleiss Lutz gehe davon aus, dass wir in wenigen Tagen die Formalitäten zur Niederlegung der Mandate geklärt haben.
Zurückhaltend gab sich Linklaters, die ebenfalls Gazprom zu ihren Mandanten zählt. Zuletzt beriet die Magic Circle-Kanzlei das Energieunternehmen zu Umstrukturierungsfragen. „Wir überprüfen derzeit unsere gesamte russlandbezogene Arbeit“, sagte ein Sprecherin. Zu konkreten Mandanten oder Mandaten könne man allerdings zum aktuellen Zeitpunkt keine Auskunft geben.