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Britische NotenbankAndrew Bailey: Der Mann, der die „alte Dame“ schützen soll

Nach ihrer historischen Zinserhöhung steht die Bank of England am politischen Pranger. Für den Notenbank-Chef geht es jetzt um die Unabhängigkeit.Torsten Riecke 08.08.2022 - 04:00 Uhr Artikel anhören

Andrew Bailey, Gouverneur der Bank of England, nach der Zinsentscheidung am vergangenen Donnerstag.

Foto: Reuters

London. Die Bank of England (BoE) hat in ihrer über 300 Jahre alten Geschichte schon einige „historische“ Stunden erlebt. Was die britische Notenbank jedoch vergangene Woche getan hat, ist wohl ziemlich einmalig: BoE-Gouverneur Andrew Bailey und seine Kollegen erhöhten nicht nur den Leitzins um 50 Basispunkte so stark wie seit 27 Jahren nicht mehr. Die „Old Lady“, wie die Zentralbank liebevoll im Volksmund genannt wird, rief zugleich eine tiefe und lange Rezession aus.

Das ist vor allem auch deshalb unerhört, weil Notenbanken in wirtschaftlichen Krisenzeiten normalerweise die Zinsen senken, um Verbrauchern und Unternehmen mit billigem Geld wieder auf die Beine zu helfen. In der aktuellen Stagflation jedoch, wenn die Inflation auf 13 Prozent zusteuert und die Wirtschaft kaum noch wächst, ist es die erste Pflicht eines Geldwächters, die Preisstabilität wiederherzustellen – auch auf Kosten einer Rezession.

Freunde macht man sich mit einer solchen Rosskur allerdings nicht. Insbesondere nicht bei ehrgeizigen Politikern, die gerade Premierminister werden wollen und dem Parteivolk dafür massive Steuersenkungen versprochen haben. Die Bank of England „redet Großbritannien in eine Rezession hinein“, polterte deshalb die konservative Liz Truss und kündigte an, das Mandat der Notenbank zu überprüfen, sollten die Tories sie am 5. September zur Parteichefin und damit zur neuen Regierungschefin wählen. Zwar legt die Regierung bis heute das Inflationsziel fest, die Bank of England ist jedoch seit 1997 operativ unabhängig.

Notenbankchef Bailey kämpft also nicht nur einen wirtschaftlichen Mehrfrontenkrieg gegen Inflation und Rezession. Er steht dafür auch noch am politischen Pranger und muss um die politische Unabhängigkeit der Bank of England fürchten. Der 63-Jährige musste deshalb das tun, was Notenbanker am wenigsten mögen: sich in eine öffentliche Debatte werfen.

Liz Truss, Außenministerin von Großbritannien und Bewerberin um den Vorsitz der Konservativen Partei, während einer TV-Debatte vergangenen Donnerstag.

Foto: dpa

„Wenn wir jetzt nicht handeln, machen wir die Sache nur noch schlimmer“, verteidigte Bailey in einem langen Interview mit der BBC die Zinserhöhung. Zugleich wies er den Vorwurf von Truss und anderen Konservativen zurück, die BoE hätte viel früher handeln müssen: „Ich würde jeden herausfordern, der vor zwei Jahren hier saß und sagte, es wird einen Krieg in der Ukraine geben.“

Ganz wohl ist ihm dabei allerdings nicht in seiner Haut. Weiß er doch, dass die Notenbank in Erklärungsnot gerät, wenn sie die Inflation bei zwei Prozent halten soll, die Preise aber demnächst um mehr als 13 Prozent steigen sollen. Bailey ahnt, dass die wirtschaftlichen Schmerzen, die er seinen Landsleuten zumutet, um das wieder in Ordnung zu bringen, beträchtlich sind: Die Realeinkommen der britischen Haushalte sollen bis Ende 2023 um 3,7 Prozent zurückgehen – der stärkste Wohlstandsverlust seit 60 Jahren.

Dass Bailey nicht als der beste Kommunikator gilt, macht ihn zu einem vermeintlich leichten Ziel in der politischen Arena. Als er im Frühjahr davon sprach, die BoE sei „machtlos“ gegen die hohen Energiepreise und Lieferengpässe, erweckte er den Eindruck, die Old Lady habe vor der Inflation bereits kapituliert. Kurz danach verunsicherte der Notenbank-Gouverneur seine Landsleute weiter, als er die hohen Lebensmittelpreise als „apokalyptisch“ bezeichnete. Dass er zeitgleich den unter den hohen Lebenshaltungskosten leidenden Beschäftigten riet, es mit ihren Lohnforderungen nicht zu übertreiben, machte die Sache nur noch schlimmer.

Technokrat im politischen Nahkampf

Wie die meisten seiner Kollegen sieht Bailey sich am liebsten als unabhängiger Technokrat, der seinen Auftrag, die Preise stabil zu halten, nach bestem Wissen und Gewissen erfüllt. In einem Crashkurs erfährt der an der Eliteuniversität Cambridge ausgebildete Historiker jetzt, dass sein Job imminent politisch ist, will er die Unabhängigkeit der Bank of England verteidigen.

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Zwar hat Truss bislang nur vage davon gesprochen, den Auftrag der BoE auf den Prüfstand zu stellen. Dass ihre Gefolgsleute jedoch bereits jetzt die Notenbank und ihren Chef zum Sündenbock für die drohende Rezession machen, lässt Böses ahnen.

Bailey hat deshalb jetzt vorsorglich signalisiert, dass er seine Unabhängigkeit nicht kampflos aufgeben will: Es sei Teil der Unabhängigkeit der Bank of England, dass sie sich von Regierungswechseln nicht beeinflussen lasse. Zugleich bekräftigte der Gouverneur, dass er seinen noch bis 2028 laufenden Vertrag erfüllen wolle. Großbritannien stehen also ebenso schwierige wie unruhige Zeiten bevor.

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