Russland: Exodus der russischen Mittelschicht: „Ich dachte, jetzt werde ich sofort in die Armee eingezogen“
Tausende Russen demonstrierten am 24.02.2022 gegen den Einmarsch ihres Landes in die Ukraine und riefen in den sozialen Medien emotional zu Protesten auf.
Foto: dpa„Wovor rennst du weg? Willst du Russland nicht verteidigen, wenn die Nato hier einfällt?“, soll der Mann gerufen haben. Er verhört in einem Flughafen in St. Petersburg den 28-jährigen Programmierer Anton Kowaljow. „Er trug keine Uniform“, erzählt dieser dem Tagesspiegel am Telefon. Es ist Montag, eigentlich will Anton Kowaljow in ein Flugzeug steigen, um Russland zu verlassen.
„Mit dem Krieg wurde mir schnell klar, dass es Zeit ist, zu fliehen.“ Gerüchte gingen in seinem Freundeskreis um, die russische Regierung könnte bald das Kriegsrecht verkünden, junge Männer in die Armee einziehen. Und, dass die Grenzen Russlands ins Ausland bald komplett geschlossen würden. Dass Russland zu einer Diktatur werde. „Ich wollte das alles nicht“, sagt Kowaljow. „Weder in der russischen Armee für einen sinnlosen Krieg kämpfen noch in einem Land leben, dass sich zum Gefängnis einmauert.“
Russen verlassen angesichts des Angriffskrieges in der Ukraine ihr Land. Die Ausreisenden sind nach Angaben aus Gesprächen, die der Tagesspiegel mit vier von ihnen geführt hat, vor allem junge, urbane, gut ausgebildete Mittelschichtler, die Englisch sprechen und Verbindungen ins Ausland pflegen. Es ist eine Gruppe von Menschen, die ihre Nachrichten nicht aus russischer Staatspropaganda zieht, sondern sich über unabhängige Online-Medien informiert. Und ohne große Verluste einen Wohnort gegen einen anderen austauschen kann.