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Corona-PandemieVon Lockdown zu Lockdown – Wie Chinas Covid-Strategie das Land zermürbt

Die Volksrepublik hangelt sich von einer Ausgangssperre zur nächsten. Viele Bewohner der Großstädte sind verzweifelt. Am Wochenende kam es zu einer ungewöhnlichen Protestaktion in Schanghai.Dana Heide 24.04.2022 - 13:03 Uhr aktualisiert Artikel anhören

Wer positiv getestet ist, wird in der Regel in provisorische Quarantäne-Klinken eingewiesen. Hier herrscht Enge und es fehlt jede Privatsphäre.

Foto: dpa

Peking. Thomas Berger* ist in China über Nacht zur Internetberühmtheit geworden. Alles, was es dazu brauchte, war die Aufzeichnung eines Dialogs. Es handelt sich um ein Gespräch, das er mit einer Mitarbeiterin des chinesischen Gesundheitsamtes (CDC) führte.

In der Aufnahme wehrt sich der Deutsche gegen die willkürliche und chaotische Behandlung, die ihm durch die chinesischen Behörden in Schanghai widerfahren ist.

Berger hat mit seinem kleinen Protest einen Nerv getroffen. Die Tonspur wurde innerhalb von wenigen Stunden millionenfach geteilt und für seinen Widerstand bekam er viel Zuspruch von chinesischen Internetnutzern. „Dieser Deutsche sprach allen in Schanghai aus dem Herzen“, lautet ein Kommentar unter der Audiodatei.

Die 25 Millionen Bewohner der Wirtschaftsmetropole befinden sich seit mittlerweile mehr als drei Wochen unter einer strengen Ausgangssperre. Die Staatsführung hatte den Lockdown im Namen der Null-Covid-Strategie ausgerufen.

So ist Schanghai, die ehemals stolze Vorzeigestadt Chinas, in wenigen Wochen im Chaos versunken. Sie ist zum Sinnbild geworden für überforderte Behörden. Und sie ist zum Exempel dafür geworden, was passiert, wenn eine Staatsmacht rücksichtslos und chaotisch eine Null-Covid-Strategie durchsetzt. Während der Rest der Welt sich nach zwei Jahren mehr oder weniger harter Restriktionen wieder öffnet, machen in China täglich neue Schreckensmeldungen die Runde.

Am Wochenende kam es zu einer ungewöhnlichen Protestaktion. Internetnutzer luden am Freitag unter dem Titel „Der Sound des Aprils“ ein Schwarz-Weiß-Video in chinesischen sozialen Netzwerken hoch, das in chronologischer Zeitfolge Audioaufnahmen von betroffenen Bewohnern Schanghais abspielt.

Anwohner klagen darin über zu wenig Essen infolge des chaotischen Lockdowns, über die verwehrte medizinischer Betreuung und die miserablen Bedingungen in den zentralen Quarantäneeinrichtungen. Die Zensoren löschten das Video, aber Internetnutzer teilten es immer wieder. In der Nacht zu Samstag waren die sozialen Netzwerke voll davon.

In den vergangenen Tagen waren immer wieder schockierende Fälle bekannt geworden. So wurden etwa gebrechliche Frauen und Männer jenseits der 90 Jahre gegen ihren Willen in zentrale Quarantäneeinrichtungen gebracht.

Videos von Haustieren, die im Namen der Corona-Prävention brutal erschlagen werden und Aufnahmen von vereinzelten Zusammenstößen zwischen Mitarbeitern der Gesundheitsdienste, die in China im Volksmund nur noch „dabai“, „Große Weiße“, genannt werden, machten die Runde.

Trotz der drastischen Maßnahmen meldete die chinesische Gesundheitsbehörde in Schanghai am Sonntag 21.058 neue Infektionen, die Zahl der Covid-Sterbefälle stieg so stark wie noch nie auf 39 Menschen.

Am Freitag hatten die Shanghaier Behörden angekündigt, die Maßnahmen noch weiter zu verschärfen, um die Weiterverbreitung des Virus zu stoppen. Über das Wochenende errichteten sie dann weitere Straßensperren, um Wohnanlagen wurden meterhohe Zäune und Blechmauern gezogen.

Die Abriegelung der Stadt und darüber hinaus hat nicht nur desolate Auswirkungen für die Bewohner der Metropole, sondern auch drastische Folgen für die Wirtschaft. So hat sich am weltgrößten Hafen in Schanghai ein großer Containerstau gebildet. Die deutsche Industrie warnt bereits vor gestörten Produktionsabläufen in den kommenden Wochen.

Die Menschen dürfen ihre Wohnungen in Lockdown-Phasen nicht verlassen – in der Regel auch nicht zum Einkaufen. Und die Lebensmittel-Lieferdienste können die Flut an Aufträgen nicht mehr bewältigen.

Foto: IMAGO/Xinhua

Thomas Berger, dessen Protestgespräch im Internet so viral gegangen war, lebt seit mehr als zwei Jahren in Schanghai. Ursprünglich wollte er nur einen Monat in der Stadt verbringen, ihm gefiel es dann aber so gut, dass er länger blieb. Die jetzige Situation schockiert ihn. „Man kommt nicht weg, man fühlt sich gefangen“, sagt er im Gespräch mit dem Handelsblatt.

Man kommt nicht weg, man fühlt sich gefangen.
Thomas Berger, deutscher Expat in Schanghai

Auch im Rest des Landes ist die Situation schwierig. Experten schätzen, dass in den vergangenen Wochen zeitweise zwischen 70 und 90 Städte komplett oder teilweise abgeriegelt waren und die Einwohner ihre Wohnung nicht verlassen durften.

Mitte April etwa meldete die 13-Millionen-Stadt Xi’an in Zentralchina einen neuen Lockdown. Bereits im Dezember waren die Bewohner im Namen der Covidprävention tagelang unter Hausarrest gestellt worden.

Die rund 3,4 Millionen Einwohner der nordöstlichen Stadt Changchun stehen inzwischen seit sechs Wochen unter Ausgangssperre. Auch in Shenyang, wo der deutsche Autobauer BMW ein großes Werk hat, durften die Bewohner vom 24. März bis 13. April ihre Wohnungen oder Wohnanlagen nicht verlassen.

Dort läuft der Lockdown aber offensichtlich nicht so chaotisch ab wie in Schanghai. So berichten Betroffene in Shenyang, dass es kaum Probleme bei der Versorgung mit Essen gab. Lieferdienste arbeiteten normal weiter und pro Familie dürfe einmal am Tag eine Person zum Einkaufen die Wohnung verlassen. Auch im Umgang mit den Unternehmen vor Ort zeigten sich die Behörden professioneller.

Der mittelständische Automobilzulieferer Arnold Fasteners etwa konnte in seinem Werk in Shenyang zwischen dem 23. und 30. März noch im System „one line, two points“ arbeiten. Das heißt: Obwohl die Mitarbeiter eigentlich ihre Wohnung nicht verlassen sollten, durften sie mit einer Sondergenehmigung von der Arbeit zur Wohnung und zurück fahren.

Vom 1. bis 14. April ging es dann in den „closed loop“, im Klartext: Rund 110 Mitarbeiter haben zur Aufrechterhaltung der Produktion in der Firma übernachtet und wurden dort dreimal am Tag mit Mahlzeiten in der Kantine versorgt, dazu mit Snacks und Getränken.

Die Firma hatte in weiser Voraussicht schon vorher Luftbetten und Schlafsäcke gekauft. So lief die Produktion weiter, wenn auch mit einer reduzierten Auslastung von 40 bis 50 Prozent.

Vorbereitung auf die nächsten Einschränkungen

Seit ein paar Tagen wird in dem Werk wieder normal produziert, die Luftbetten hat Geschäftsführer Reiner Haberstock aber vorsichtshalber noch im Werk gelassen. „Ich rechne nicht damit, dass es zu weiteren umfassenden Lockdowns in Shenyang kommen wird“, sagt er im Gespräch mit dem Handelsblatt, aber möglicherweise werde wieder die „one line, two points“-Methode angewendet.

Auch BMW hat einem Medienbericht zufolge seine Produktion in Shenyang nach drei Wochen Coronastillstand vergangene Woche wieder aufgenommen. Auf Nachfrage des Handelsblatts, ob das Unternehmen dies bestätigen kann und wie es sich auf weitere Lockdowns vorbereitet, antwortete BMW zunächst nicht.

Bei Volkswagen läuft die Produktion in den Werken in Changchun trotz des Lockdowns schrittweise wieder an, wie das Unternehmen auf Nachfrage mitteilte. Aktuell haben demnach mehrere Tausend Mitarbeiter ihre Arbeit wieder aufgenommen.

Beim ebenfalls von einem vorübergehenden Produktionsstopp betroffenen Werk in Schanghai werde derzeit eine Wiederaufnahme des Betriebs geprüft und entsprechende Vorbereitungen getroffen.

Im Hafen der Stadt stauen sich durch den Corona-Lockdown die Container.

Foto: dpa

VW bereitet sich auch auf künftige Schwierigkeiten in der Lieferkette vor. Als Gegenmaßnahme würden die Joint Ventures und Lieferanten ihre Lagerbestände aufstocken, hieß es von VW.

Mercedes teilte auf Nachfrage mit, dass in keinem der chinesischen Werke das sogenannte „closed loop“-Arbeitsmodell praktiziert wird. Das Unternehmen sei aber in der Lage, das Produktionsprogramm in den Werken in Peking anzupassen.

Auch wenn die Produktionen vielerorts wieder anlaufen – die Folgen der Lockdowns für die deutsche Wirtschaft könnten noch lange nachwirken. Auch dann noch, wenn die Abriegelung Schanghais beendet ist, befürchten Unternehmensvertreter.

„Die Wirtschaft wird extrem leiden“, sagt ein Wirtschaftsvertreter aus Schanghai im Gespräch mit dem Handelsblatt. „Wir werden uns von Lockdown zu Lockdown weiterbewegen“, meint er. Es werde angesichts der angespannten Situation auch immer schwieriger, überhaupt noch Mitarbeiter zu finden, die nach China wollen. Das gelte insbesondere für mittelständische Unternehmen. Der Konsum leide ebenfalls.

Andere sind optimistischer. „Die Unsicherheit hat bereits seit Anfang 2020 zugenommen“, sagt Manager Haberstock. „Wir haben hier immer wieder Probleme bei der Materialbeschaffung, der Mitarbeiterverfügbarkeit und der Logistik.“

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Er glaubt, dass der Wirtschaftsstandort China deshalb jedoch nicht an Attraktivität verloren hat. Dafür sei „der Markt einfach zu groß“. Es dauere vielleicht ein halbes Jahr, „dann hat sich alles wieder eingerenkt“.

*Name geändert, richtiger Name der Redaktion bekannt

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