Matthias Bruch: Globus-Chef will die Märkte in Russland gegen alle Widerstände offen halten
Die Familienunternehmer aus dem Saarland wollen ihre Globus-Märkte in Russland offen halten.
Foto: GLobus HoldingDüsseldorf. Für den Händler Thomas Bruch war sein Engagement in Russland immer mehr als nur ein Geschäft. Der Inhaber der Supermarktkette Globus aus dem Saarland wollte durch die wirtschaftlichen Beziehungen auch dazu beitragen, dass dem Land der Weg „vom Kommunismus zu neuen, zu demokratischen Strukturen“ geebnet wird, wie er einmal sagte.
Die von ihm gegründete gemeinnützige Globus-Stiftung unterstützt auch Projekte in Russland wie beispielsweise ein Heim für gefährdete Jugendliche in St. Petersburg. Als seine Ehefrau Graciela, die die Stiftung leitet, dafür 2019 vom Deutsch-Russischen Forum mit dem Dr.-Friedrich-Joseph-Haass-Preis ausgezeichnet wurde, sagte sie: „Meinem Mann und mir ist es ein Herzensanliegen, einen Beitrag zur deutsch-russischen Freundschaft zu leisten.“
Heute leitet ihr Sohn Matthias das Handelsunternehmen – und er steckt in einem tiefen Dilemma. Denn wenn er sich den internationalen Sanktionen gegen Russland anschließt und die 19 Globus-Märkte dort schließt, verzichtet er nicht nur auf ein Milliardengeschäft. Er gefährdet auch das Herzensanliegen seiner Eltern.
„Den Krieg in der Ukraine verurteilen wir, und die Entwicklungen der letzten Wochen haben uns sehr erschüttert“, sagt Matthias Bruch dem Handelsblatt. „Wir verfolgen sie mit Fassungslosigkeit und großer Besorgnis.“ In vielfältiger Weise unterstützt das Unternehmen die Betroffenen deshalb mit Geld und Sachspenden.
Doch auch auf Globus wird der Druck immer größer, noch einen Schritt weiterzugehen und das Geschäft in Russland grundsätzlich infrage zu stellen. Der deutsche Handelskonzern Obi hat diese Woche seine 27 Läden in dem Land geschlossen. Es gebe für die Obi Gruppe keine andere Möglichkeit, als die Geschäftstätigkeit in Russland einzustellen, teilte sie mit.
Globus ist jetzt – neben dem Großhändler Metro – der letzte deutsche Einzelhändler in dem Land, das die Ukraine mit einem Angriffskrieg überzieht. Auch viele internationale Händler, wie beispielsweise Ikea, Inditex, Hermes oder H&M, haben ihre Läden dort mittlerweile geschlossen.
Globus fühlt sich für seine 10.000 Mitarbeiter verantwortlich
Doch Matthias Bruch tut sich schwer – und das nicht nur, weil das Unternehmen in Russland mehr als eine Milliarde Euro im Jahr umsetzt. „Wir beschäftigen dort heute knapp 10.000 Menschen, manche davon bereits seit unserem Markteintritt 2005“, betont er. „Wir fühlen uns diesen Menschen eng verbunden und tragen ihnen und auch unseren Kunden gegenüber trotz der politischen Entwicklungen Verantwortung.“
Als Lebensmittelhändler sei Globus für die Grundversorgung der Menschen verantwortlich und wolle deren Zugang zu Lebensmitteln weiter sicherstellen, erklärt er. „Zudem sind wir der Ansicht: Dieser Krieg ist nicht im Sinne der Bevölkerung“, sagt er. Den Wunsch nach Frieden nehme er nicht nur in Deutschland wahr. „Er ist auch in Russland, bei unseren Kunden und auch bei unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, sehr ausgeprägt.“
Fast wortgleich argumentiert bisher die Metro, die ebenfalls ihre 93 Märkte in Russland noch offen hält. Das Unternehmen trage auch eine Verantwortung für die russischen Kollegen, schrieb der Metro-Vorstand Ende vergangener Woche in einem Brief an die gesamte Belegschaft. „Keiner von ihnen ist persönlich für den Krieg in der Ukraine verantwortlich“, heißt es dort weiter.
„Kleine Händler und Restaurants – die Mehrheit unserer Kunden – sind auf uns als Großhändler angewiesen“, schreibt der Metro-Vorstand. Die Einstellung des Geschäftsbetriebs von Metro Russia würde erhebliche Auswirkungen nicht nur auf die Arbeitsplätze von 10.000 Menschen, sondern auch auf das Geschäft von 2,5 Millionen kleinen und mittleren Selbstständigen haben.
Doch zugleich wird die Geschäftstätigkeit in Russland unter den Sanktionsbedingungen immer schwieriger. „Es gilt jetzt, die eigene Geschäftstätigkeit in Russland umfassend zu überprüfen und an den konkreten Problempunkten anzusetzen – ohne Überreaktion“, rät Andreas Knaul, Niederlassungsleiter des Rechts- und Steuerberatungsunternehmens Rödl & Partner. Unternehmen stünden jetzt vor großen Herausforderungen.
Westlichen Firmen droht im schlimmsten Fall die Enteignung
Knaul nennt dabei unsichere Lieferketten, die Beachtung von ständig erweiterten Sanktionslisten, Embargos, Logistikprobleme, eine sich rapide ändernde gesetzliche Lage und auch allgemein veränderte Regeln zu Geschäften auf dem russischen Markt. „Was angepasst werden muss, hängt von der Art des Unternehmens ab“, betont der Experte.
Auch müssten Unternehmen mit Sanktionen durch die russischen Behörden rechnen. So könne der Marktaustritt dadurch erschwert werden, dass ausländischen Investoren untersagt wird, sich von ihren Unternehmensbeteiligungen zu trennen. Außerdem stünden ausländische Unternehmen im äußersten Fall vor der Gefahr, in Russland enteignet zu werden.
Für Globus ist das aktuell aber kein Thema. Das Unternehmen hatte immer betont, dass der Betrieb vor Ort organisatorisch und finanziell schon seit Langem unabhängig von der Holding in Deutschland aufgestellt ist, sodass auch bei einer Verschlechterung der politischen Beziehungen der Geschäftsbetrieb sicher fortgesetzt werden könne. „Wir beziehen einen Großteil der Waren aus dem Land, sodass die Versorgung weiter möglich ist“, sagt Matthias Bruch.
Doch nach fast zwei Wochen Krieg und einer deutlichen Verschärfung der Sanktionen wird auch für Globus die Situation langsam schwieriger. „Erste Beschaffungsprobleme verzeichnen wir allerdings beispielsweise bei alkoholischen Getränken aus dem europäischen Ausland und im Bereich Elektro“, räumt Bruch ein.
Gleichzeitig bemerke der Händler insgesamt einen deutlich steigenden Abverkauf im Bereich Nahrungsmittel und bei Elektrowaren. „Der Währungsverlust wird im Land zudem bereits spürbar und der Ausschluss der russischen Banken aus Swift trifft auch die Bevölkerung“, berichtet der Globus-Chef.
Deshalb stellt sich auch für das saarländische Familienunternehmen jeden Tag neu die Frage, wie lange es die Entscheidung, in Russland zu bleiben, durchhalten kann. „Auch für uns überschlagen sich derzeit die Ereignisse, sodass wir die Entwicklungen sehr genau beobachten, täglich neue Entscheidungen treffen müssen und weiter inständig auf eine Friedenslösung hoffen“, sagt Bruch. Denn es könnte sein, dass auch das „Herzensanliegen“ seiner Eltern irgendwann nicht mehr tabu ist.