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Morning Briefing Plus – Die WocheSollen Deutschlands Atomkraftwerke länger laufen? Der Wochenrückblick der Vize-Chefredakteurin

Der Bundeskanzler sprach vor einiger Zeit von einer „Zeitenwende“. Jetzt hat Wirtschaftsminister Habeck die Gas-Alarmstufe ausgerufen, Kohlekraftwerke sollen länger laufen, AKWs womöglich ebenfalls.Kirsten Ludowig 25.06.2022 - 08:47 Uhr Artikel anhören

Guten Morgen allerseits,

Die von Olaf Scholz ausgerufene „Zeitenwende“ ist auch Monate nach seiner Rede noch in aller Munde – und langsam, aber sicher wird klar: Der Aufbruch in eine neue politische Ära bedeutet an vielen Stellen quälende Schritte zurück in die Vergangenheit.

Beobachten kann man das gerade gut an Robert Habeck und seinen Bemühungen, die Energieversorgung in Deutschland zu sichern. Als Wirtschaftsminister, der nicht mehr ausschließen mag und kann, dass Russland den Gashahn komplett zudreht, zeigt sich Habeck maximal (zeiten-)wendig – und verlangt dem Land und seiner Partei dabei viel ab. Jetzt will er sogar Kohlekraftwerke aus der Reserve holen und hat die Gas-Alarmstufe ausgerufen.

Als Grünen-Politiker und Klimaschutzminister schmerze ihn das, doch es helfe nichts, sagte Habeck. Für die FDP ist die Schmerzgrenze aber noch nicht erreicht. Parteichef Christian Lindner und seine Liberalen wollen auch die drei noch verbliebenen Atomkraftwerke in Deutschland länger laufen lassen. Geht nicht, sagen Grüne und SPD. Geht doch, sagt die FDP – und weiß die CDU und führende Ökonominnen und Ökonomen an ihrer Seite.

Auch wir haben in unseren Redaktionskonferenzen hitzig diskutiert. Das Ergebnis: zwei Kommentare – Pro & Contra. So meint mein Kollege Christian Rickens, dass es fahrlässig wäre, bis zum Winter nicht zumindest die Option für die Laufzeitverlängerung zu schaffen. Meine Kollegin Kathrin Witsch dagegen findet, „die Politik führt eine Scheindebatte“. Neben Meinungen lassen wir Fakten sprechen und die zeigen: Eine Verlängerung der AKW-Laufzeiten ist logistisch und rechtlich herausfordernd, aber nicht unmöglich.

Auch Frankreich hat ein Problem mit seinen Atommeilern. Das ist zwar gänzlich anders gelagert, aber gravierend. Seit Monaten steht etwa die Hälfte der 56 Reaktoren im Land still, die elf Gaskraftwerke laufen zur ungünstigsten Zeit am Anschlag. Warum das so ist, das erklärt unser Paris-Korrespondent Gregor Waschinski.

„Gas ist von nun an ein knappes Gut“, warnte Habeck bei der Ausrufung der Alarmstufe. Und es könnte noch knapper und noch teurer werden. Die Bundesnetzagentur hat verschiedene Szenarien berechnet, wie viel Gas im Winter in Deutschland fehlen könnte – mit ernüchternden Erkenntnissen. Die ohnehin hohen Gaspreise steigen weiter.

Und so wird die Energiekrise eines der großen Themen beim G7-Gipfel sein, der am Sonntag in Schloss Elmau beginnt. Schürt sie doch neben der Angst vor einem kalten Winter auch die wachsenden Ängste vor einer Rezession. Die „Zeitenwende“ wirft uns alle zurück.

Was uns diese Woche sonst noch beschäftigt hat:

1. Zugegeben, angesichts der Herausforderungen, vor denen die Welt steht, erscheint das Chaos an Deutschlands Flughäfen banal. Aber wer sich einmal durch die schier endlose Schlange an der Sicherheitskontrolle gequält hat, um dann zu erfahren, dass der Flug gestrichen wird, weil Personal fehlt, um die Maschine abzufertigen oder die Koffer einzuladen, ist schlicht verzweifelt – und das dürfte erst der Anfang sein.

2. Deutschland ist noch stärker auf Seltene Erden aus China angewiesen als auf Öl und Gas aus Russland, warnen Expertenund machen der Politik konkrete Vorschläge, wie sich das ändern lässt. Das entsprechende Papier, das dem Handelsblatt vorliegt, dürfte im politischen Berlin aufmerksame Leserinnen und Leser finden. Schließlich brauchen Deutschland und Europa die Rohstoffe zwingend, um ihre Klimaziele zu erreichen.

3. Allen Krisen zum Trotz sind die Dax-Konzerne schon wieder auf Rekordkurs: Geht es nach den Analysten, dann werden die 40 größten deutschen börsennotierten Unternehmen im laufenden Jahr sage und schreibe 130 Milliarden Euro netto verdienen. Das wäre eine Milliarde Euro mehr als 2021 – und das war bereits das beste Jahr in der deutschen Wirtschaftsgeschichte. Ihre Stärke verdanken sie vor allem der Schwäche des Euro.

4. In dieser Woche irritierte der Außenpolitik-Berater des Kanzlers, Jens Plötner, mit Aussagen zu Russland und China. „Zeitenwende in der Mache“, lautete der Titel der Diskussion, bei der Plötner die Außenpolitik der Bundesregierung erklären sollte. Doch das, was er auf dem Podium sagte, sorgte teils für Erstaunen, teils für Entsetzen – und viel Kritik.

5. Anlegerinnen und Anleger an den europäischen Börsen haben sich am Donnerstag im großen Stil von Bank-Aktien getrennt. Besonders hart traf es die deutschen Großbanken. Als sei der Kurssturz nicht schon genug, gibt es bei der Commerzbank zu allem Überfluss noch intern Zoff. Nach Handelsblatt-Informationen sorgen neue Homeoffice-Regeln und als zu niedrig empfundene Bonuszahlung an außertariflich bezahlte Angestellte für Unmut. Nachzulesen auch im Intranet der Bank, wo sie ihren Frust kundtun.

6. Bis 2030 sollen rund 15 Millionen Elektroautos auf deutschen Straßen fahren. Dabei gibt es nur ein Problem: Es wird nicht genug Lithium zur Verfügung stehen, um diese Ziele zu erreichen. Das zeigen neueste Berechnungen der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe, die dem Handelsblatt vorliegen. Weltweit gibt es Lithium-Reserven von über 21 Millionen Tonnen. Zu einem großen Teil liegen die Vorkommen in Chile, aber auch in Australien. Doch immer wieder kommt es zu Verzögerungen, langwierigen Genehmigungsverfahren und Stillstand bei geplanten Projekten.

7. Rund um den Globus grübeln Millionen Anlegerinnen und Anleger in diesen Tagen angesichts kräftiger Verluste bei vielen Aktien und Indizes: Ist jetzt der richtige Zeitpunkt gekommen, um zu den neuen, preiswerteren Kursen wieder einzusteigen? Das richtige Timing ist so etwas wie der Heilige Gral der Börsianer, weiß mein Kollege Ulf Sommer. Viele suchen ihn – gefunden hat ihn noch keiner. Und doch es gibt es Strategien, die angeblich beim Timing helfen. Wir sagen Ihnen, was sie wirklich taugen.

8. Die Angst vor der Euro-Krise ist zurück. Die Staatsverschuldung ist auf Rekordniveau, die Risikoaufschläge wachsen, die Inflation steigt – und die Frage drängt sich auf: Wie gefährdet ist die Währungsunion? Böse Erinnerungen an das Jahr 2012 werden wach. Die Lage ist heute, zehn Jahre später, eine andere. Besser ist sie nicht, konstatiert ein Team aus Reporterinnen, Reportern und Korrespondenten in unserem Wochenendtitel.

9. Kommen wir zum Schluss zurück zur „Zeitenwende“, von der auch mein Kollege Jens Münchrath in seinem Kommentar schreibt. Er meint damit das sich andeutende Ende einer Ära mit „mit extrem niedrigen Kapitalmarktzinsen, niedrigen Inflationsraten und einer Weltwirtschaft, die sich von Krise zu Krise hangelte – immer wieder gepäppelt durch gigantische Rettungspakete“. Die Rückkehr der Inflation bedeute eine Zäsur, womöglich sogar das Ende der Schuldenillusion.

Zum Schluss noch eine News in eigener Sache: Das Handelsblatt ist Beste Wirtschaftsredaktion 2022. Bei einer Umfrage unter knapp 300 Kommunikationsexpertinnen und -experten, die von den Magazinen „Wirtschaftsjournalist“ und „PR Report“ in Auftrag gegeben wurde, ist das Handelsblatt auf dem ersten Platz gelandet. Wir freuen uns und nehmen es als Ansporn, noch besser zu werden.

Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende – ohne Flugchaos!

Herzlichst
Ihre

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Europäische Energiekrise

Kirsten Ludowig

Stellvertretende Chefredakteurin Handelsblatt

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