Energie: Was tun gegen die hohen Strompreise? Ökonomen warnen vor Eingriffen
Wenn die Strompreise sinken, fallen auch Anreize für Investitionen weg.
Foto: dpaBrüssel. Es klingt wie ein Durchbruch in einer verfahrenen Situation: Die EU scheint sich mit den meisten ihrer Mitgliedstaaten einig zu sein, dass die Strompreise auf dem Kontinent nun gedeckelt werden.
Doch Ökonomen warnen eindringlich davor, in die Preisbildung auf dem Strommarkt einzugreifen. Ein Preisdeckel könnte das Problem noch verschlimmern, sagen sie.
„Wegen einiger Tage mit hohen Preisen einen Preismechanismus aus den Angeln zu heben, ist ein Schnellschuss“, meint etwa Sebastian Herold, Energieökonom an der Hochschule Darmstadt. „Ein Eingriff kann zu seltsamen Effekten führen“, warnt Strommarktanalyst Fabian Ronningen von der Beratungsfirma Rystad. „Es gibt zu viele bewegliche Teile, die sich kaum kontrollieren lassen.“
Eine der größten Gefahren liegt im Handel mit dem Ausland. Wenn Deutschland seinen Strom billiger macht, könnte er in die benachbarten Märkte abfließen und mit ihm die Subventionen, die der Staat investiert hat. Das Problem bleibt auch dann bestehen, wenn sich die EU-Staaten gemeinsam auf einen Preisdeckel einigen. In diesem Fall kann vergünstigter Strom ins Nicht-EU-Ausland, etwa nach Großbritannien, abfließen.
Der Effekt ist in Spanien derzeit zu beobachten. Das Land hat gemeinsam mit Portugal Subventionen für den Strommarkt beschlossen. Seit Juni bezahlen die Staaten einen Teil des Gases, das zur Stromproduktion verwendet wird. Die Rede ist auch von einem Gaspreisdeckel. Damit haben die beiden Länder die Strommärkte näher an ihr altes Gleichgewicht gebracht, die Preise sind spürbar gesunken.
Mit einem Preisdeckel ließe sich ein Abfluss des Stroms kaum verhindern
Doch seitdem fließt deutlich mehr Strom aus Spanien nach Frankreich. Die spanischen Steuerzahler bezuschussen also auch den Verbrauch im Nachbarland. Der Effekt ist begrenzt, weil das Stromnetz auf der Iberischen Halbinsel nur unzureichend mit dem Netz in Frankreich verbunden ist. Außerdem wurde die Kapazität der Verbindungsleitung mit Einführung der Subvention weiter reduziert.
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Bei einem Preisdeckel in Deutschland oder ganz Europa würde sich der Abfluss kaum abstellen lassen. Die Stromnetze in Westeuropa sind eng miteinander verbunden, auch mit Großbritannien. Die Verknüpfungen sorgen für einen möglichst effizienten Stromaustausch, der letztlich allen Marktteilnehmern dient, die Liquidität der Strommärkte und die Versorgungssicherheit erhöht. Sie zu kappen würde die Probleme weiter verschärfen.
Außerdem folgen die Strommärkte zwar den gleichen Regeln wie die EU-weiten Regeln. Doch die Marktteilnehmer verhalten sich unterschiedlich. In Spanien wird viel Strom kurzfristig auf dem Spotmarkt gehandelt. In Deutschland und anderen Ländern decken sich Unternehmen auf Terminmärkten langfristig mit Strom ein. „Der spanische Eingriff ist ganz auf den Spotmarkt gemünzt“, sagt der Energieökonom Lion Hirth von der Hertie School in Berlin. „Manche Produzenten würden von den Subventionen profitieren, obwohl sie mit ihren Kunden längst einen Preis vereinbart haben. So steigen die Gewinne weiter.“
Sebastian Herold, Energieökonom von der Hochschule Darmstadt, sorgt sich zudem um das Preissignal: „Nur wenn Strom teuer ist, sinkt der Verbrauch“, sagt er. „Es ist eine Illusion, dass der Staat den gleichen Effekt durch Zwangsmaßnahmen erreichen kann.“ Außerdem würden Investitionen in neue Wind- und Solaranlagen aufs Spiel gesetzt: „Wir brauchen vieles, aber keinen Staat, der durch Interventionen Unsicherheiten in den Markt bringt“, sagt Herold.
Doch was ist die Alternative? Die Ökonomen plädieren dafür, Preissprünge zu akzeptieren. „Der Markt funktioniert und wir brauchen ihn, gerade jetzt“, sagt Hirth. „Besonders Betroffene sollten wir unterstützen, aber eben nicht durch eine Manipulation der Großhandelspreise.“ Wenn Unternehmen dann keinen Gewinn mehr machen können, müssten sie vorübergehend aus dem Markt ausscheiden. Dann würden auch die Preise für andere Verbraucher wieder sinken. Haushalte und systemrelevante Unternehmen würden besser mit Direktzahlungen unterstützt.
Ökonomen uneins im Bezug auf Übergewinnsteuer
Hirth plädiert dafür, einmalig Gewinne von Unternehmen abzuschöpfen, die in der Krise besonders viel verdienen. Herold ist dagegen. „Emotional finde ich die Forderung nachvollziehbar“, sagt er. „Aber ein Übergewinn ist schwer zu definieren und für die Unternehmen ist ein hoher Gewinn ein wichtiger Anreiz, um in neue Anlagen zu investieren.“
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Beruhigend kann sich auf den Markt auswirken, wenn das Stromangebot ausgeweitet wird. Viele Möglichkeiten gibt es dazu nicht, außer Kohlekraftwerke aus der Reserve zu holen. Die deutschen Atomkraftwerke wie geplant zum Jahreswechsel vom Netz zu nehmen, würde die Situation nach Meinung vieler Experten dagegen weiter verschärfen. Noch ist unklar, welche Maßnahmen die EU-Kommission genau vorschlagen wird. Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen sieht sie aber nur als „Vorstufe“ für „tiefgreifende strukturelle Reformen“.
Ansatzpunkt dafür ist die „Merit Order“, also das Prinzip, dass Strom aus unterschiedlichen Quellen zum gleichen Preis vergütet wird und die teuerste Stromquelle den Preis setzt. Schon vor einem Jahr hatten südeuropäische Regierungen das gefordert, die Debatte war aber durch einen Expertenbericht beendet worden: Im April hatte Acer, der Zusammenschluss der europäischen Energieregulierungsbehörden, eine 78-seitige Analyse des Marktdesigns vorgelegt. Alle Maßnahmen, die dieses Prinzip außer Kraft setzen, „bergen erhebliche Risiken“, heißt es darin.
Im Acer-Bericht finden sich eine Reihe von Verbesserungsmaßnahmen für den Strommarkt, die etwa bewirken sollen, dass sich der Strombedarf minutengenau an das Angebot anpassen kann. Änderungen am Prinzip der Merit Order werden nicht empfohlen.
Von der Leyen will es nun trotzdem probieren: „Der Gaspreis darf nicht den Strompreis dominieren“, sagte sie am Montag in Berlin bei einer Veranstaltung mit Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne). Auch der ist entschlossen: „Dass es kompliziert ist, heißt nicht, dass es nicht angegangen werden kann“, sagte er. „Dass Aufgaben komplex sind, ist keine Ausrede mehr.“