Immobilien: Nervöse Investoren, panische Kommunen, dubiose Zahlungen: Tage der Entscheidung bei der Adler Group
Auf den Berliner Baustellen des Konzerns geht es kaum voran, deshalb soll die Adler-Gruppe „empfindliche“ Vertragstrafen zahlen.
Foto: imago images/Dirk SattlerDüsseldorf, Berlin. Die Anleger der Adler Group haben eigentlich auf eine Woche des Aufbruchs gehofft. Tatsächlich wurden es Tage des Einbruchs. Die Aktie des im SDax notierten Immobilienkonzerns stürzte seit Montag um 37 Prozent ab, zwischenzeitlich auf ein neues Allzeittief von 7,20 Euro. Ein solcher Absturz ist an der Börse äußerst selten. Noch im Juni 2021 lag der Kurs bei mehr als 26 Euro.
Die Investoren sind sehr nervös: An diesem Samstag veröffentlicht Adler den Jahresabschluss für 2021. Es drohen Abschreibungen von Hunderten Millionen Euro. Beobachter sind gespannt, ob Adler ein uneingeschränktes Testat erhalten wird. Dabei soll mit KPMG ausgerechnet jene Wirtschaftsprüfergesellschaft das Testat erteilen, die auch die Betrugsvorwürfe eines Shortsellers untersucht hat.
Erst in der vergangenen Woche legte KPMG das Ergebnis dieser Sonderprüfung vor. Adler interpretierte die Veröffentlichung des KPMG-Berichts als eine Art Befreiungsschlag. Die Prüfer hätten keine Beweise für systematischen Betrug und nur Schwächen in der Corporate Governance gefunden, teilte Adler mit. „Betrug und Täuschung gab es nicht“, sagte Verwaltungsratschef Stefan Kirsten. Die schweren Vorwürfe des britischen Leerverkäufers Viceroy seien nicht haltbar.
Kurz keimte bei Aktionären Hoffnung auf. Fast 15 Prozent schoss die Aktie am Freitag vergangener Woche nach oben auf 13,50 Euro. Dass das Papier inzwischen weit unter acht Euro notiert, dürfte auch daran liegen, dass mancher Investor sich dann mit den Details des 126 Seiten langen KPMG-Berichts befasste.
Zwar entlastet KPMG Adler von den schweren Vorwürfen, am Mietportfolio oder den Verschuldungsquoten manipuliert zu haben. Doch zu rund einem Dutzend Vorwürfen notierten die Prüfer nüchtern, dass diese „weder verifiziert noch widerlegt“ werden konnten. Achtmal konnten die Prüfer Vorwürfe nicht widerlegen. Vor allem bei Transaktionen mit „nahestehenden Personen“ tappten sie offenbar oft im Dunkeln.
KPMG fühlte sich von Adler ausgebremst
Zudem mussten die KPMG-Prüfer mit Schwierigkeiten umgehen, die eine vollumfängliche Aufklärung geradezu ausschließen. So hatte KPMG rund 1,3 Millionen E-Mails, MS-Office-Dokumente und Dateien einsehen wollen. 813.000 davon stellte Adler nicht zur Verfügung und verwies auf Datenschutz-Privilegien im anwaltlichen Schriftverkehr. KPMG betont im Bericht deshalb mehrfach, dass „ein wesentlicher Teil der E-Mail-Dokumente“ nicht zur Verfügung stand.
Investoren dürfte bitter aufstoßen, dass sich KPMG von Adler ausgebremst fühlte. Anfang Februar erhielt Adler-Co-CEO Maximilian Rienecker Post der Wirtschaftsprüfer. Sie informierten ihn über erhebliche Verzögerungen, „die durch verspätete Vorlagen von KPMG angeforderter Unterlagen durch die Adler Group S.A. eingetreten sind“. Bei 421.000 Dokumenten von drei priorisierten Personen konnte nicht einmal die Prüfung der Datenschutz-Privilegien pünktlich abgeschlossen werden.
Adler hatte KPMG am 15. November mandatiert, Betrugsvorwürfe des Shortsellers Fraser Perring und dessen Analysehaus Viceroy Research zu untersuchen. Die Tochter Consus Real Estate beauftragte die Prüfer Anfang Dezember.
Der Konzern hatte Zeitdruck. Die Sonderuntersuchung sollte noch vor dem Jahresabschluss beendet sein. Dieser wiederum muss spätestens bis Ende April erfolgen, was mit Bedingungen in den Unternehmensanleihen zusammenhängt. Den Termin hat Adler gehalten, doch erhöht sich nun der Druck an anderen Stellen.
Die Schutzgemeinschaft der Kleinanleger (SdK) prüft, ob Aktionäre und Anleiheinhaber, die vor dem Bekanntwerden der Vorwürfe im Oktober 2021 investiert waren, Schadensersatz von Adler-Verantwortlichen oder Dritten fordern können.
Aus Sicht der SdK werfe das Gutachten mehr Fragen auf als beantwortet werden. „Insbesondere das Vorenthalten von knapp einer Million Mails mit aus unserer Sicht zweifelhaften Begründungen verstärkt die bestehenden Unsicherheiten“, teilte SdK mit. Eine andere Überlegung sei, dass Aktionäre auf der nächsten Hauptversammlung erneut eine Sonderprüfung beantragen.
Der Verwaltungsratsvorsitzende will die Unternehmensführung verbessern.
Foto: ThyssenKruppAlarmiert zeigen sich auch Städte, in denen die Adler-Gruppe Großbaustellen betreibt, die zuletzt durch langsamen Baufortschritt auffielen. Der KPMG-Bericht legt eine Art Kontrollverlust nahe. Die Rede ist von einem Baustopp „für die überwiegende Anzahl“ der Projekte zum 30. Juni 2021, von einer „nicht prüffähigen Dokumentation der Ist-Kosten“ und dem Fehlen von „detaillierten Planungen der Bau- und Baunebenkosten“.
Das Fazit von KPMG erklärt die Panik in den Kommunen: „Der Vorwurf, dass Adler nicht über die finanziellen Mittel verfügt, die Projektentwicklungen umzusetzen, kann auf Basis der uns in der Sonderuntersuchung zur Verfügung stehenden Unterlagen nicht widerlegt werden.“ Verwaltungsrat Kirsten sagte vor einer Woche, dass er deswegen nicht besorgt sei.
Das Bezirksamt Hamburg-Altona hat schon reagiert und fordert die Adler Group für das geplante Holsten-Quartier öffentlich auf, „eine aktuelle Finanzierungszusage der Bank über das gesamte Bauvorhaben einzureichen – unter Berücksichtigung der Marktlage und eines realistischen Realisierungsbeitrags“.
Vertragsstrafe in der Hauptstadt
Konsequenzen gibt es auch in der Hauptstadt. Die Berliner Immobilienmanagement GmbH (BIM) hat Sanktionen erlassen, weil die großen Bauvorhaben Alexander-Tower und Steglitzer Kreisel kaum vorankommen. Kaufverträge der BIM enthalten Meilensteine und Auflagen zur Bauentwicklung, die offenbar verletzt werden.
„Wir haben empfindliche Vertragsstrafen gegen die Adler Group geltend gemacht“ , sagte BIM-Geschäftsführerin Birgit Möhring. Zur genauen Höhe macht die BIM wegen der vertraulichen Verträge keine Angaben. Nur so viel sagt Möhring: „Wir haben alles ausgereizt, was möglich ist.“
Der Wohnturm Steglitzer Kreisel ist eine Consus-Baustelle. Die 330 Eigentumswohnungen sollten im Dezember 2022 fertig werden, inzwischen ist von 2024 die Rede. Käufer sind frustriert. Es gibt erste Klagen. Ein Consus-Insider sagte dem Handelsblatt auf die Frage, wann der Turm fertig werde: „Nie.“
KPMG bewertet unterdessen den Marktwert des Steglitzer Kreisels bis zu einem Viertel niedriger, als Adler das Objekt zuletzt in den Büchern hatte. Das gesamte Adler-Entwicklungsportfolio könnte demnach rund 16 Prozent weniger wert sein, als es der Konzern bislang ansetzt. Hochgerechnet beliefe sich das Delta auf bis zu 700 Millionen Euro, wie Verwaltungsratschef Kirsten eingeräumt hat.
Adler reagierte in dieser Woche nicht auf wiederholte Anfragen des Handelsblatts zum KPMG-Bericht. So gab es auch zur Rolle und der Tätigkeit des umtriebigen Beraters Cevdet Caner keine neuen Informationen.
Viceroy hatte Caner vorgeworfen, aus dem Hintergrund den Konzern zu steuern, was Caner und Adler bestreiten. Der KPMG-Bericht nährt aber zumindest Zweifel daran, dass Caner – obgleich ohne offizielle Funktion im Konzern – nicht doch als Entscheidungsträger fungierte.
Der schillernde Berater pflegte eine auffällige Nähe zu den Adler-Verantwortlichen.
Foto: HandelsblattSelbst im limitierten Mail-Fundus fanden sich zahlreiche Dokumente, die erheblichen Einfluss von Caner auf Strategiemeetings und Pläne, Personalentscheidungen und Transaktionen nahelegen. KPMG stieß auch auf Mails, denen zufolge Caner Adler-Vorstände auf seine Jacht einlud – wahlweise zu strategischen Besprechungen oder zur Geburtstagsfeier.
Der Österreicher beherrscht auch einen robusteren Ton. Im April 2018 fuhr Caner zwei Vorstände der Consus an: „Können wir uns einmal auf Zeitpläne einigen und sie ausführen?! [...] Ich habe es satt, wie die Dinge in diesem Unternehmen laufen.“
Toleranter zeigte sich Caner, wenn es um die Abwicklung der Honorarzahlungen für seine Dienste ging. So ließ er sich seine Beratung für den umstrittenen Einstieg von Adler bei der Ado-Group laut KPMG mit 10,6 Millionen Euro gleich in zehn Tranchen an unterschiedlichste Empfänger auszahlen. Rund 1,4 Millionen Euro flossen direkt an seine Frau. Buchungstext: „Beratungshonorar Erwerb Ado“.
Adler war offenbar egal, wer das Geld entgegennahm. Laut KPMG führte der Konzern zu den Zahlungsempfängern keine Know-your-Customer-Prüfung durch.
Caners Anwalt äußerte sich auf Anfrage nicht zu den Überweisungen an die Ehefrau. Er verwies darauf, dass KPMG die freie Definition einer „nahestehenden Person“ von Shortseller Viceroy in seiner Untersuchung übernommen habe und Caner deshalb eine solche im rechtlichen Sinn gar nicht sei.
KPMG monierte auch, dass zwar Zahlungen an Caner freigegeben wurden, dessen erbrachte Leistungen aus den Beratungsverträgen sich aber nicht anhand von Leistungsnachweisen nachvollziehen ließen. Dokumentationen dazu habe Adler nicht übergeben. Infolge des KPMG-Berichts stellt sich auch deshalb die Frage, ob das Unternehmen womöglich Schadensersatzansprüche gegen Vorstände prüfen muss.
Caners Jurist wehrte ab, indem er sich auf Verwaltungsratschef Kirsten berief. Dieser hatte im Zuge seiner Präsentation der KPMG-Ergebnisse festgestellt, dass Caners Vergütungen der Bedeutung der Transaktionen entsprochen hätten. Ein „Stundenzettel“ als Nachweis der Leistungen entspreche nicht der Usance in der Branche. Ein Beratungsvertrag gelte als erfüllt, wenn die dazugehörige Transaktion stattgefunden habe.
Lesen Sie mehr zum Immobilienkonzern Adler Group:
- Sonderuntersuchung bei Adler: Schwächen in der Unternehmensführung, aber Konzern sieht sich entlastet von Betrugsvorwürfen
- Nach Betrugsvorwürfen: Bafin prüft Bilanzen der Adler-Gruppe
- Unternehmer Caner weist Vorwürfe zur Adler-Gruppe zurück: „Der Report ist eine intellektuelle Beleidigung“
- Wirecard-Jäger erhebt schwere Vorwürfe gegen Immobilienkonzern Adler
Kirsten hat unterdessen mit Blick auf die Vorgänge um Caner klargemacht, dass er die „hemdsärmligen“ Geschäftsmethoden für nicht angemessen hält in einem börsennotierten Konzern. Der Manager war früher Finanzchef bei Vonovia. Viele Investoren verbinden mit ihm die Hoffnung, dass er bei Adler durchgreift. Kirsten kündigte an, die Corporate Governance zu schärfen.
Doch auch auf ihn wächst der Druck zurzeit täglich. In der Branche rechnen viele mit dem breiten Austausch von Führungspersonal. Sorgen müssen sich wohl vor allem jene Manager, die enge Beziehungen zu Caner unterhielten. Egal, wie die Zahlen am Samstag ausfallen, bei Adler dürfte in den kommenden Wochen an der Führungsspitze und den Governance-Strukturen kaum ein Stein auf dem anderen bleiben.