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SpezialchemiekonzernClariant tauscht nach Fehlbuchungen Finanzchef aus – Bilanzmanipulation bleibt rätselhaft

Die Aufarbeitung der Bilanzmanipulation überrascht: Die tatsächlichen Finanzzahlen sind besser als die gefälschten. Beteiligte Mitarbeiter wurden suspendiert.Jakob Blume 27.04.2022 - 13:47 Uhr aktualisiert Artikel anhören

Das Logo des schweizer Spezialchemiekonzerns am Firmensitz in Pratteln.

Foto: Arnd Wiegmann

Zürich. Nach einer von internen Whistleblowern aufgedeckten Bilanzmanipulation muss der Finanzchef des Schweizer Spezialchemiekonzerns Clariant gehen. Stephan Lynen trete zum 1. Juli zurück, teilte das Unternehmen aus Muttenz bei Basel am Mittwoch mit. Zum neuen CFO sei der Engie-Manager Bill Collins ernannt worden. Nach dem Abschluss einer Untersuchung korrigierte Clariant den Betriebsgewinn (Ebitda) für das Jahr 2020 nach oben: Nach vorläufigen Zahlen belief er sich auf 597 Millionen Franken (582 Millionen Euro) statt der ursprünglich genannten 578 Millionen. Umsatz und liquide Mittel seien nicht betroffen.

„Wir wissen es zu schätzen, dass unsere Mitarbeiter uns auf diese Angelegenheit aufmerksam gemacht haben, und ich bin froh, dass wir die Untersuchung nun abgeschlossen haben und diese Angelegenheit hinter uns lassen können“, erklärte Konzernchef Conrad Keijzer. „Nach einer gründlichen Untersuchung haben wir die Ergebnisse genau geprüft und sind entschlossen, unsere Kontrollen und Prozesse weiter zu stärken.“ Keijzer hatte Anfang 2021 den langjährigen Clariant-Chef Hariolf Kottmann abgelöst.

Die Untersuchung wurde eingeleitet, nachdem sich Mitarbeitende im September vergangenen Jahres gemeldet hatten. Den Hinweisen zufolge sollen Falschbuchungen vorgenommen worden sein, um die Ergebnisse des Unternehmens so zu steuern, dass die internen und externen Finanzziele erreicht würden. Auffällig ist, dass die manipulierten Zahlen schwächer ausfielen als die korrigierten und von Wirtschaftsprüfern testierten Jahreszahlen. Intern erklärt man sich das damit, dass eine kleine Gruppe von Mitarbeitern versucht habe, Analystenschätzungen sowie interne Ziele möglichst exakt zu erfüllen.

Möglicherweise nahmen sie dabei auch schlechtere Finanzkennzahlen in Kauf, um sich in den Folgequartalen etwas Spielraum zu verschaffen. Die Prüfung förderte nun zutage, dass Rückstellungen und Abgrenzungen rund um den Bilanzstichtag entsprechend manipuliert wurden. Das Verhalten gilt intern als Ausdruck einer extrem auf Finanzkennziffern fokussierten Unternehmenskultur unter Keijzers Vorgänger Hariolf Kottmann, der offenbar keinerlei Abweichungen von den ausgegebenen Zielen duldete.

Motivation für Manipulationen bleibt „ein Stück weit im Nebel“

Trotz der monatelangen Aufarbeitung hatte das aktuelle Top-Management sichtbar Mühe zu erklären, wie es zu der Bilanzmanipulation kommen konnte. Peter Steiner, der im Verwaltungsrat dem Komitee für Rechnungslegung vorsteht, sagte, die Motivation der verantwortlichen Mitarbeiter bleibe „ein Stück weit im Nebel“. CEO Keijzer betonte, die Mitarbeiter hätten keinerlei finanzielle Vorteile durch die Manipulation gehabt. Involviert gewesen sei eine einstellige Zahl an Mitarbeitern, die inzwischen suspendiert wurden.

Oberste Priorität hat für Keijzer, das Vertrauen der Investoren in die Rechnungslegung wiederzugewinnen. Der Aktienkurs von Clariant stieg am Mittwoch zwischenzeitlich um über elf Prozent. Doch damit handelt der Anteilsschein mit 16,90 Franken immer noch rund 15 Prozent unterhalb des Kurses vor Bekanntwerden der Manipulationsvorwürfe.

Für das Jahr 2021 meldete Clariant ein Umsatzwachstum von 13 Prozent auf 4,37 Milliarden Franken und einen Anstieg des Ebitda um 19 Prozent auf 708 Millionen, das entspricht einer Gewinnmarge von 16,2 Prozent. Die Zahlen sind vorläufig. Der geprüfte Jahresabschluss soll bis spätestens 30. Mai veröffentlicht werden. Die ursprünglich für Februar geplante Bilanzbekanntgabe musste verschoben werden, nachdem der Buchprüfer PwC wegen der laufenden Untersuchung nicht in der Lage war, den Abschluss abzusegnen.

Für das erste Quartal 2022 stellte Clariant dank einer starken weltweiten Nachfrage nach seinen Produkten mit höheren Absatzmengen und Preisen ein starkes Umsatzwachstum in Aussicht. Das Quartalsergebnis soll bis spätestens 30. Juni vorliegen. Auch die Generalversammlung soll bis dahin stattfinden. Zum Ausblick für das laufende Jahr wollte sich der Konzern nicht äußern, bekräftigte aber seine Mittelfristziele. Bis 2025 werden vier bis sechs Prozent Umsatzwachstum und 19 bis 21 Prozent Ebitda-Marge angepeilt.

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An der Börse atmeten die Anleger auf. Mit einem Kursplus von knapp zehn Prozent führte Clariant die europäischen Chemiewerte an. „Der Betrugsfall hat das Unternehmen zurückgeworfen“, erklärte Vontobel-Analystin Sibylle Bischofberger. „Es wird nun Zeit brauchen, um Maßnahmen zur Verbesserung der Prozesse umzusetzen.“

Mit Material von Reuters

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