1. Startseite
  2. Unternehmen
  3. Industrie
  4. Energiekosten: Diese Branchen wollen ihre Preise weiter erhöhen

Chemie, Maschinen, Bau, LebensmittelHohe Energiekosten: Diese Branchen wollen ihre Preise weiter erhöhen

Teure Energie erhöht den Druck zu weiteren Preissteigerungen in der Wirtschaft. Doch wegen der düsteren Konjunkturprognosen wird dies für die Firmen schwieriger.Bert Fröndhoff, Kevin Knitterscheidt, Katrin Terpitz 31.08.2022 - 04:00 Uhr Artikel anhören

Viele Unternehmen wollen die anhaltend steigenden Kosten für Material, Energie und Löhne an ihre Kunden weitergeben.

Foto: dpa

Düsseldorf. Ein großer Teil der deutschen Wirtschaft will auch in den kommenden Monaten die Verkaufspreise erhöhen, um die hohen Belastungen durch teure Energie stemmen zu können. Jedes zweite Unternehmen plant laut einer Umfrage des Ifo-Instituts mit diesem Schritt. Vor allem in der Spezialchemie, im Maschinenbau, bei energieintensiven Baustoffen und bei Lebensmitteln sind nach Recherchen des Handelsblatts weitere Preiserhöhungen absehbar.

Zwar hat sich die Lage bei vielen Rohstoffen im Juni und Juli etwas beruhigt, wie sich etwa in der Petrochemie und beim Stahl zeigt. Doch der Preisanstieg beim Gas – und in der Folge auch beim Strom – ist umso höher. „Von Entspannung kann daher keine Rede sein, die Produktionspreise werden über den Herbst für viele Produktgruppen noch anziehen“, erwartet Ralf Sauter, Partner und Industrieexperte bei der Managementberatung Horváth.

Die Inflation wird also von den produzierenden Firmen weiter befeuert. „Das Problem ist: Viele Preissteigerungen sind noch gar nicht beim Endkunden angekommen, weil sie gestaffelt in mehreren Preiserhöhungsrunden über die Lieferkette hinweg durchgereicht werden und Tarifverhandlungen anstehen“, erläutert Sauter.

Doch ob die Firmen die Belastungen in vollem Maße weitergeben können, ist fraglich. Im ersten Halbjahr gelang ihnen das noch gut: Satte Preiserhöhungen waren möglich, weil ihnen die Kunden die Produkte praktisch aus den Händen rissen.

Mit zunehmend düsteren Konjunkturaussichten und einer damit einhergehenden Zurückhaltung bei den Bestellungen wird dies schwieriger. „Sie müssen individuell und mit Fingerspitzengefühl abwägen, bis zu welchem Grad sie ihre Preise weiter erhöhen, ohne den Absatz, also die Volumen, zu stark zu schmälern. Das wird ein Balanceakt“, sagt Industrieexperte Sauter.

Chemieindustrie

Die Preise für Basischemikalien waren zuletzt stabil – doch wegen höherer Kosten für Energie müssen Abnehmer von Spezialchemikalien dennoch mit Kostensteigerungen rechnen.

Foto: picture alliance / Rupert Oberhäuser

In der Chemieindustrie haben zahlreiche internationale Hersteller vor allem aus den Spezialsegmenten bereits klargemacht, die hohen Kosten für Gas und Vorprodukte an die Kunden weiterreichen zu wollen.

Zwar gibt es positive Signale auf der Rohstoffseite aus der Petrochemie, wo die Preise für Basischemikalien wie Ethylen und Propylen zuletzt stabil oder sogar rückläufig waren. Das kann den weiterverarbeitenden Chemiefirmen Entlastung bringen.

Doch zweifeln viele Experten daran, dass dies nach den Sommermonaten so bleibt. Ohnehin dürfte sich ein solcher Effekt in den Verarbeitungsketten der Chemie bis hin zu Spezialprodukten erst mittelfristig auswirken.

Der weltgrößte Chemikalienhändler Brenntag geht weiterhin fest davon aus, die höheren Kosten im Markt weitergeben zu können. Für die kommenden Wochen ist noch nicht zu erkennen, dass die Nachfrage in der Chemie abreißen könnte. „Für viele unserer Kunden kommt der Preis erst an dritter Stelle. Es geht ihnen nach wie vor um die Verfügbarkeit, also darum, ob sie die Produkte bekommen können und wann“, sagt Brenntag-CEO Christian Kohlpaintner.

Dieser Effekt könnte sich aber im vierten Quartal abschwächen, wenn Europa und die USA tatsächlich in eine Rezession schlittern. Firmen, die dann auf vollen Lägern mit teuer eingekauften Chemikalien und Kunststoffen sitzen, würde sich dann wohl mit neuen Orders zurückhalten.

Nahrungsmittel:

Zahlreiche Lebensmittelhersteller wollen ihre Preise erhöhen, teilweise im zweistelligen Prozentbereich.

Foto: IMAGO/photothek

Auch bei Nahrungsmitteln ist mit weiteren Preissteigerungen zu rechnen. Zwar legten die Verbraucherpreise für Nahrung und alkoholfreie Getränke im August bereits um 16,6 Prozent zum Vorjahresmonat zu. Doch die höheren Preise im Supermarkt spiegeln bei Weitem nicht das Ausmaß der steigenden Produktionskosten wider.

So stiegen etwa die Erzeugerpreise für Butter im Juli um 75,2 Prozent gegenüber Juli 2021. Die Verbraucherpreise für Butter hingegen legten nur um 47,9 Prozent zu. Bei Getreidemehl stiegen die Erzeugerpreise im Juli um 48,9 Prozent, die Verbraucherpreise aber erst um 34 Prozent.

Der HWWI-Rohstoffindex für Nahrungs- und Genussmittel zog im ersten Halbjahr zum Vorjahreshalbjahr um 56 Prozent an. Die Produktion von Nahrungsmitteln ist sehr energieintensiv. „Die weiter steigenden Strom- und Gaspreise bedeuten einen weiteren enormen Kostendruck für die Ernährungsindustrie und bringen sie an die Belastungsgrenze“, heißt es bei der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE).

Süßwarenhersteller Haribo etwa hat bereits angekündigt, seine Preise in den nächsten Monaten zu erhöhen. Die Packung Goldbären hat zwar weiter die unverbindliche Preisempfehlung von 0,99 Euro, sie enthält statt 200 aber künftig nur noch 175 Gramm.

Auch in der Gastronomie dürften die Preise weiter anziehen, auch weil der Mindestlohn im Oktober steigt. Nikolas Niebuhr, Deutschlandchef der Kaffeehaus-Kette Espresso House, erwartet, dass die Unternehmen seiner Branche spätestens im Oktober die Preise massiv erhöhen werden. „Sicher viele im zweistelligen Bereich.“

„Die Kostensteigerungen, vor denen die Hersteller stehen, gefährden zunehmend die Betriebssicherung und damit auch Beschäftigung“, warnt Stefanie Sabet, Geschäftsführerin der BVE. Sie fordert unbürokratische Unterstützung für die Unternehmen, auch um den Druck auf die Endverbraucherpreise abzumildern.

Stahl

Die Preise für Stahl haben zuletzt zwar nachgelassen. Experten rechnen aber damit, dass die Hersteller die höheren Kosten für Gas an ihre Kunden weiterreichen werden.

Foto: dpa

Die Stahlindustrie profitiert schon seit dem Höhepunkt der Coronapandemie von hohen Preisen für ihr Produkt. Zwar hat sich das Niveau mittlerweile stabilisiert, weil die Nachfrage wichtiger Kundensegmente wie der Automobilproduktion und der Baubranche zuletzt nachgelassen hat. Doch Experten rechnen perspektivisch mit weiter steigenden Preisen, die jedoch nicht der guten Nachfragesituation, sondern den hohen Produktionskosten geschuldet sind.

So rechnet die Wirtschaftsvereinigung Stahl damit, dass der Branche allein durch die Gasumlage jährliche Mehrkosten von 500 Millionen Euro entstehen. Blickt man allein auf die marktgetriebenen Preissteigerungen beim Gas, belaufen sich die Mehrkosten ohne Umlage sogar schon auf sieben Milliarden Euro im Vergleich zum Vorjahr.

„Die Gasumlage vergrößert den bereits durch die extremen Preissteigerungen auf den Energiemärkten bestehenden Kostendruck auf die Stahlindustrie weiter erheblich“, sagt Hans-Jürgen Kerkhoff, Präsident der WV Stahl.

Maschinenbau

Der deutsche Maschinenbau konnte seine Exportumsätze im Vergleich zum Vorjahr dank höherer Preise steigern, obwohl die Ausfuhren mengenmäßig gesunken waren.

Foto: dpa

Obwohl die ausländische Nachfrage nach Maschinen zuletzt nachgelassen hat, verzeichnen deutsche Maschinenbauer anhaltend steigende Umsätze. Das liegt vor allem daran, dass viele von ihnen ihre Preise deutlich erhöht haben. So vermeldete der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbauer (VDMA) bei der Bekanntgabe der Halbjahreszahlen der Branche vor wenigen Tagen, dass die Exporte nominal zwar um 2,3 Prozent zugelegt haben.

Real jedoch haben die Ausfuhren um 3,7 Prozent abgenommen – für den Zuwachs waren also allein die Preissteigerungen verantwortlich.

Dass sich die Lage beruhigt, ist nicht zu erwarten. Denn einerseits dürften sich die Preise sowohl für Stahl als auch für Kunststoffe und Elektronikkomponenten infolge der Energiekrise weiter erhöhen. Andererseits sind viele Maschinenbauer immer noch von Materialengpässen betroffen.

Dabei zeigen sich viele Branchenvertreter überzeugt, ihre Kosten an die Kunden weiterreichen zu können. Bereits im Mai hatten 78 Prozent der Unternehmen in einer Umfrage von PwC angekündigt, die Verkaufspreise für ihre Produkte erhöhen zu wollen.

Baubranche

Die rasant gestiegenen Kosten sorgen bei einigen Bauprojekten für Absagen und Verzögerungen. Experten rechnen jedoch mittelfristig mit Nachholinvestitionen, wegen derer die Nachfrage wieder anziehen wird.

Foto: dpa

Die hohen Kosten für Baumaterialien wie Bewehrungsstahl, der Betonbauteile verstärkt, Zement oder Bitumen sorgen schon seit Längerem für einen Nachfrageeinbruch in der Baubranche. Zahlreiche in der Planung befindliche Projekte wurden bereits abgesagt oder aufgeschoben – in der Hoffnung, dass der Preisdruck in absehbarer Zeit nachlassen könnte.

Anzeichen dafür gibt es allerdings kaum. Im Gegenteil, viele Experten rechnen damit, dass die Kosten in den kommenden zwei Jahren weitersteigen werden.

Eine Untersuchung von PwC kommt zu dem Schluss, dass die Kosten auf dem Bau – getrieben durch hohe Material- und Energiepreise, Fachkräftemangel sowie steigende Anforderungen durch mehr Regulierung – in den kommenden zwei Jahren um insgesamt 20 Prozent steigen könnten.

Befeuert wird der Preisdruck dabei auch von einer Erholung der Nachfrage, mit der viele Experten rechnen. So schätzt etwa Anna Prahl, PwC-Managerin im Bereich Real Estate: „Wir gehen davon aus, dass viele Auftraggeber in den kommenden Jahren Nachholinvestitionen tätigen werden.“

Auto

Wegen hoher Nachfrage haben viele Autohersteller zuletzt Preise erhöht und Rabatte gestrichen. Die Branche muss sich dennoch auf sinkende Margen einstellen.

Foto: dpa
Verwandte Themen
PwC
Brenntag
Inflation
Haribo

Die großen Autohersteller haben im ersten Halbjahr bestens verdient – trotz oder gerade wegen des Halbleitermangels. Zwar musste die Fahrzeugproduktion wegen des Chipmangels gedrosselt werden. Doch andererseits konnten die Autobauer wegen der großen Nachfrage die Preise kräftig anheben und Rabatte streichen.

Doch müssen sich die Autobauer nun auf ein schwierigeres Geschäftsumfeld mit sinkenden Margen einstellen, wie die Beratungsgesellschaft EY prophezeit. Entspannung sei bei den Material-, Logistik- und Energiepreisen nicht in Sicht. Und mit der drohenden weltweiten Rezession könnten sich zunehmend Probleme auf der Nachfrageseite anbahnen, warnt EY. Da erscheint es fraglich, ob die Kunden immer weitere Preiserhöhungen mitgehen.

Mehr zum Thema
Unsere Partner
Anzeige
remind.me
Jetziges Strom-/Gaspreistief nutzen, bevor die Preise wieder steigen
Anzeige
Homeday
Immobilienbewertung von Homeday - kostenlos, unverbindlich & schnell
Anzeige
IT Boltwise
Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik
Anzeige
Presseportal
Direkt hier lesen!
Anzeige
STELLENMARKT
Mit unserem Karriere-Portal den Traumjob finden
Anzeige
Expertentesten.de
Produktvergleich - schnell zum besten Produkt