Versicherungsbranche: Wie Inflation und Zinswende die Versicherer treffen
Deutschlands größter Versicherer muss sich in einem schwierigen Umfeld behaupten.
Foto: dpaMünchen. Es ist eine Mixtur, die selbst langjährige Branchenexperten wie Jefferies-Analyst Philip Kett von einer „komplexen Angelegenheit“ für die europäischen Versicherer sprechen lässt: Mit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine, der anhaltenden Pandemie, überdurchschnittlich hohen Schäden aus Naturkatastrophen, einer extremen Inflation und der einsetzenden Zinswende steht die Branche vor so vielfältigen neuen Unwägbarkeiten wie noch nie in den vergangenen Jahren.
Für die stets auf Sicherheit und Stabilität bedachte Branche verschieben sich damit die Rahmenbedingungen fundamental. Von einem „unsicheren makroökonomischen Umfeld“, spricht der Vorstandschef des französischen Versicherers Axa, Thomas Buberl.
Umso interessanter ist ein Blick auf die Halbjahreszahlen der Branchengrößen in Europa. Welche Spuren hinterlässt das neue Umfeld bereits in den Zahlen? Welche Erkenntnisse lassen sich aus diesen gewinnen? Im Folgenden ein Überblick über die wichtigsten Fakten, die sich aus den Quartalsberichten ableiten lassen.
Das operative Geschäft
Unsichere Zeiten fördern das Bedürfnis nach Schutz. Bei Europas Versicherern hat das zu einem deutlichen Anstieg der Versicherungsprämien geführt. Das gilt besonders für die gewöhnlich umsatzstärkste Sparte einer jeden Assekuranz: die Schaden- und Unfallversicherung.
Dass die Allianz als Europas größter Anbieter im ersten Halbjahr ein Umsatzplus von 7,2 Prozent erwirtschaftete, lag beispielsweise am Geschäft mit Kfz-Policen, aber auch die Nachfrage nach Haftpflicht-, Wohngebäude- und Hausratversicherungen legte zu. Wettbewerber Zurich brachte es sogar auf ein Plus von 13 Prozent bei den Prämieneinnahmen. Durch mehr Nachfrage ließen sich dort höhere Preise durchsetzen, speziell bei den Industriekunden.
Dagegen schaffte Axa lediglich ein Plus von zwei Prozent. Dort hatte allerdings die Rückversicherungs-Tochter Axa XL ihr Geschäft mit der Absicherung von Naturkatastrophen nach vielen hohen Schäden zurückgefahren und so auf Prämien verzichtet. Dass es auch anders geht, bewies Talanx. Der Versicherer, dessen Rückversicherungs-Tochter Hannover Rück mehr als die Hälfte zu Umsatz und Gewinn beiträgt, steigerte seine Prämieneinnahmen im ersten Halbjahr um 17,7 Prozent. Selbst wenn diese Zahl um Währungseffekte bereinigt wäre, stünden noch hohe 13,5 Prozent an dieser Stelle.
Fazit: Die Versicherer profitieren von den vielen unterschiedlichen Krisen auf der Welt so stark wie lange nicht. Ein Ende dieser Entwicklung ist vorerst nicht abzusehen.
Die Belastungen
Unsichere Zeiten treiben nicht nur die Nachfrage nach Versicherungsschutz, sondern sorgen auch dafür, dass die Summen, die für Entschädigungen an die Kunden fließen, überdurchschnittlich hoch sind. Besonderes Augenmerk gilt dabei den sogenannten Großschäden, zu denen Fälle gezählt werden, die bei den Versicherern mindestens zu Belastungen von zehn Millionen Euro führen.
In der Regel sind es Naturkatastrophen, die besonders teuer werden. Insgesamt 65 Milliarden Dollar kosteten die großen Verwüstungen die Volkswirtschaften rund um den Erdball im ersten Halbjahr nach Berechnungen der Munich Re, gut die Hälfte davon war versichert. Für das gewöhnlich schadenintensivere zweite Halbjahr rechnet Chef-Meteorologe Ernst Rauch bereits mit mehr tropischen Wirbelstürmen über dem Atlantik als üblich. Daneben belasten die Schäden durch den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine.
Die Konsequenzen bekam der italienische Versicherer Generali besonders zu spüren. Abschreibungen auf russische Wertpapiere sowie die Beteiligung am russischen Versicherer Ingosstrach ließen das Ergebnis um gut neun Prozent auf 1,4 Milliarden Euro zurückgehen. Der Allianz drohen ebenfalls Belastungen. Voraussichtlich im dritten Quartal rechnet Finanzchef Giulio Terzariol mit einem Verlust von 400 Millionen Euro durch einen Teilverkauf des Russland-Geschäfts an das Unternehmen Interholding. Hinzu kommen hohe Summen, die voraussichtlich an geschädigte Kunden fließen.
Die Talanx hat deswegen 346 Millionen Euro zurückgestellt. Bei der Munich Re zeichnen sich Schäden von 200 Millionen Euro ab. Ihren Schrecken verloren hat hingegen zuletzt die Coronapandemie. Seit dem ersten Quartal gehen die Schäden zurück. Christoph Jurecka, Finanzvorstand bei der Munich Re, rechnet gar damit, dass die prognostizierten 300 Millionen Euro an Schäden in diesem Jahr ausreichen dürften, obwohl im ersten Halbjahr schon 259 Millionen Euro davon fällig wurden.
Fazit: Das erste Halbjahr war bereits teuer, das zweite könnte noch teurer werden. Das größte Fragezeichen steht hinter den Hurrikans, die voraussichtlich in den kommenden Wochen wieder über den Atlantik ziehen werden und milliardenschwere Schäden anrichten können. Zudem ist nicht absehbar, wie hoch die Belastungen aus dem anhaltenden Ukraine-Krieg noch ausfallen werden.
Die Kapitalanlage
Kaum eine Branche ist eine so große Kapitalsammelstelle wie die Versicherer. Deren Portfolios, die teils dreistellige Milliardenbeträge erreichen, bekamen die Auswirkungen der Zinswende und die hohen Marktschwankungen der vergangenen Monate kräftig zu spüren. Überall fiel das Kapitalanlageergebnis.
Glimpflich kam dabei noch die Hannover Rück davon, wo sich die hauseigenen Vermögensverwalter schon im Januar von einem Großteil ihrer Aktien trennten und im April den Rest verkauften. Das brachte nicht nur einen satten Kursgewinn von 95 Millionen Euro, sondern ersparte auch Kursverluste im turbulenten Börsenfrühjahr.
Den Wettbewerber Munich Re, der in dieser Zeit seinen Aktienbestand nur gering reduzierte, traf es ungleich härter. Unter anderem waren es hohe Abschreibungen auf Aktien, die im zweiten Quartal belasteten. Die laufende Rendite sank in den Monaten von April bis Juni auf 1,6 Prozent, 2,5 Prozent wären das Ziel gewesen. Bei der Zurich belasteten die Verwerfungen an den Kapitalmärkten den Reingewinn, der die Erwartungen der Analysten verfehlte. Gutes Geld verdienen weiter die Versicherer, die ein Standbein als Vermögensverwalter für Dritte haben.
Beispiel Allianz: In der turbulenten Marktphase wuchsen die Erträge für verwaltetes Vermögen. Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum stieg das operative Ergebnis um 1,8 Prozent auf 1,6 Milliarden Euro.
Fazit: Die Versicherer werden die gerade erst begonnene Zinswende noch eine Weile zu spüren bekommen. Mit steigenden Zinsen sinken die Kurse festverzinslicher Wertpapiere, die noch immer den Großteil der Anlage ausmachen. Jedes fällige Papier kann künftig aber zu höheren Zinsen angelegt werden. Langfristig profitiert die Branche also.
Die Lebensversicherung
Warnende Stimmen gab es zuletzt zuhauf, dass sich Kunden angesichts deutlich gestiegener Lebenshaltungskosten bei Abschluss von Lebensversicherungen zurückhalten würden. In der Praxis zeigt sich das noch nicht. Bei der Allianz lief es im ersten Halbjahr am Heimatmarkt Deutschland und in den USA besonders gut.
Dabei zeigten sich bereits die Auswirkungen höherer Zinsen, die die Margen im Neugeschäft steigen ließen. Noch besser lief es für den italienischen Wettbewerber Generali. Der steigerte den operativen Gewinn in der Lebensversicherung im ersten Halbjahr um gewaltige 17 Prozent auf fast 1,7 Milliarden Euro. Auch bei der Munich-Re-Tochter Ergo verzeichnete die Sparte ein starkes Beitragswachstum. Talanx erhöhte das Neugeschäft um 12,2 Prozent auf 205 Millionen Euro.
Fazit: Dass die Menschen durch die anhaltende Inflation weniger Geld für die Altersvorsorge zur Verfügung haben, zeigt sich in den Neuabschlüssen noch nicht. Wenn im Herbst aber hohe Nachzahlungen für Energie drohen, könnte der erfolgsverwöhnten Branche ein Rückgang der Abschlüsse drohen.
Die Aktienrückkäufe
Als „überraschend großen Umfang“ bezeichnete Jefferies-Analyst Philip Kett den Aktienrückkauf von einer Milliarde Euro, den die Axa in den ersten Augusttagen verkündet hatte. Wettbewerber Generali versprach umgehend ebenfalls einen Rückkauf in Höhe von einer halben Milliarde Euro. Darauf folgte Zurich, die mit einem Programm über 1,8 Milliarden Franken nun den Trend anführen.
Bereits Tradition haben Rückkaufprogramme bei der Allianz. Die Münchener hatten im Februar den Rückkauf eigener Aktien in Höhe von einer Milliarde Euro angekündigt. Es war bereits das sechste Mal seit dem Jahr 2017, seitdem wurden zehn Milliarden Euro investiert. Bereits mit der Veröffentlichung der Q3-Zahlen im November rechnet Andrew Sinclair, Analyst bei der Bank of America, mit einem weiteren Programm in Höhe von 500 Millionen Euro. „Danach rechnen wir mit einem Rückkauf in Höhe von jeweils 1,5 Milliarden Euro in den Jahren 2023 und 2024“, so der Analyst.
Fazit: Für Versicherer hat ein Rückkaufprogramm in der Regel unmittelbaren Einfluss auf die Gewinnentwicklung. Der Gewinn je Aktie steigt, weil die Zahl der Aktien reduziert wird. Das gibt dem Aktienkurs gewöhnlich einen Schub.